Gute Kunst offenbart sich nicht sofort

Auch wenn der Maler Jörg Madlener das Thema Krieg in seinen beiden letzten Bilderserien „Sandstorm“ und „Kassandra“ sehr tiefgründig aufgreift, hat er eine Illusion verloren: „Ich habe die Idee aufgegeben, die Gesellschaft zu verändern“, räumte er im Gespräch mit dem KREISBOTEN ein. Ein Kunstwerk könne heutzutage nur noch Einzelne wachrütteln. Und selbst das schafften seiner Ansicht nach nur wenige Maler wie Francis Bacon oder Marlene Dumas.

Madlener, der außer Malerei auch Architektur, Soziologie und Philosophie studiert hat, ist überzeugt davon, „dass man kein Werk schaffen kann, ohne die enorme Erfahrung von Tiefe“. Große Kunst offenbare sich nicht auf den ersten Blick, sondern erst nach und nach. Das Problem heutzutage sei, dass Kunst wegen der inzwischen „sehr hohen Reizschwelle“ meist „nicht die Tiefe sondern die Sensation anstrebt“. Schock ist Pflicht Durch die nie zuvor da gewesene Überproduktion „muss man inhaltlich oder visuell schocken“ um Erfolg zu haben, bedauert er die Entwicklung in der Kunst. Allein in New York, wo er seit vielen Jahren lebt, gebe es „800000 Künstler und 700 Galerien“. Berlin schätzte er nicht geringer ein. „Ist heute überhaupt noch Zeit Tiefe zu erfahren?“, fügt er mehr als Feststellung denn als Frage an. Es gehe von einer Katastrophe in die nächste, sodass man „Oberflächen nur noch oberflächlich wahrnimmt“, sah er als einen Grund für das nurmehr Arbeiten in Extremen. „Der schwerste Weg ist der der Mitte“, betont er, dass es dabei nicht um einen Kompromiss gehe, sondern um das immer wieder kritische Hinterfragen der eigenen Haltung. Im Konkurrenzkampf müssten Bilder heute aber „sofort alles geben“, bedauert er den damit zwangsläufigen Verlust der Tiefe. Beispielsweise im New Yorker Stadtteil Chelsea, wo sich „400 Galerien aneinanderreihen“, sei der Kunst das Prädikat „Kauf mich“ schon sehr eingebrannt. Diese Art von Kunstwerken würden dort spöttisch „eye candies“ – Bonbons für das Auge – genannt, macht er ihren Stellenwert in der Fachwelt deutlich. Seiner Ansicht nach gebe es nur zwei Wege zu reüssieren: „Entweder du machst immer das Gleiche, oder ich habe eine relativ stabile Botschaft, die mir erlaubt das Vokabular zu ändern“. Ästethisches Grauen Dass er selbst besonders in seiner Wahlheimat USA mit seinen Bildern des Krieges nicht nur auf Gegenliebe stößt, ist ihm durchaus bewusst. Schon die ersten im Jahr 2003 in der New York Times veröffentlichten Bilder der Soldaten im Irak hatten ihn zu Farbe und Pinsel greifen lassen. Entstanden ist die Serie „Sandstorm“, die unter anderem bis Januar diesen Jahres in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen war. „Der Krieg ist schon ästhetisiert“, gab er die durchaus vorhandene Faszination für „einen Visuellen“ zu. „Das brennende Baghdad sah ja gut aus“, gestand er, und auch die Soldaten mit ihren Sonnenbrillen auf den Titelblättern. Später dann von Christa Wolfs Buch „Kassandra“ inspiriert, sei die in Teilen aktuell in Kempten gezeigte, gleichnamige Bilderserie entstanden – nach den Gesichtern von drei sehr unterschiedlichen, ihn faszinierenden Frauen, die am Ende zu einem verschmolzen seien. Beispielsweise in den schwarzgrundigen Bildern weise der Hintergrund auf die Vergangenheit, der Seitengrund auf die Gegenwart und das Gesicht auf die Zukunft hin, beziehungsweise „auf die Vision, die sie von ihrer Zukunft hat“. Durch das Verhüllen und Verschleiern „geht nichts verloren“, man vermisse nicht, was verdeckt ist, sondern sehe vielmehr eindringlicher hin, wie er meinte. Und in einem Punkt war er sich ganz sicher: „Nicht ich muss mich mitteilen, sondern das Bild“. „Bilder aus der Kunstsammlung Kempten“ und „Kassandra“ von Jörg Madlener sind bis 16. Mai im Hofgartensaal der Kemptener Residenz zu sehen, und zwar dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Rahmen des APC-Sommers liest die renommierte Schauspielerin Sibylle Canonica außerdem am 8. Mai, 20 Uhr, in der Ausstellung aus „Kassandra“ von Christa Wolf.

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