Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Quartiersarbeit soll häusliche Pflege erleichtern

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Auch im Allgäu pflegen oft die Partner ihre kranken Männer oder Frauen. Viele bis an den Rand des Zusammenbruchs.

Kempten – Pflege im Alter, Barrierefreiheit, Patientenverfügung. Das sind nicht nur sperrige Wörter, sondern auch sperrige Themen, die viele Menschen vor sich herschieben.

„Die Vorsorge für das Alter ist ein Tabuthema“, sagte die Koordinatorin für die Umsetzung des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts, Kordula Amman-Fischer, bei der Sitzung des Ausschusses für soziale Fragen am vergangenen Donnerstag. 

Und das Tabu-Thema verschärft sich, das wurde in der Sitzung klar. Um mit der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen umzugehen, sieht das Seniorenpolitische Gesamtkonzept eine verstärkte Quartiersarbeit vor. Mit nachbarschaftlichen Treffs und Hilfe sowie dezentralen Anlauf- und Beratungsstellen in den Quartieren sollen pflegende Angehörige entlastet und die Gebrechlichkeit von Senioren gemindert werden. Erste Treffpunkte und positive Erfahrungen gibt es bereits. Die Strukturen sollen weiter ausgebaut werden – so die Entscheidung des Ausschuss für soziale Fragen.

„Bis 2035 steigt die Zahl an Kemptener Pflegebedürftigen von derzeit rund 1750 auf circa 2250“, sagte Prof. Dr. Johannes Zacher von der Fakultät Soziales und Gesundheit der Hochschule Kempten. Das bedeutet einen jährliches durchschnittliches Wachstum von 1,4 Prozent oder 28 Personen im Jahr. Der Professor hatte Statistiken ausgewertet und legte dem Ausschuss fundierte Zahlen vor. Bemerkenswert ist, dass in Kempten und dem Oberallgäu weniger Menschen pflegebedürftig werden als im Rest von Deutschland. Dies könne man sich eventuell damit erklären, dass in den Nachkriegsjahren Menschen ins Allgäu zugewandert seien, anstatt wegzuziehen, erklärte Zacher auf Nachfrage von Michael Hofer (UB/ödp). In der Regel seien die Menschen, die von einem Ort zum nächsten ziehen eher robuster als jene, die bleiben, so Zacher. Bürgermeister Josef Mayr (CSU) fügte hinzu, dass auch viele rüstige Senioren im Alter nach Kempten ziehen, um hier ihren Lebensabend zu verbringen.

Häusliche Pflege nimmt zu

Dass die Zahl an Pflegebedürftigen auch in Kempten zunimmt, verwundert nicht, angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft. Doch führte Zacher weiter aus, dass der gesamte Zuwachs nicht in Heimen oder Pflegeeinrichtungen unterkommen werde, sondern von pflegenden Angehörigen übernommen werden muss. „Es ist schlicht kein Personal da“, sagte der Professor.

Er sah die künftigen Aufgaben der Stadt, die zuhause Pflegenden zu beraten, dauerhaft zu unterstützen – etwa durch Ehrenamtsarbeit – und alternative Wohnformen wie betreutes und gemeinschaftliches Wohnen auszubauen. „Pflegenden hilft es, wenn öfter jemand vorbeikommt, der zwei bis drei Stunden auf den Demenzkranken Partner aufpasst“, sagte Zacher.

Hier kommt Amman-Fischer ins Spiel. Seit Mitte Februar 2016 ist sie die Leiterin der Koordinationsstelle Seniorenpolitisches Gesamtkonzept und Seniorenberatung. Sie machte dem Ausschuss das Ausmaß der Situation bewusst.

Veränderte Gesellschaft

Häusliche Pflege in der Familie sei heutzutage schwieriger zu organisieren. Die Frauen arbeiten mehr, Kinder ziehen in andere Städte, es gibt mehr Singles und Einzelkinder, die allein für ihre Eltern sorgen müssen.

Das Seniorenpolitische Gesamtkonzept sieht daher den Schlüssel für den Umgang mit der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen unter anderem in der Nachbarschafts-, Quartiers- und Ehrenamtlichenarbeit. Drei „Schaltstellen Quartier“ hat Amman-Fischer in diesem Sinne schon ins Leben gerufen. Es gibt sie bereits im Altstadthaus, in Kempten West und bald auch in Kempten Ost. „Hier werden Treffen von Ehrenamtlichen organisiert, Nachbarschaftshilfe koordiniert; außerdem hat die Schaltstelle die ‚Anlaufstelle für ältere Menschen im Blick‘“, sagt die Koordinatorin. Sie legte einen Entwurf vor, wo überall in Kempten Quartiere entstehen könnten. Wichtig sei, darauf zu achten, was das jeweilige Quartier brauche und dass alle Beteiligten, auch die Krankenhäuser und eine sogenannte Schaltstelle Pflege vernetzt seien.

In der Agnes-Wyssach-Schule in Kempten Ost zeigt ein Quartiersprojekt schon positive Effekte. Zum „Mittagstisch“ treffen sich Pflegende, zu Pflegende und andere Senioren einmal die Woche in der Schule. Zum Treffen gehört auch Gymnastik und Gedächtnistraining. Es ist schon ein fürsorgendes Netzwerk entstanden: „Schön ist, dass die Leute gerne kommen. Sie rufen sich schon gegenseitig an, wenn jemand nicht zum Treffen erscheint. Die Angehörigen sind froh, für zwei drei Stunden, einfach da sein zu können“, freut sich Amman-Fischer. Es konnten auch schon Schüler für die Arbeit mit Senioren interessiert werden.

Amman-Fischer sieht großes Potential in der Quartiersarbeit. „Wenn die Leute eine sinnhafte Tätigkeit und soziale Kontakte pflegen, nehmen ihre Krankheiten kein so großes Ausmaß an. Sie können auch schneller überwunden werden“, ist sie sich sicher und nennt als Beispiel den Oberschenkelhalsbruch. Der oft wiederkehre, wenn die Betroffenen wieder zu schnell arbeiten. „Übernimmt ein Nachbar das Einkaufen und Putzen, passiert das nicht.“

Im Moment befindet sich alles im Aufbau. Beim „Runden Tisch Pflege“ sind weitere Probleme lokalisiert und Lösungsvorschläge erarbeitet worden: Es brauche dringend eine einheitliche und klar strukturierte Beratung für Angehörige, wo sie zum Beispiel über Lohnersatzleistung oder Leistungen der Pflegekasse informiert würden. Derzeit seien die Verantwortlichkeiten in der Beratung oft nicht ganz klar. Auch Informationsveranstaltungen für die Öffentlichkeit wurden angeregt sowie die Wiedereinführung einer Pflegeplatzbörse. Der Übergang von Krankenhaus in häusliche Pflege müsse verbessert werden und der Fachkräftemangel angegangen. Gerade die Entlasssituation der Krankenhäuser sei gravierend. Die festgelegten Behandlungszeiten kollidieren mit den Nachversorgungsmöglichkeiten. Auch der Fachkräftemangel müsse angegangen werden.

In Anbetracht dieser „Mammut-Aufgabe“, wie sie Bürgermeister Josef Mayr bezeichnete, stimmte der Ausschuss für soziale Fragen einstimmig, die Beratungssysteme für die Bürger zu stärken und empfahl Stadtrat und Haupt- und Finanzausschuss, Gelder und Strukturen für die Quartiersarbeit bereitzustellen.

Susanne Kustermann

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