Die Haldenwangerin Brigitte Römpp engagiert sich auch heute noch für die Opfer des Reaktorunglücks im Jahr 1986

30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl

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Neue Patienten im onkologischen Zentrum. (1997)

Haldenwang – „Tschernobyl“ ist ein Wort, das wir gerne aus unserer Erinnerung streichen würden. Doch es gibt zwei zwingende Gründe, warum diese Tragödie nicht vergessen werden darf: Erstens, wenn wir Tschernobyl vergessen, erhöhen wir das Risiko weiterer solcher Technologie- und Umweltkatastrophen in der Zukunft. Zweitens, mehr als sieben Millionen unserer Mitmenschen könne sich das Vergessen nicht erlauben. Sie leiden noch immer ... Das Vermächtnis von Tschernobyl wird uns und unsere Nachkommen begleiten – und zwar für viele kommende Generationen. (Kofi Annan – Generalsekretär der Vereinten Nationen, New York im Jahr 2000)

30 Jahre Tschernobyl – das bedeutet 30 Jahre technische, materielle, finanzielle und medizinische Hilfe, um die Folgen dieser Katastrophe für Mensch und Umwelt zu bewältigen. Auch das Allgäu war und ist von der Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl betroffen: Der östliche Alpenraum und damit auch das Oberallgäu wurde von der radioaktiven Wolke und den Niederschlägen Ende April 1986 besonders stark beeinflusst. Und so schließt sich dann auch der Kreis mit der Initiative „Kinder von Tschernobyl“ der Haldenwangerin Brigitte Römpp.

Erst Hilfe in Südafrika, dann in der Ukraine

Der im Jahr 1998 gegründete Verein „Mdantsane e. V. – Kinderhilfe Südafrika. Kinder von Tschernobyl“ widmete sich zunächst Straßenkindern in East London (Südafrika). Der kleine Verein um Brigitte Römpp, Sebastian Winzinger und Manuela Weppner finanziert die Versorgung mit Nahrung, Medizin und Schulprojekten in der südafrikanischen Region „Provinz Eastern Cape“. Römpp begann ihr Engagement für die Opfer der Reaktorkatastrophe als Vorstandsmitglied im Deutschen Verband für Tschernobyl-Hilfe. Mit breiter Unterstützung, unter anderem vom ehemaligen Haldenwanger Bürgermeister Anton Klotz, organisierte Sie Hilfsprojekte für die Menschen aus der Katastrophenregion.

25. April 1986 –  Prypjat (heute Ukraine – damals UdSSR): Ein sonniger Frühlingstag im Westen der Sowjetunion. Die 43.000 Einwohner der Kleinstadt Pripyat freuen sich auf das Wochenende – und können nicht ahnen, dass in wenigen Stunden Nichts mehr so sein wird wie es war. Denn im drei Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl laufen im zwei Jahre alten Block 4 die Vorbereitungen für einen Test, der ein fatales Ende nehmen wird. Kurz nach 23 Uhr wird die Leistung des Reaktors auf 25 Prozent reduziert.

Unsichtbarer Gegner 

Immer wieder unternahm Brigitte Römpp Reisen nach Weißrussland und in die Ukraine, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Dort knüpfte sie Kontakte zu Ärzten, Wissenschaftlern und Liquidatoren – so wurden die 100.000 Soldaten bezeichnet, die zusammen mit einer halben Million Zivilisten mit primitivsten Mitteln versuchten die Katastrophe zu bekämpfen. Dieser Kampf galt einem Gegner, der nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu riechen war: Der radioaktiven Strahlung. Von diesem Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner berichteten die Gäste, die Römpp regelmäßig zu den Tschernobyl-Gedenktagen ins Allgäu einlud.

26. April 1986 –  Block 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl: Aus bis heute ungeklärten Gründen fällt die Reaktorleistung um 0:28 Uhr auf ein Prozent. Unterhalb von 20 Prozent Leistung kann der Reaktor jedoch nicht mehr sicher gesteuert werden und müsste eigentlich abgeschaltet werden. Um die Leistung zu steigern, fährt die Bedienmannschaft die Steuerstäbe aus, erreicht dadurch aber nur einen Leistungsanstieg auf 7 Prozent. Trotzdem wird das Testprogramm fortgesetzt. Kurz nach dem Schließen der Turbinenschnellschlussventile steigen Temperatur und Druck im Reaktorkern stark an. Die vom Schichtleiter eingeleitete Notabschaltung kommt zu spät und führt kurzfristig zu einem Leistungsanstieg auf das 100-fache und letztendlich zur Explosion im Reaktor. Das was eigentlich hätte nie passieren dürfen, wird Realität: Der GAU – der Größte Anzunehmende Unfall. Mit einer gewaltigen Detonation fliegt der 1000 Tonnen schwere Reaktordeckel in die Luft. Uran- und Graphitpartikel werden einen Kilometer in die Höhe geschleudert.

In den vergangenen Jahren hat Brigitte Römpp über 400 Kinder aus Weißrussland (Belarus) und der Ukraine ins Allgäu eingeladen und ihnen einige Tage Auszeit beschert. Zusammen mit den Gasteltern aus Blaichach, Rechtis und Ofterschwang unternahmen sie Ausflüge aufs Nebelhorn, zum Skywalk in Scheidegg oder ins Kemptener Freibad. Gerade für Kinder in der Wachstumsphase stellt die immer noch hohe Strahlenbelastung in ihrer Heimat eine enorme gesundheitliche Gefahr dar. 

26. April 1986, 5 Uhr – 186 Feuerwehrleute haben bis auf den brennenden Reaktor alle Brände gelöscht. Sie ahnen nicht, dass es sich nicht um einen Großbrand handelt, sondern um ein atomares Inferno und so tragen sie keine Strahlenschutzanzüge. Am Nachmittag traf eine Kommission aus Moskau in Pripyat ein. Während die Menschen in der Stadt das Wochenende genießen, tauchen Soldaten in Schutzanzügen auf den Straßen auf. Erst einen Tag später stellt die Kommission fest, dass der Reaktor brennt und riesige Mengen Radioaktivität freisetzt. Die Messwerte in Pripyat übersteigen die normalen Werte um das 600.000-fache. Umgehend wird die Evakuierung der 43.000 Einwohner eingeleitet.

Pilze und Wildschweine immer noch belastet 

In Schwaben werden auch 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe strahlenbelastete Wildschweine geschossen. Der zulässige Grenzwert (600 Bequerel pro Kilogramm Wildschweinfleisch) wird teilweise um das 16-fache überschritten. Im Jahr 2013 wurden bei 88 Wildschweinen im Landkreis Augsburg Werte von über 10.000 Bequerel gemessen. Ursache für die hohe Belastung der Schwarzkittel ist, dass diese sehr gerne Pilze verspeisen. Besonders haben es ihnen Maronen-Schwammerl und Hirschtrüffel angetan und genau diese Pilzsorten lagern verstärkt Cäsium ein. Dass diese Pilze so stark belastet sind, liegt auch am Standort Wald. In den tonarmen Waldböden wird das für die radioaktive Belastung verantwortliche Cäsium-137 (Cäsium-134 und Cäsium-137 sind künstliche Radionuklide, die in der Natur nicht vorkommen) nicht dauerhaft gebunden und kann somit von Pilzen aufgenommen werden. Für die dauerhafte radioaktive Belastung ist vor allem Cäsium-137 und Strontium-90 verantwortlich. Diese beiden Radionuklide haben eine Halbwertszeit von 30 beziehungsweise 28,5 Jahren. Das bedeutet, dass nach dieser Zeit die Hälfte des Cäsiums beziehungsweise Strontiums zerfallen ist. Nach weiteren 30 bzw. 28,5 Jahren ist wieder die Hälfte des Materials zerfallen. Der Rest strahlt weiter.

28. April 1986 – Zwei Tage nach der Katastrophe wird am Atomkraftwerk Forsmark nördlich von Stockholm Strahlenalarm ausgelöst. Zunächst wird vermutet, dass ein Mitarbeiter durch eine Fehlbedienung kontaminiert wurde. Durch weitere Messungen wird schnell klar: Die Strahlenbelastung stammt von außen. Auch Messstationen in Dänemark registrieren erhöhte Radioaktivität. Aufgrund der Windrichtung wird ein Unfall in einer sowjetischen Nuklearanlage vermutet. Kurz darauf meldet die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS einen „Unfall“ im Atomkraftwerk Tschernobyl.

29. April 1986 – Der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann erklärt in der Tagesschau: „Eine Gefährdung ist absolut auszuschließen“

1. Mai 1986 –  Eine weitere Welle der radioaktiven Wolke erreicht Süddeutschland. Heftige lokale Regenfälle sorgen für stark radioaktiv belastete Regenschauer. Spielplätze werden gesperrt, Salat wird als Sondermüll entsorgt, Bauern sollen ihre Kühe im Stall lassen und Freilanderzeugnisse nicht verkaufen.

Tschernobyl – eine von vielen Katastrophen

12. Dezember 1952 – Im kanadischen Forschungsreaktor Chalk River führt eine Verkettung von Fehlbedienungen zu einer schweren Explosion. Der Reaktorkern wird bei einer partiellen Kernschmelze zerstört.

29. September 1957 – In der Wiederaufbereitungsanlage Majak, nahe der streng abgeschirmten Stadt Osjorsk, explodiert ein Tank mit 80 Tonnen heißer und hochradio- aktiver Flüssigkeit. Die sowjetische Führung gestand den Atomunfall erst im Jahr 1989.

7. Oktober 1957 – Im britischen Windscale (heute Sellafield) gerät ein Reaktor außer Kontrolle. Das Graphit eines Reaktorkerns beginnt zu brennen, Radioaktivität gelangt ungehindert in die Umgebung und verstrahlt mehrere 100 Quadratkilometer. Nach dem Unfall werden beide Reaktoren stillgelegt.

13. Januar 1977 – Im schwäbischen Atomkraftwerk Gundremmingen kommt es nach einem Kurzschluss zu einer Schnellabschaltung von Block A. Durch eine Fehlsteuerung wird zu viel Wasser in den Reaktor gepresst. Folge: Ein wirtschaftlicher Totalschaden.

28. März 1979 – Im Atomkraftwerk Three Mile Island (Harrisburg, USA) führt der Ausfall der Reaktorkühlung zu einer partiellen Kernschmelze. Große Mengen radioaktiver Gase werden abgelassen.

September 1982  – Bei einem Unfall in Block 1 des Atomkraftwerks Tschernobyl werden große Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt. Auch die nahegelegene Stadt Pripyat ist betroffen.

26. April 1986 – Der GAU von Tschernobyl

12. März 2011 – Atomkraftwerk Fukushima I (Daiichi) – Auf das schwere Erdbeben vom 11. März und den darauffolgenden Tsunami folgte der Super-GAU: Am 12. März explodiert die Gebäudehülle von Reaktorblock 1. Am 14. März kommt es zu einer Wasserstoffexplosion im Reaktorblock 3. Nach weiteren Explosionen in den Reaktorblöcken 2 und 4 folgt eine massive Freisetzung von Radioaktivität.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt von Störfällen, Unfällen und Katastrophen. Die Liste lässt sich beliebig erweitern.

Michael Schropp

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