Funktionierendes Inklusionsbeispiel

Beeindruckt vom ART Hotel

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Diskutierten über den Vorbildcharakter des ART Hotels: (v.l.) Sozialpädagogin Monika Kus, Hoteldirektor Claus Quasten, Klaus Trunzer (Grüne Kreisverbandsvorstand Kempten), Grünen-MdB Ekin Deligöz, Grünen-Bundestagskandidatin Erna Kathrein Groll und Josef Leicht (Vorsitzender Körberbehinderte Allgäu e.V.).

Kempten – Beeindruckt zeigte sich Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz vom Allgäu ART Hotel, das sie zusammen mit der Kemptener Stadträtin und Parteikollegin – und nach den Wahlen im Herbst ja vielleicht auch Mitstreiterin im Bundestag – Erna Kathrein Groll vergangene Woche besuchte.

Dabei ging es vor allem darum, ob dieses funktionierende Inklusionsbeispiel auch auf andere Projekte übertragen werden kann und was Politik leisten muss, um solche Projekte voranzubringen und zu unterstützen. Den Fragen der beiden Grünen-Politikerinnen standen Josef Leicht, Vorsitzender des auch als Pächter des Hotels fungierenden Vereins für Körperbehinderte Allgäu, und Hoteldirektor Claus Quasten Rede und Antwort.

Sie zeichneten ein Bild von den ersten Überlegungen für das Projekt bis zum bereits „sehr gut angenommenen“ Hotel, das nicht nur bei der Bahn als „Point of Interest“ gelistet sei, sondern, so Quasten, von der Deutschen Zentrale für Tourismus auch als „Aushängeschild“ genutzt werden möchte, da es mit seinem „weit und breit vollständigstem Angebot“ in Deutschland praktisch „einzigartig“ sei. Wie er betonte seien Menschen mit Handicap aber nur „eine weitere Zielgruppe“, denn das Selbstverständnis des ART Hotels sei es ein barrierefreier Ort der Begegnung für „alle Menschen“, also sowohl für Familien wie Geschäftsreisende, für Menschen mit und ohne Handicap zu sein.

Auch für die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung interessierte sich Deligöz, die laut Quasten „insgesamt ganz gut läuft“, abgesehen von gelegentlichem „Auffangen“ von Mitarbeitern. Aufgrund der unterschiedlichen Leistungsgrenzen könne in hektischen Zeiten schonmal Unmut bei nichtbehinderten Mitarbeitern entstehen, die neben ihrem eigenen Arbeitspensum auch die Arbeit der Behinderten und daher nicht so stark belastbaren Kollegen im Auge behalten müssen. Das könne auch nicht durch mehr behinderte Mitarbeiter ausgeglichen werden, da ja immer ein Nichtbehinderter zur Seite stehen müsse und die Zuschüsse generell „nicht alles ausgleichen“. „Ohne Konflikte läuft es sicher nirgends“, sprach Klaus Trunzer, Kreisverbandsvorsitzender Grüne Kempten, auch den Druck auf der Seite der Behinderten an, die es ja auch selbst spürten „dass sie nicht das gleiche leisten können“.

Deligöz sah weniger ein Problem beim Sozialgesetzbuch –„SGB II und III sind eigentlich ganz gut“ – als darin, „dass es zu wenig Arbeitsplätze gibt“. Manche Unternehmen würden schon keine Mütter mehr einstellen, schüttelte sie den Kopf darüber, „wenn Mütter schon als Behinderte gelten“. Aus Sicht der Sozialpädagogin Monika Kus „müsste es noch einen Zwischenmarkt geben“, da es die meisten Unternehmen so auch nicht stemmen könnten. Sie kritisierte aber auch, dass aus Sicht vieler Arbeitgeber „ich heute schon ab 50 ein Handicap habe“, man aber bis 70 arbeiten ­müsse.

Mit Hinweis auf die rechtliche Situation in Deutschland, die Leuten Schadenersatz zuerkenne, wenn am Nebentisch im Restaurant Behinderte sitzen, lobte sie das ART Hotel als „Meilenstein“, denn „Inklusion steckt noch in den Kinderschuhen“. Groll empfand es deshalb auch als besonders schön, dass hier „auf ganz normalem Weg Begegnungen stattfinden können“. Dass der Hotelbetrieb wie geplant ab dem dritten, vierten Jahr schwarze Zahlen schreiben werde bezweifelte sie nicht. Kempten verzeichne eine steigende Zahl an Kurzzeitübernachtungen und sei nicht saisonabhängig und die Synergien mit den angrenzenden Einrichtungen des Körperbehinderte Vereins wie Physiotherapie oder Pflegepraxis sah sie als weiteren Pluspunkt. „Ich glaube Sie haben hier einen Markt entdeckt“, meinte Deligöz nach dem Hausrundgang.

Christine Tröger

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