"Wir haben uns sicher gefühlt"

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Derzeit wartet der Rettungshubschrauber Christoph 17 in Durach auf seine Einsätze. Wo er künftig starten und landen wird, ist nach dem plötzlichen Veto von CSU/FW ungewiss.

Kempten – Drei Jahre haben sie geplant, 24 Standorte untersucht, Unsummen an Arbeitsstunden investiert – um schließlich mit leeren Händen dazustehen.

„Ich bin am Ende meines Lateins“, sagt Wolfgang Klaus, städtischer Rechtsreferent und Geschäftsleiter des Zweckverbandes für Rettungswesen und Feuerwehralarmierung (ZRF). In dieser Funktion sollte er einen geeigneten Standort für einen neuen Landeplatz für den Rettungshubschrauber Christoph 17 finden. Und schien ihn auch gefunden zu haben. Zumindest bis Ende vergangener Woche CSU und Freie Wähler (FW) überraschend die Pläne durchkreuzten. Jetzt wird die Suche wohl von vorne beginnen müssen.

Denn plötzlich schloss sich auch OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) als Vorsitzender des ZRF Anfang der Woche den Bedenken seiner Fraktion und der der Freien Wähler an. „Eine Plattform 40 Meter in der Luft ist nicht zumutbar“, sagte er gegenüber dem Kreisboten. Damit steht das Vorhaben Riederau, wo der neue Landeplatz beim Bundeswehrsportplatz gebaut werden sollte, aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem Aus. „Das wirft uns direkt auf den Anfang zurück“, so Geschäftsleiter Klaus.

Denn die Baugenehmigung für den Landeplatz muss der Bauausschuss der Stadt Kempten erteilen. Dort haben CSU und FW die Mehrheit und bereits angekündigt, der Station in ihrer jetzigen Form nicht zuzustimmen. Stattdessen solle nach geeigneten Alternativen gesucht werden.

Beim ZRF reagierte man zu Beginn der Woche überrascht und entsetzt angesichts der neuesten Wendungen: „Wir waren im vergangenen Juni mit den Planungen im Stadtrat um ein Stimmungsbild zu bekommen – der Aufschrei blieb aus“, erinnert sich Wolfgang Klaus, der sich darüber wundert, dass nun plötzlich die Aufständerung der Plattform das Problem sein soll. Zumal in den Detailplanungen im März weitere Verbesserungen vorgenommen worden seien. „Wir haben durch die Drehung der Anlage die Eingriffe in die Landschaft optimiert“, erläutert der ZRF-Geschäftsleiter.

Da seinerseits im Stadtrat keine weiteren Einsprüche gegen die Planungen bestanden hätten, habe man diese vertieft. „Wir haben uns sicher gefühlt“, sagt Klaus. Tatsächlich äußerte die FDP im Januar und die SPD im März erstmals öffentliche Bedenken gegen den geplanten Standort an der Dieselstraße. OB Dr. Ulrich Netzer hatte diese jedoch stets zurückgewiesen.

Kritik der Fraktionen

Herbert Singer, Chef der Sozialbau, die die Station bauen soll, äußerte sich gegenüber dem Kreisboten ebenfalls überrascht über das plötzliche Veto der beiden Fraktionen. „In dieser Form haben wir damit nicht gerechnet“, sagte er am Mittwochvormittag.

OB Dr. Ulrich Netzer indes kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Er habe während des gesamten Planungsprozesses deutlich gemacht, dass er eine derart massive Aufständerung nicht akzeptieren werden, sagte er. „Die Optik ist nicht zumutbar“, betonte er. Aber warum dann die Pressekonferenz vor eineinhalb Wochen, in der der Standort als der einzig umsetzbare gepriesen wurde? Das ist offenbar unglücklich gelaufen. „Es hätte rüberkommen sollen, dass es diese Problematik gibt“, so der Rathauschef am Dienstag.

Bei den anderen Fraktionen im Stadtrat stößt der Vorstoß von CSU und FW freilich auf Kritik. „Ein wahltaktisches Manöver“, kommentierte Grünen-Fraktionschef Thomas Hart- mann die Situation. „Das Argument Aufständerung kann nicht gelten“, sagte er. „Der OB schwenkt ein, da CSU und FW die Felle davon schwimmen. Nach der Wahl wird man feststellen – ups, es gibt keine andere Alternative“, lästerte er.

Ullrich Kremser von der FDP wunderte sich ebenfalls. Noch in der vorletzten Stadtratssitzung habe man mit Unverständnis auf eine Nachfrage Kremsers zum Landeplatz reagiert. „Die Appelle, dass man stehen muss, gelten nicht lange und vor allem nicht für jeden“, ätzte er.

Ähnlich bewertet Lothar Köster, Sprecher der SPD-Fraktion, den plötzlichen Antrag von CSU/FW: „Nach allen Vorträgen auf Bürgeranhörungen, Sachstandsberichten in den Ausschüssen und im Stadtrat, überrascht die Erklärung schon, da von dieser Seite vorher wenig Einwände kamen.“

Doch wie soll es nun weitergehen? „Wir geben nicht auf, wir müssen hier bleiben”, betonte OB Netzer gegenüber unserer Zeitung. Christoph 17 müsse in oder in der Nähe von Kempten stationiert werden, sonst entstehe vor allem im Westallgäu eine Abdeckungslücke. „Der nächste Schritt ist, den Suchkreis auf den Altlandkreis auszudehnen”, erklärte er. Ursulasried habe nur noch eine Chance, wenn das Luftamt Süd eine Ausnahmegenehmigung erteile und auf die Aufständerung der Plattform verzichte.

Angebot für Kaufbeuren

ZRF-Geschäftsleiter Klaus überlegt indes, trotzdem mit den jetzigen Planungen in den Bauausschuss zu gehen. „Ich würde gerne erstmal im Ausschuss zeigen, wie das überhaupt aussieht”, sagte er. Die endgültige Entscheidung darüber liege aber bei OB Netzer. FDP und Grüne im Stadtrat reagierten umgehend auf die neuesten Entwicklungen und beantragten Stellungnahmen von OB Netzer in der Stadtratssitzung am Donnerstag (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Mehr dazu lesen Sie in der Mittwochsausgabe.

Wie unterdessen am Donnerstag aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, liegt dem Zweckverband für Rettungsdienste mittlerweile ein Angebot der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) für einen Hubschrauber-Landeplatz auf dem Fliegerhorstareal in Kaufbeuren vor, dass wohl deutlich günstiger ausfallen dürfte, als die bisherigen Pläne. Darüber hinaus laufen Untersuchungen, inwieweit sich die Rettungseinsätze des Hubschraubers im Einsatzgebiet verteilen. Dies könnte unter Umständen auch für eine Verlegung des Standortes nach Kaufbeuren sprechen, für den sich die Stadt und der Landkreis seit Jahren einsetzen.

Matthias Matz

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