Sulzbrunn – ein Ort mit drei außergewöhnlichen Besonderheiten

Jodquelle, Gemeinschaft und "Snottites"

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Im Haus „Lug ins Land“ (rechts im Bild) können zehn bis zwölf Parteien wohnen.

Sulzberg – Auf dem Gelände der ehemaligen Suchtklinik „Römerhaus“ in Sulzbrunn vereinen sich gleich drei außergewöhnliche Besonderheiten: Erstens befindet sich hier eine der ältesten und reinsten Jodquellen Europas. Zweitens beheimatet das Gebiet eine wissenschaftliche Sensation mit Namen „Snottites“. Und drittens entsteht auf dem Areal derzeit ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt – die Gemeinschaft Sulzbrunn.

Mitten in einem entlegenen Waldgebiet über Sulzberg, auf 875 Höhenmetern, liegt das ehemalige Jodbad Sulzbrunn. Auf dem weitläufigen Gelände ist eine der ältesten und reinsten Jodquellen Europas zu finden. Die Heilkraft dieses Wassers bildete die Basis für einen bis zum Zweiten Weltkrieg florierenden Kurbetrieb. Zuletzt fanden spielsüchtige Menschen hier, in der „Klinik Römerhaus“, eine der letzten Therapiemöglichkeiten in Bayern. Nach deren Schließung lag das Areal mit seinen sieben Gebäuden brach. Bis eine Handvoll Idealisten den Mut hatte, hier oben ihre Vision von einer Lebens- Arbeits- und Wohngemeinschaft umzusetzen. Und auch die Jodquelle ist wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Wie Wissenschaftler feststellten, kann man in dem alten Quellschacht dem Ursprung allen Lebens auf die Spur kommen.

Seit Jahrtausenden tritt aus dem unauffälligen, grasbewachsenen Hang, gut drei Kilometer oberhalb der Gemeinde Sulzberg, salzhaltiges Wasser aus dem Boden. Die braune Färbung, die es dabei auf dem Gestein hinterlässt, lässt auf seinen Jodgehalt schließen. Wohl weil die morastige Salzlache auffällig häufig von Wildtieren aufgesucht wurde, entdeckten irgendwann auch die Menschen die besondere Kraft dieses Wassers. Fundgegenstände aus der Illyer- und Römerzeit sowie aus dem Hochmittelalter deuten auf eine Jahrtausende lange, zumindest teilweise Nutzung der insgesamt fünf Quellen hin.

Heilung eines "mächtigen Kropfes" 

"Doch erst als der Wirt Pankratius Kapitel aus Oberzollhaus im Jahr 1837 durch dreimonatiges Trinken des Wassers vollkommen von seinem `mächtigen Kropf´ geheilt wurde, wie es in Niederschriften aus der Zeit heißt, wurde der Quelle wieder Beachtung geschenkt. Kropfleiden waren besonders im Allgäu weit verbreitet, weswegen der Vorfall einiges Aufsehen erregte. Das Wasser wurde untersucht und seine Heilwirkung wissenschaftlich bestätigt“, erzählt Franz Hösle. Der pensionierte Lehrer und ehemalige Sulzberger Gemeinderat beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Jodquelle und ihrer Geschichte und ist kompetenter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um dieses natürliche Kleinod.

Das "merkwürdigste Wasser Europas" „Der berühmte deutsche Chemiker Justus von Liebig bezeichnete das Sulzbrunner Mineralwasser 1857 als `das merkwürdigste von Europa´, da es wegen nur geringer Spuren von Brom zu den reinsten Jodwassern Europas gerechnet werden kann“, berichtet Hösle weiter. Der Kemptener Bezirksarzt und Bürgermeister Dr. Karrer erkannte früh die Bedeutung des Heilwassers. Er pachtete die „Römerquelle“ gemeinsam mit dem Magistrat Bartl aus Kempten, ließ das Heilwasser ab 1840 in Flaschen abfüllen und verkaufte es. 1851 kaufte ein Münchner die Quelle und ließ sie neu fassen. Ein Jahr später entstand die erste Badeanstalt, welche bald darauf zur Kuranstalt erweitert wurde. 1872 folgten ein Patientenhaus und ein Kurpark. Das „Jodbad Sulzbrunn“ war jahrzehntelang ein florierender Kurbetrieb. Hier fanden Patienten und Kurgäste vor allem Heilung bei Bluthochdruck und Entzündungen sowie Gefäß-, Haut-, Schilddrüsen- und Stoffwechselerkrankungen. 1895 wurde für die große Zahl an Kurgästen an der Außerfernbahn sogar ein eigener Bahnhof mit dem Namen „Jod- bad-Sulzbrunn“ gebaut, von wo die Gesundheitssuchenden mit der Kutsche abgeholt wurden (der Bahnhof wurde Ende 2008 stillgelegt). Das besondere kleine Dorf Im Lauf der Zeit entwickelte sich das Areal zu einer Art kleinem Dorf. Um eine Vorstellung von den Dimensionen zu bekommen, hier eine kurze Beschreibung: Das gesamte Gelände umfasst eine Fläche von 15,5 Hektar, die je zur Hälfte aus Wald und Wiesen besteht. Darauf befinden sich sieben Gebäude mit einer Nutzfläche von rund 5000 qm. Die Gebäude bieten neben Wohnraum auch eine professionelle Großküche, einen Speisesaal mit Platz für circa 30 Personen, eine 240 Quadratmeter große Turnhalle, je eine Holz- und Metallwerkstatt, Seminarräume, eine Sauna, eine eigene Kläranlage u.v.m. Zudem gibt es zwei große, beheizbare Gewächshäuser. In 600 Meter Entfernung befindet sich eine Bushaltestelle, von der fünf- bis sechsmal täglich Busse ins gut zehn Kilometer entfernte Kempten fahren.

Die "Suchtklinik Römerhaus" 

Mit dem 2. Weltkrieg kam der Kurbetrieb zum Erliegen. Seither fließt das Wasser wieder ungenutzt den Hang hinunter. Erst im Jahr 1960 übernahm das Diakonissen Mutterhaus Hensoltshöhe das Anwesen und baute es zu einer Heilstätte für Suchterkrankte, der „Suchtklinik Römerhaus“, aus. Je 23 bis 24 Patienten konnten hier in Langzeittherapie behandelt werden. 2014 wurde die Klinik vom Träger als „finanziell nicht mehr tragbar“ eingestuft. Nach der Schließung lag das Gelände brach.

Faszinierender unterirdischer Schacht 

Doch noch immer kann man über eine Leiter in den alten, acht Meter tiefen, senkrechten Schacht hinabsteigen, der in einen 18 Meter langen, 1,45 bis 1,60 Meter niedrigen und 80 Zentimeter breiten Gang mündet. Dieser führt zu einer kleinen Mauerbrüstung, hinter der es nochmals zwei Meter in die Tiefe geht. Dort liegt das circa zehn Quadratmeter große und bis zu 1,85 Meter tiefe Quellbecken. Pro Tag fließen rund 4800 Liter Heilwasser durch eine Halbzollleitung zu einem Brunnen nach außen. Etwa genauso viel des kostbaren Nass´ sammelt sich im Stollen selbst an. Hösle sieht hier immer nach dem Rechten. Um den Schacht, der durch einen fest verschlossenen Deckel gesichert ist, überhaupt betreten zu können, muss dieser zunächst leergepumpt und anschließend – ganz einfach, mit einer an einem Seil in die Tiefe abgelassenen Kerze – auf seinen Sauerstoffgehalt überprüft werden.

Der Ursprung allen Lebens in Sulzbrunn? 

Bei einer routinemäßigen Erfassung von Allgäuer Quellen stieß der Chefgeologe des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz (LfU), Roland Eichhorn, vor vier Jahren im Schacht der Sulzbrunner Jod-quelle zufällig auf eine Besonderheit, die sich als Sensation entpuppen sollte: Die Decke des Stollens war über und über bedeckt mit bis zu zehn Zentimeter langen, milchig weißen und sulzigen Tropfsteinen. Auch die Wände waren flächig vom gleichen Biofilm überzogen (im Jahr 1991 war diese Schicht bei Reinigungsarbeiten achtlos mit dem Hochdruckreiniger entfernt worden – und glücklicher Weise wieder nachgewachsen). Die eilig hinzugezogenen Experten des renommierten Helmholtz-Zentrums in München fanden heraus, dass diese wabbeligen, „lebenden Stalaktiten“ aus Einzellern der Gattung Snottites bestehen. „Diese ähneln stark den Urbakterien, die auf die Entstehungszeit unseres Planeten vor fast vier Milliarden Jahren zurückgehen“, so Hösle. Sie könnten somit Einblicke in die Entstehung des Lebens geben. „Snotittes entsteht offenbar nur durch die hier gegebene besondere Mischung von wenig Sauerstoff und wenig Methangas mit Jod und Schwefel, bei einer bestimmten Temperatur, wenig Luftbewegung und in der Dunkelheit.“ Ähnliche Mikroorganismen wurden bisher nur an drei weiteren Orten auf der Erde gefunden.

Auch die NASA zeigt Interesse 

Seit dieser spektakulären Entdeckung laufen Untersuchungen, die bis in die USA Aufsehen erregen. „Sogar von einem NASA-Besuch war schon die Rede. Die könnte sich dann ihre Forschungen auf dem Mars sparen“, schmunzelt Hösle. Die Kaverne ist aufgrund der laufenden Forschung bis auf weiteres nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Im Inforaum, der eine Station des Historischen Erlebnis-Wanderweges darstellt, können Interessierte sich aber dank Fotos, Texten und einem Filmbeitrag einen Eindruck von der faszinierenden Ur-Welt im Berg verschaffen. „Ich hoffe sehr, dass unser Jodwasser eines Tages wieder genutzt wird“, sagt Franz Hösle. „Es ist eine Sünde dieses kostbare Naturgut einfach wegfließen zu lassen.“

WG mit Vision: Die Gemeinschaft Sulzbrunn 

Sein Wunsch scheint erhört worden zu sein. Denn die neuen Käufer des Geländes können sich grundsätzlich eine zukünftige Nutzung der Quelle vorstellen. Die Rede ist von der Gemeinschaft Sulzbrunn. Sie hat das gesamte Areal zum Gesamtpreis von 2,7 Millionen Euro (zuzüglich Nebenkosten) erworben und möchte hier eine alternative Lebens- Wohn- und Arbeitsgemeinschaft ohne religiöse Ausrichtung aufbauen, in der ökologische Nachhaltigkeit, Basisdemokratie und soziale Gerechtigkeit gelebt werden. „Hier können bis zu 50 Erwachsenen mit ihren Kindern leben“, sagt Herbert Rehle-Reich, einer der Mit-Initiatoren des Projektes, der als gelernter Schreiner einen eigenen Handwerksbetrieb führt. Seine Beweggründe für das Projekt beschreibt er so: „Ich habe einfach gern Menschen um mich, die ich mag und ich habe es gern lebendig. Ich selbst bin in einer großen Familie auf einem Dorf aufgewachsen – es ist einfach schön, in einer Gemeinschaft zu sein.“

Derzeit werden Mitbewohner gesucht, die sich gerne in eine Mehrgenerationen-Gemeinschaft einbringen möchten. Wer sich nach einem längeren Prozedere der Annäherung, während dem auch die Grundlagen des Zusammenlebens erläutert werden („Wir-Prozesse“ nach Scott Peck, Entscheidungen nach dem Konsensverfahren, die Bereitschaft, pro Woche 5 Arbeitsstunden für die Gemeinschaft zu leisten u.a.), dafür entscheidet, Teil der Gemeinschaft zu werden, muss als Erwachsener einen Genossenschaftsbeitrag von einmalig 30.000 Euro bezahlen. „Bei 50 Genossen hätten wir bereits die Hälfte des Kaufpreises refinanziert“, so Herbert Rehle-Reich. Der Rest der Rückzahlungen soll zum einen durch Mieteinnahmen erfolgen – pro Quadratmeter werden für die Genossen ab dem elften Quadratmeter Wohnfläche fünf Euro fällig, zuzüglich 2,80 Euro Kaltmiete und einer monatlichen Umlage von 60 Euro für die Gemeinschaftsflächen. Zum anderen ist geplant, die Turnhalle für Veranstaltungen zu vermieten und vor allem einen Seminarbetrieb zu starten, bei dem auch externe Interessenten die Räumlichkeiten nutzen können. Darüber hinaus können einige Wohnungen fremdvermietet werden. „Wir rechnen damit, dass durchschnittlich 40 Quadratmeter Wohnraum benötigt werden“, sagt Rehle-Reich. „Aber jeder soll so viel bekommen, wie es seinem Bedürfnis entspricht“, betont er. „Jede Wohnung hat eine eigene Küchenzeile. Aber es wäre schön, wenn wir unsere Mahlzeiten gemeinsam einnehmen würden“.

Gelebte Achtsamkeit und Nachhaltigkeit 

Inzwischen ist die Zahl der Genossen auf 23 angestiegen. Viele davon sind im Alter 50+, aber auch junge Leute um die 25 bis 30 Jahre sind vertreten, wie auch einige wenige Familien. Rund 20 Menschen wohnen zurzeit in der Gemeinschaft Sulzbrunn. Davon sind zwölf Genossen, sechs sind Interessenten, die sich „in Annäherung“ befinden. Hinzu kommen einige Studenten als Untermieter. Andere sind schon oder noch dabei, ihr zukünftiges Zuhause zu renovieren. Die Substanz der Häuser ist sehr gut. Gemäß eines Grundgedankens der – grundsätzlich dogmenfreien – Gemeinschaft werden sie nach baubiologischen Gesichtspunkten, mit natürlichen Böden und biologischen Farben auf Vordermann gebracht. Auch bei der Ernährung wollen sich die Bewohner auf nachhaltig biologisch erzeugte Produkte beschränken. „Langfristig würden wir auch gerne in Richtung Selbstversorger gehen“, erklärt Rehle-Reich. In den beiden Gewächshäusern, die im vorletzten Winter von den Schneemassen eingedrückt und dabei stark beschädigt worden waren, war im Sommer 2015 schon wieder Gemüse angepflanzt worden.

Wohlwollend aufgenommen 

„Teilweise haben die Menschen auch ihre Berufe mit hierher gebracht“, ergänzt Leo Frühschütz. Er selbst will im Sommer mit seiner Frau und der Tochter im Teenageralter von Seehausen am Staffelsee hierher umziehen. „Einer der Genossen hat seine psychotherapeutische Praxis hier, ein anderer betreibt einen kleinen Bioversand. Wir könnten uns auch vorstellen, dass die vorhandenen Werkstätten wieder gewerblich genutzt werden können“. Bis 2018, so hoffen die jetzigen Bewohner, soll die Gemeinschaft vollzählig sein. Das Angebot an die Gemeinde, zehn Asylbewerber hier unterzubringen, zeigte bislang keine Resonanz. Und die Nachbarn? „Die sind der ganzen Sache gegenüber sehr aufgeschlossen, freuen sich Rehle-Reich und Frühschütz. „Das Interesse ist groß. Und wir gehen unsererseits sehr offen mit Informationen um und sagen den Leuten, was wir hier vorhaben. Bisher waren alle sehr zuvorkommend und wohlwollend. Wir erfahren viel Unterstützung.“ Auch Franz Hösle freut sich über die neuen Eigentümer. „Die Gemeinschaft hat tatsächlich vor, die Heilquelle, dieses kostbare Naturgut wieder zu nutzen. Einige der Bewohner trinken schon jetzt täglich davon!“

Sabine Stodal

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