Bürgerbefragung 2020

Gute Planungsgrundlage trotz manch widersprüchlicher Ergebnisse

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Kempten – Für „Leben in Kempten“ wurden von Dezember 2019 bis Februar 2020 volljährige Kemptener BürgerInnen zu den Themen Verkehr und Mobilität, Wohnen, Kultur, kommunale Finanzen und Stadtpolitik befragt.

Es ist nach 1999 und 2010 die nunmehr dritte repräsentative Befragung dieser Art und Wirtschaftsreferent Dr. Richard Schießl zeigte sich zufrieden mit der Rücklaufquote von etwas über 2000 Fragebögen (entsprechend 33,5 Prozent), die von den 6000 zufällig ausgesuchten KemptenerInnen freiwillig beantwortet wurden. „Das ist sehr beachtlich“, wie er bei der Vorstellung der Ergebnisse im Stadtrat meinte.

Die zugunsten der besseren Vergleichbarkeit im Wesentlichen von den vorigen Befragungen übernommenen Fragebögen sollen Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Wünsche der Kemptener BürgerInnen liefern und eine Grundlage für künftige Planungen und Entscheidungen für den Stadtrat und die Verwaltung bilden. Farblich markierte Stadtkarten zeigen zudem die unterschiedlichen Schwerpunkte der Antworten in den Stadtgebieten. Im Fragebogen findet sich lediglich eine einzige offene Frage, die nicht durch Ankreuzen, sondern mit eigenen Worten beantwortet werden konnte und zwar die nach der „zur Zeit größten Herausforderung, für die Sie sich eine Lösung erwarten“. 

Die Top Fünf: ÖPNV, Wohnungsmarkt, Parkplätze, Radwege und Großes Loch. Zehn Jahre zuvor waren es: Parken, Hildegardplatz, Verkehr, ÖPNV, Radwege. Laut Befragung leben immerhin 84,3 Prozent „gerne in Kempten“, der bislang beste Wert unter den Befragungsjahren. Als „Metropole des Allgäus“ sehen mit nur mehr 75,1 Prozent etwas weniger Kemptener ihre Stadt, als 2010 (78,1 Prozent) und nur etwas über die Hälfte der Einwohner nehmen die Stadt als Kulturstadt wahr. Wenn auch mit leichtem Anstieg, wird Kempten nur von 29,6 Prozent als „jung und lebendig“ eingestuft. Dass sich dem Befragungsergebnis zufolge mit Abstand weniger Menschen an ihren Nachbarn stören (2010: 32,5 Prozent; 2020: 13,0 Prozent), ist laut Schießl möglicherweise den Verbesserungen in einschlägigen Vierteln durch die „Soziale Stadt“ gedankt. Trotz den omnipräsenten Energiespardiskussionen planen in den nächsten zwei Jahren 79,1 Prozent der Befragten keine Energiesparmaßnahmen (2010: 68,8 Prozent), wobei offen bleibt, ob die Potentiale vielleicht schon ausgeschöpft wurden.

Während das Auto für den Arbeitsweg (61,8 Prozent) sowie für Einkäufe und Besorgungen (49,2 Prozent) nach wie vor unangefochtener Spitzenreiter ist, sind 50,4 Prozent der Befragten in ihrer Freizeit lieber zu Fuß unterwegs als mit dem Auto (35,0 Prozent).Für Erstaunen im Gremium sorgten die Angaben zu ÖPNV und Radwegenetz. Einen gut funktionierenden ÖPNV bestätigten lediglich 34,2 Prozent der Befragten (2010 noch 41,7 Prozent) und ein attraktives Radwegenetz wird nur noch von 20,1 Prozent bescheinigt (2010: 36,9 Prozent), was im Widerspruch zum deutlich höheren Anteil der mit dem Radwegenetz Zufriedenen (3,7 Prozent) steht (2010: 2,9 Prozent) . 

Ganz anders sieht die Stimmung beim leistungsfähigen Straßennetz aus: 60,1 Prozent sind hier zufrieden und damit sechs Prozent mehr als im Jahr 2010.Für die Arbeit des Stadtrats interessieren sich 12,8 Prozent der Befragten „sehr“, im Jahr 2010 waren es noch 16,9 Prozent; Interesse bekundeten in beiden Jahren knapp über 32 Prozent. Dass ihre Interessen im Stadtrat „sehr gut“ vertreten werden bestätigten mit 0,7 Prozent nur noch halb so viele wie 2010.„Sehr großen“ Handlungsbedarf beim Wohnungsbau sehen annähernd 90 Prozent der BefragungsteilnehmerInnen. Einen Spiegel der Gesellschaft zeigen auch die Antworten im Themenfeld „Städtische Finanzen“. Dort fordern u.a. 68,2 Prozent mehr Geld für den Sozialen Wohnungsbau auszugeben; 52,2 Prozent möchten mehr Geld in Schulen investieren, 61,3 Prozent in Öffentliche Verkehrsmittel, 58,3 Prozent in den Ausbau des Radwegenetzes, 52 Prozent für Maßnahmen zum Klimaschutz, 48 Prozent in den Straßenunterhalt und 40,4 Prozent für Einrichtungen für ältere Menschen. 

„Ausgaben gleich lassen“ wollen 67,8 Prozent bei der Sauberkeit der Stadt, 53,6 Prozent wollen sich weitere Ausgaben sparen sowohl bei Parks und Grünanlagen als auch bei Theater, Museen und kulturellen Veranstaltungen; 49,4 Prozent wollen kein Geld für Sportmöglichkeiten ausgeben, 43,5 Prozent keines für den Naturschutz und 30,6 Prozent möchten nichts in die Integration von Bürgern ausländischer Herkunft investiert sehen. Dominik Tartler (Future for Kempten) fand die Befragung zwar „superinteressant“, würde aber „die wertvolle Perspektive auch unter 18Jähriger“ begrüßen. Zudem sei er „erschrocken“ darüber, wie wenig fahrradfreundlich Kempten wahrgenommen werde. Auch aus Sicht von Helmut Berchtold (CSU) steckt „viel Subjektivität“ in den Ergebnissen. Demnach werde der ÖPNV schlecht dargestellt und angeblich nur von wenigen Menschen genutzt, dabei zeigten die Abo-Zahlen „eine Riesenentwicklung“. 

Er wolle die Umfrage „nicht in Frage stellen“, aber die Aussagen müsse man schon genau ansehen. Widersprüche entdeckten auch einige StadtratskollegInnen, u.a. Thomas Hartmann (Die Grünen): „Ich glaube, wir machen hier im Gremium keine schlechte Arbeit“, sagte er, laut Befragung seien aber nur 15 Prozent damit zufrieden, was er in der mangelhaften Kommunikation verortete. Da müsse man „besser werden“. Auch die Radwege seien entgegen der Aussagen „faktisch besser geworden“, was „sichtbar“ verbessert werden müsse, so dass es auch Nichtradler wahrnehmen. Ingrid Vornberger (SPD) sprach der im Ergebnis widersprüchlichen Befragung ab, repräsentativ zu sein, „auch wenn es anders drauf steht“. Unter anderem würden die vorwiegend älteren Befragungsteilnehmer Schulen, Radwege etc. sicher anders sehen und bewerten als es mehr Jüngere getan hätten.

Christine Tröger

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