Ude als Festredner

Festakt 125 Jahre SPD in Kempten

+
Festredner Christian Ude, Oberbürgermeister von München a.D. (li.), im Gespräch mit Kemptens Alt-OB Dr. Wolfgang Roßmann (SPD).

Kempten – Wem ist heute der Name Johann Georg Birk noch ein Begriff? Spätestens seit dem Festakt zum 125. Jubiläum der SPD in Kempten am Freitag wissen wir, dass es dieser Bauernsohn und Metzger aus Hinterbach war, der 1890 im „Goldenen Ross“ den Ortsverein der SPD gegründet hat.

Um an die Höhen und Tiefen, die Enttäuschungen und gute Arbeit zu erinnern, haben sich die Genossinnen und Genossen aus Kempten und dem weiten Umland im Fürstensaal der Residenz versammelt. Stadtrat Siegfried Oberdörfer, der die Festgesellschaft in Vertretung der erkrankten Kreisvorsitzenden Katharina Schrader begrüßte, freute sich über die Anwesenheit von Oberbürgermeister Thomas Kiechle, der Kollegen und Kolleginnen anderer Fraktionen, des Alt-Oberbürgermeisters Dr. Wolfgang Roßmann und der Mandatsträger aus der Bundes- und Landespolitik.

Er erinnerte daran, dass die SPD die älteste Partei im Allgäu ist, dass zu ihrer Gründungszeit die Wahlberechtigung für 60 DM erworben werden musste und es damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit war, sich zur SPD zu bekennen. „Heute wird das Wahlrecht nicht mehr geschätzt und Politik findet auf dem Sofa statt, mit Talkshows im Fernsehen“, bedauerte er. In der unseligen Zeit des Nationalsozialismus wurden die Mitglieder der Arbeiterpartei verfolgt, unterdrückt und nicht selten ins KZ gesteckt. Mit Genehmigung der Besatzungsmächte konnte bereits im Dezember 1945 die Wiedergründung erfolgen. Die SPD in Kempten wuchs schnell, auch dank des Zustroms der Flüchtlinge. Als Vorzeigedemokraten bezeichnete Oberdörfer den verdienstvollen 2. Bürgermeister der Stadt Kempten, Albert Wehr, der dieses Amt von 1946 bis 1972 ausübte. Er gilt als Vater der Allgäuer Festwoche. Höhepunkte der Wahlkämpfe 1976 und 1980 waren die bestens besuchten Auftritte der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt.

In seinem Grußwort betonte Kiechle, dass er sich nicht verstellen muss, wenn er der Partei Achtung und Respekt zolle und wünschte sich eine „relativ“ starke SPD im Stadtrat. MdB Karl-Heinz Brunner und der Unterbezirksvorsitzende Markus Kubatschka erinnerten daran, dass die Zeiten für die SPD eigentlich immer schwierig waren und die Ziele der Partei, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, auch in den kommenden 125 Jahren mit Mut und Zuversicht verfolgt werden müssen.

Stadtrat Lothar Köster ließ, von den mitreißenden alten Arbeiterliedern untermalt, in einer Powerpoint-Präsentation die Geschichte der Kemptener SPD Revue passieren. Dabei war auch ein altes Wahlplakat zu sehen, das mit dem Slogan „Gleiche Rechte – gleiche Pflichten“ bewies, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen schon früh zum Parteiprogramm gehört hat.

Christian Ude, Oberbürgermeister a.D. von München, hielt eine ebenso spritzige wie selbstkritische Festrede. Er würdigte die großen Männer der Sozialdemokratie, angefangen von Georg von Vollmar, über Willy Brandt, Egon Bahr und Dieter Lattmann bis zum jüngst verstorbenen Helmut Schmidt und konnte viele Verbindungen der Kemptener SPD mit der Münchner SPD ausmachen. Ude hält jedoch nichts davon, sich lange mit der Glorifizierung der Vergangenheit aufzuhalten, er redete auch eindringlich über die Gegenwart. „Wir haben nicht rebelliert, als sich das Elend in den armen Ländern der Welt ausbreitete und haben gleichgültig auf das Dublin-Abkommen verwiesen“, bemerkte er selbstkritisch und fragte: „Warum wirkt die Partei nach 150 Jahren untadeliger Geschichte angesichts der heutigen Herausforderungen so hilflos?“ Die Welt ist nicht so geworden, wie wir sie uns in den Wendejahren nach 1989 und in der Aufbruchsstimmung des Arabischen Frühlings vorgestellt haben, vielmehr sind in der Weltinnenpolitik viele Dinge völlig aus dem Ruder gelaufen, stellt der Redner nüchtern fest. In Frank-Walter Steinmeier sieht er den vernünftigsten Außenminister weit und breit, der stets darum bemüht sei, das Verhältnis zu Russland zu verbessern. Die SPD müsse zukunftsweisende Konzepte erarbeiten, um dem neoliberalen Turbo-Kapitalismus eine sozialdemokratische Antwort entgegenzusetzen und aus dem 25 Prozent-Turm herauszukommen. Mit Blick auf die Situation in Bayern verwies er darauf, dass es auch der machtvollen CSU nicht recht gelingt, Bleibendes zu schaffen. Dafür konnte er einige Beispiele anführen, wie die Atomkraftwerke, das Betreuungsgeld und die PKW-Maut für Ausländer.

„Wir müssen in Bayern nicht in den Boden versinken, wir haben schon weit schwierigere Zeiten gehabt und gemeistert, Bangemachen gilt nicht! Freundschaft!“, so seine mit langem und herzlichem Applaus belohnten Schlussworte.

Bereichert wurde der festliche Abend vom Klavierduo N & N (Nataliya Tkachenko und Nataliya Gorskaya), das mit seinem vierhändigen brillanten Spiel die circa 150 Gäste zu begeistern verstand.

Im Foyer der Residenz war anschließend Gelegenheit, die angesprochenen Themen zu vertiefen und die Veranstaltung ausklingen zu lassen.

Elisabeth Brock

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Der älteste Kemptener feiert 105. Geburtstag
Der älteste Kemptener feiert 105. Geburtstag
Demokratie unter Beschuss
Demokratie unter Beschuss

Kommentare