"Am Grünten ist genug los!"

Viele Teilnehmer bei der Infoveranstaltung der Bürgerinitiative "Rettet den Grünten" in Sulzberg

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Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Festsaal des Hirschen in Sulzberg, als am Dienstagabend die Begründer der Bürgerinitiative „Rettet den Grünten“ zu einer Informationsveranstaltung eingeladen hatten. Gekommen waren überwiegend Gegner des Projektes „Grünten Bergwelt“, aber auch die Rettenberger Investoren-Familie Hagenauer und Befürworter waren anwesend.

Sulzberg – Derzeit bewegt die Gemüter im Allgäu ein großes Thema. Die Familie Hagenauer aus Rettenberg plant, den Grünten touristisch mit einer „Grünten BergWelt“ zu beleben, nachdem Familie Prinzing vor zwei Jahren den

Winterbetrieb ihrer Grüntenlifte eingestellt hat und sich die großspurigen Pläne eines Schweizer Investors in Luft aufgelöst hatten. 

Laut Planungen von Familie Hagenauer könnte am Allgäuer Hausberg an der Nordwest-Seite ein sogenannter „Rollglider“ also Schienen, an denen Abenteuerlustige gesichert an Gurten ins Tal gleiten können, eine neue Zehner-Gondelbahn für den Ganzjahresbetrieb und ein neuer kuppelbarer Sechser-Sessellift sowie ein kindgerechter Tellerlift für den Winterbetrieb entstehen. Darüber hinaus soll eine neue Grünten-Hütte im Allgäuer Stil errichtet werden, die im Indoorbereich 150 Gästen Platz bietet und im Outdoorbereich weitere 450. Es ist zudem angedacht, Übernachtungsmöglichkeiten für 50 Gäste zu schaffen. Abgerundet werden soll das touristische Angebot an der Grüntenhütte durch einen Streichelzoo mit Alpakas und Spielgeräten für Kinder. 

Widerstand
Gegen diese Pläne formiert sich seit geraumer Zeit großer Widerstand. So wurde eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Rettet den Grünten“ gegründet, die ein solches Invest in Zeiten des Klimawandels als unangemessen bewertet. Vielmehr sollen nach Meinung ihrer Mitglieder Fauna und Flora rund um den Grünten im derzeitigen Zustand erhalten bleiben und die dortige Alpwirtschaft nachhaltig unterstützt werden. Nun luden die Verantwortlichen rund um die beiden Sulzberger Maximilian Stark und Nadja Ewald-Harich zu einer Informationsveranstaltung in den Gasthof Hirsch nach Sulzberg ein. Das Interesse war groß und so kamen geschätzte 400 Interessierte zur Versammlung. Zu Beginn wurden die mutmaßlichen Pläne zum Bau der „Grünten BergWelt“ den Anwesenden im Detail vorgestellt. 

Die Sprecher der Bürgerinitiative befürchten, dass sich das Leben rund um den Allgäuer Hausberg zu einem „Rummelplatz“ entwickelt. Der Ganzjahresbetrieb eines Rollgliders werde viele Tagesgäste aus Württemberg und Bayern anlocken und zu einem erheblichen Anstieg des Verkehrsaufkommens führen. Auch befürchtet man, dass es zu größeren Rodungen in den Bergwäldern kommt und die Beschneiungsanlagen dem Boden zu viel Grundwasser entziehen werden. Der Betrieb einer wesentlich vergrößerten Grüntenhütte würde zu einer weitläufigeren Bebauung führen und signifikant mehr Energie benötigen. Größtes Ärgernis aber sei der Bau des Rollgliders, von den Befürworten auch als „Walderlebnisbahn“ bezeichnet, bei der, „der Grünten als Kulisse für ein Fahrgeschäft missbraucht wird“, so Stark und Ewald-Harich von der Initiative. Zwei Strecken eines Rollgliders sind geplant, eine mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde und eine zweite mit bis zu 60. 

Berechtigte Kritik
Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, bewies ein Video, das der „Grünten BergWelt“-Gegner Hubert Müller aus Kranzegg zeigte, der im Anschluss sprach. Das Video verdeutlichte, dass der Betrieb eines Rollgliders mit einer erheblichen Lärmbelästigung einhergeht. Zur Begleiterscheinung einer rasanten Talfahrt gehört immer auch das Kreischen und Schreien der Fahrgäste. Müller mahnte an, im Allgäu keinen „Overtourism“ zuzulassen und in keinem Fall Steuermittel für den Bau eines Rollgliders bereitzustellen. Befürwortern des Projektes warf Huber vor, in aller Regel nicht ortsansässig zu sein. Von Landrat Anton Klotz zeigte sich der Kranzegger enttäuscht. Auf Anschreiben an selbigen habe er niemals eine Antwort erhalten. Auch dem Gemeinderat von Rettenberg warf Hubert Müller Ignoranz gegenüber Kritikern vor und sprach von „einer gelenkten Demokratie auf lokaler Ebene“. Anton Klotz wurde von ihm als „Investorenvertreter im Amt“ bezeichnet. Als weiterer Redner der Bürgerinitiative traten Carolin Koepping, neue Vorständin der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu, sowie die Bürger Andreas Schäferle aus Kranzegg und Anton Birker aus Rettenberg auf. Alle Redner befürchten durch den Bau der „BergWelt“ die Zunahme des Verkehrs, eine zu starke Kommerzialisierung der touristischen Angebote und eine Verbauung und Versiegelung von Flächen, die ihrer Meinung nach grundsätzlich der Natur überlassen werden sollten.

Scharfe Töne
Ein wenig aus dem Rahmen der lokalen Kritiker fiel der Auftritt des Unternehmensberaters und Coaches Uwe Peters, der sich auch auf Drängen des Publikums nicht dazu bewegen ließ, zu sagen, in wessen Namen er sprach. Peters brachte einen scharfen Ton in die Infoveranstaltung, indem er u.a. Familie Hagenauer zu „einem Ausstieg“ ohne Gesichtsverlust riet, solange dies noch möglich sei; er kündigte „massiven“ Widerstand an, falls rote Linien überschritten würden; bezeichnete die Bundesregierung und Bundeskanzlerin Merkel in puncto Klimaschutz als beratungsresistent und kündigte eine Klimakatastrophe ungeahnten Ausmaßes innerhalb der nächsten Jahre an, an dem auch die Verantwortung trügen, die sich zur „Grünten BergWelt“ bekennen: „Wenn dieses Projekt realisiert wird, dann sind wir alle Verlierer, alle!“ Für seine Äußerungen erhielt Peters frenetischen Beifall von rund einem Drittel der anwesenden Gäste, es gab aber auch laute Zwischenrufe, die Peters als Demagogen bezeichneten.

Protest geht weiter
Abschließend fassten Stark und Ewald-Harich noch einmal alle Argumente zusammen, die gegen den Bau sprechen. Vor dem Hintergrund, dass die Schneehöhen durch den Klimawandel steigen, die Übernachtungszahlen in Rettenberg gestiegen sind und der Grünten als Landschaftsschutzgebiet, in Teilen mit Schutzzone C, ausgewiesen ist, empfiehlt die Bürgerinitiative einen Tourismus mit Maß ohne Event-Infrastruktur und Freizeitparks. Dagegen solle die traditionelle Alpwirtschaft unterstützt werden und grundsätzlich ein Besucher-Lenkungskonzept erstellt werden. Im Anschluss erhielten die Besucher die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden und Fragen zu stellen, darunter auch die Investorenfamilie. 

Sabine Hagenauer, Geschäftsführerin der Alpsee Bergwelt, äußerte ihren Unmut darüber, dass die Diskussion zum Teil nicht sachlich geführt werde, dass falsche Behauptungen über den Umfang und die Naturverträglichkeit ihrer geplanten Anlage angeführt würden und dass vor allem sie als Familie persönlich beleidigt würden. Von rund einem Viertel der Besucher erhielt Hagenauer hierfür zusprechenden Applaus. 

Auf der Homepage www.rettet-den-grünten.de finden Interessierte Informationen zur Bürgerinitiative, u.a. auch zur geplanten Aktion „Rote Linie“ am 3. Oktober am Grünten. Informationen und Argumente für die „Grünten BergWelt“ gibt es auf der Homepage der Befürworter: www.zukunft-gruenten.de. Die Befürworter treffen sich zudem ab dem 7. Oktober jeden ersten Montag im Monat im Gasthof Mohren in Kranzegg. 


Jörg Spielberg

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