"Gut geschulte Leute"

Oberfeldarzt Dr. Frank Hengstermann berichtete sachlich und umfassend von seinem militärischen Einsatz in Afghanistan. Foto: Tröger

Womit werden unsere Soldaten in Afghanistan konfrontiert, womit müssen sie klar kommen? Was sind ihre Aufgaben, die sie mit welcher Ausrüstung und unter welchen (auch Lebens-)Bedingungen erfüllen? Zum Vortrag „Achteinhalb Monate leben und kämpfen außerhalb militärischer Lager – Erfahrungen als Sanitätsoffizier im robusten infanteristischen Einsatz in Afghanistan“ hatte die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) eingeladen. Bar jeder Polemik berichtete Oberfeldarzt Dr. Frank Hengstermann, Kommandeur des Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“, von seinen Eindrücken, die er teils mit Bildern und Videos von Patrouillenfahrten bis Sanitätseinsätzen untermauerte.

Auch rückte er manche Klischeevorstellung zurecht, wie der, dass Soldaten wegen des Geldes nach Afghanistan gehen würden. „Für 3000 Euro lässt sich kein Deutscher den Hintern wegschießen“, nannte er vielmehr „Kameradschaft und Zusammenhalt“ als Hauptmotivatoren. Als „Ausbildungs- und Schutzbataillon“ sei die „Task Force“ für die Überwachung bestimmter Bereiche zuständig, aber auch dafür, die afghanische Polizei und Armee im Rahmen des „Partnering“ mit einzubeziehen und sie unter anderem darin zu schulen, „auf deeskalierende Art zu arbeiten“. Im Verantwortungsbereich der Deutschen, dem nördlichen Teil des Landes, sah er die Aufgaben vor allem in dem „relativ kleinen Gebiet um den Fluss“, dessen Delta er als „gut bewässertes und ausgefeiltes System“ beschrieb, in dem zum Teil sogar Reisanbau betrieben werde. Östlich und westlich davon „sind nicht die Räume, wo gekämpft wird“ weil dort „nichts“ außer karges Gebirge sei. Optimale Ausbildung Die Ausbildung der Soldaten bezeichnete er als „top“ und auch in vielen anderen Bereichen konnte er „Quantensprünge“ zum Besseren verzeichnen. Abstriche machte er bei der Versorgung von Verletzten, deren „Schlagzahl“ es mittlerweile „in sich hat“. Da sich die Lage aber „schnell ändert, ist es gar nicht möglich“ hier so zeitnah besser aufgestellt zu sein. Aus gleichem Grund komme die Industrie auch bei „Großgeräten“ nicht nach. Viel gebracht habe der Zeppelin mit seiner „sehr guten Kameraausstattung“ für die Beobachtung sowie der Hubschrauber „Black Hawk“ für Luftrettung, da durch die schlechten Straßenverhältnisse auf dem Landweg nur ein relativ kleiner Bereich „beackerbar“ sei. Die Lazarettausstattung stellte er auf eine Stufe mit hiesigen Unikliniken, ohne die „manche nicht überleben würden“. Als „größtes Problem“ bezeichnete er die Sprengfallen und „immer jünger“ werdenden Selbstmordattentäter – eine neuere, „für uns unberechenbare“ Taktik der Taliban, durch die sie „weniger Leute verlieren“, als bei den früheren Feuergefechten. Zwar erkenne die afghanische Bevölkerung zunehmend, dass „das keine Guten sein können“. Gehäufte Aktionen mit vielen einheimischen Toten demotiviere aber wiederum auch die afghanische Polizei, sodass immer wieder neue gewonnen werden müssten – darunter möglicherweise auch ein „schlechter“. Die Taliban „sind keine afghanischen Bauern, sondern gut geschulte Leute“, machte Hengstermann anhand der ausgebufften Sprengsätze mit „erschreckender Effizienz“ deutlich. Enorme Belastungen für die Soldaten sah Hengstermann nicht nur in der vielfältigen Dauergefahr oder den extremen klimatischen Bedin- gungen, sondern auch die Enge der Lager, Mangel an Privatsphäre, Schlaf oder die Anerkennung im eigenen Land. Um nach dem Einsatz wieder in das normale Leben zu finden, empfahl er den Kontakt nach Hause zu halten und sich auch für Banalitäten wie die „kaputte Waschmaschine“ zu interessieren. Natürlich stelle sich jeder die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Einsatzes, ging Hengstermann auf einen Zuhörer ein. „Der Soldat ist exekutiv und das muss man akzeptieren. Gedanken dazu mache ich mir nicht als Soldat“, stellt er klar. Als „sehr schönes Zeichen“ wertete der Kemptener Sektionsvorsitzende der GfW, Manfred Burkhart, die Anwesenheit von OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) sowie der vielen Besucher. „Es zeigt, dass sie hinter den Soldaten stehen“.

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