100 gute Gründe für`s Aufhören

Durchkommen ist alles: Der erfahrene Läufer Rüdiger Dittmann will beim Deutschlandlauf auf alle Fälle durchhalten und das Ziel erreichen. Foto: privat

Wer ihm Böses will, unterstellt ihm Publicity um jeden Preis. Wer das Ganze sportlich betrachtet, zollt ihm Respekt: Seit Montag ist der Kemptener Rüdiger Dittmann zu Fuß unterwegs quer durch die Republik. Mindestens sechs Kilometer pro Stunde muss er schaffen, um nicht aus der Wertung des sechsten und letzten Deutschlandlaufs gestrichen zu werden. Über 1200 Kilometer von Rügen nach Lörrach führt das Rennen die 30 Teilnehmer, von denen der Kemptener Grünen-Kreisvorsitzende und Wiggensbacher Bürgermeisterkandidat einer ist. Am heutigen Mittwoch muss Dittmann die mit 93 Kilometern längste Etappe von Stavenhagen bis Pritzwalk unter die Füße nehmen.

„Den heutigen Tag gilt es erst einmal heil zu überstehen“, schmunzelt Dittman, der seit Montag und Kap Arkona bereits 152 Kilometer runter gespult hat. Dann könne man weitersehen. Für Dittmann ist es die letzte Chance, diese Herausforderung zu bewältigen. Denn die sechste Auflage des Ultralangstreckenlaufs ist gleichzeitig die letzte. Deswegen war die Vorfreude auf das Ereignis das bestimmende Gefühl bei Dittmann im Vorfeld des Laufs, nicht die Angst vor körperlichen Schmerzen, dem Versagen nicht durchzuhalten. „Man muss froh sein, dass man eine solche Chance bekommt“, so der 49-jährige passionierte Ausdauersportler. Nichts wollte er deshalb dem Zufall überlassen und hat sich bereits seit Anfang des Jahres akribisch auf den Wettbewerb vorbereitet. An die 5000 Kilometer ist er heuer im Training schon gelaufen. Erst neulich waren es knapp 300 in einer Woche. 6000 bis 7000 Kilokalorien verbrennt er an solchen Lauftagen. Sein Ziel für den Deutschlandlauf 2010 hat er klar definiert: „Erstmal durchkommen, dann in der vorderen Hälfte landen“, sagt er. Innerer Widerstand Doch das ist alles andere als einfach. Jedes Jahr gibt etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Läufer irgendwo auf der Tour zwischen Nordsee und Schwarzwald auf. Dittmann, der in den 90er Jahren jeweils einmal quer durch die USA gelaufen und geradelt ist, kennt dieses Gefühl. „Es gibt immer 100 Gründe aufzuhören, die alle im Kopf entstehen“, erzählt er. „Aber das muss man dann mit sich selbst ausmachen. Man muss diese Energie zum Weitermachen in sich selbst finden.“ Das Problem jedes Läufers sei, die viel zitierte „zweite Luft“ zu finden. Der Bürgermeisterkandidat weiß, dass auch er während des Laufs irgendwann diesen Punkt erreichen wird. „Dann muss man an die Idee denken, warum einem das wichtig ist“, beschreibt er seine Eigenmotivation in solchen Momenten. Überhaupt spielt die Psyche eine ebenso wichtige Rolle wie die körperliche Fitness. „Man muss mit einer gewissen Zuversicht da rein gehen, darf keine Angst haben“, betont er. „Selbst bei 70 Kilometern am Tag können Blasen wieder heilen und schmerzende Sohlen merkt man nach zwei Stunden eh nicht mehr.“ Außerdem habe man ja jeden Tag nach dem Lauf die Möglichkeit zur Erholung. „Man hat ja die Chance, sich bis zum nächsten Tag zu regenerieren.“ Wichtig sei auch, sich eine Strategie zurecht zu legen. „Man sollte am Anfang nicht übermotiviert oder zu schnell sein“, warnt er. „Die Müdigkeit wird nämlich von Tag zu Tag zunehmen.“ Aber warum tut sich jemand so eine Tortur überhaupt an? Die Antwort klingt banal. „Ich habe schon früh gemerkt, dass ich Talent für solche Sachen habe – dann macht das auch Spaß“, berichtet Dittmann. Also Spaß. Spaß an der Bewegung, Spaß daran, ein gestecktes Ziel zu erreichen, Spaß daran, ein ganzes Land aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen, Spaß daran, interessante Leute zu treffen. Erst Lauf, dann Wahl Außerdem, so Dittmann, benötige man viele Eigenschaften, die man für den Lauf brauche, auch im Berufs- oder Alltagsleben. „Man profitiert auch für das normale Leben“, ist er sich sicher. Als Beispiele nennt er Ausdauer, Zielstrebigkeit oder strategisches Denken. Alles Eigenschaften, die auch ein Politiker benötige. „Sport und Politik ergänzen sich sehr gut“, betont der Kreisvorsitzende. Überhaupt wird er den Lauf auch ein klein bisschen politisch nutzen. Denn nach seiner Rückkehr ins Allgäu beginnt direkt die heiße Wahlkampfphase um das Amt des Wiggensbacher Bürgermeisteramtes. „Während des Laufs habe ich viel Zeit, über diese Phase nachzudenken“, so Dittmann. Trotzdem habe die Teilnahme unmittelbar nichts mit seiner Kandidatur zu tun – für den Lauf habe er sich bereits entschieden als noch längst nicht festgestanden habe, als Bürgermeisterkandidat anzutreten.

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