"Du hast die Basis geschaffen"

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (links) gratuliert Kreisrätin Gisela Bock im Kemptener Skyline. Foto: Kampfrath

Die Geschenke türmten sich in einer Ecke des Raums „Trient“ im Restaurant Skyline. Am vergangenen Samstag veranstaltete die Allgäuer FDP dort einen Empfang anlässlich des 70. Geburtstags von Kreisrätin Gisela Bock. Die Festredner, darunter die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, waren voll des Lobs für die Jubilarin. Diese reagierte darauf in ihrer bescheidenen Art etwas verschämt.

„Endlich wird einmal jemand geehrt, der es wirklich verdient hat“, meinte eine Frau, bevor sie sich an einen der Tische setzte. Diese waren entsprechend der Parteifarbe der Liberalen mit gelben Steinchen geschmückt. Der Sulzberger Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae las eine Liste mit Gisela Bocks ehrenamtlichen Funktionen vor, „die ein ganzes A4-Blatt füllen“. Laut Thomae ist sie ein gelebtes Beispiel für das Motto: „Wenn du ein Problem siehst, dann pack die Sache selber an.“ Die Bürger wollten sich mehr engagieren und entwickelten ein Wir-Gefühl für Staatlichkeit, fuhr Thomae fort. Dies sei eine notwendige Ergänzung zum Parlamentarismus. „Die Internetplattform Wikileaks ist ein Beispiel dafür, dass die Menschen die Kontrolle über staatliches Handeln selbst in die Hand nehmen wollen.“ Durch ihren Namen sei sie prädestiniert für Grußworte, scherzte Miriam Gruß, bayerische Generalsekretärin der FDP. Gisela Bock habe wie keine andere in den vergangenen Jahrzehnten gewirkt und gehandelt. „Ich möchte dein Engagement für Kinder und Familien hervorheben“, so Gruß. „Lange vor den Schulobstprogrammen riefst du vor 30 Jahren am Allgäu-Gymnasium die Kochmütter ins Leben.“ Das bildungspolitische Engagement der Geehrten habe nicht bei den Kleinen aufgehört. In den 1970er Jahren habe sie türkischen Müttern im deutsch-türkischen Verein Deutschunterricht erteilt. „Hätte es mehr Gisela Bocks in Deutschland gegeben, hätten wir uns die ein oder andere Integrationsdebatte erspart“, sagte Gruß. Hoher Besuch Die Diplomchemikerin sei immer da gewesen, selbst wenn sie krank war und den Kopf unter dem Arm getragen habe. Sie und ihr Mann Holger Bock seien für ihre Gastfreundlichkeit berühmt, da es bei ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas Leckeres zu essen gebe. „Da starke Frauen kein Problem haben, anderen starken Frauen zuzujubeln, schenke ich dir zwei Karten für das Spiel Schweden gegen Nordkorea bei der Fußball-WM der Frauen in Augsburg.“ Wenn dann elf blonde Schwedinnen aufliefen, müsse Gisela Bock keine Angst um ihren Mann haben. „Dein Holger weiß schon, was er an dir hat“, so Gruß. „Das hier ist keine Parteiveranstaltung, sondern eine familiäre Feier“, stellte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu Beginn ihre Festrede klar. Sie hatte zuvor bei Wikipedia nachgeschaut, wer zusammen mit Gisela Bock am 27. Mai Geburtstag feiert. „Du hast mit ungewöhnlich vielen Sportlern, Musikern und Schauspielern Geburtstag.“ Bock stehe immer zu dem, was sie tue. Das sei wichtig, um die Glaubwürdigkeit der Bürger zu erlangen. Die jetzige FDP-Kreisrätin habe mit den 1960er Jahren ihr Studium zu einer Zeit abgeschlossen, in der man politische Diskussionen gar nicht umgehen konnte. Ihr Engagement bei den Kochmüttern bezog Leutheusser-Schnarrenberger darauf, dass der britische Fernsehkoch Jamie Oliver zusammen mit Gisela Bock Geburtstag hat. „Du bist zu einer Zeit in der FDP aktiv geworden, in der sich die Partei von ihrer Rolle als Mehrheitsbeschaffer distanzieren wollte“, erklärte die bayerische Landesvorsitzende. Gisela Bock habe eine aufgeklärte Familien- und Bildungspolitik gelebt. „Du hast durch dein außerparlamentarisches Engagement die Basis geschaffen, dass die FDP 1990 wieder in den Landtag einziehen konnte.“ Ihre Liebe zum Garten und zu Blumen habe Gisela Bock nicht erst im landwirtschaftlichen Ausschuss des bayerischen Landtags entdeckt. In den späten 1990er Jahren, einer schweren Zeit für die FDP, habe sie persönliche Belange für die Partei zurückgestellt. Derzeit finde ein gesellschaftlicher Umbruch statt, bei dem auf den Staat nicht mehr, sondern weniger Aufgaben zufallen. „Unser Staat ist mit neuen Aufgaben wie der Regulierung des Internets vollkommen überfordert“, betonte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Gisela Bock sei das Herz der Thomas-Dehler-Stiftung, deren Vorstand sie auch angehört. Der Geburtstag der Allgäuer Politikerin falle mit zwei Meilensteinen des aufgeklärten Liberalismus zusammen: der Unterzeichnung der Habeas Corpus Amendment Act im Jahre 1679 in England und dem Hambacher Fest. „Es geht auch heute darum, den aufgeklärten Liberalismus zu verteidigen, der in anderen Parteien als der FDP nicht zu Hause ist.“ Eine Partei brauche standhafte Mitglieder, die sich auch bei Umfragewerten von drei Prozent an den Stand stellen und Werbung machen. Die Welt verbessern Als Überraschung hatte Holger Bock ein Gedicht für seine Frau geschrieben. „Wenn anfangs auch ein wenig schmächtig, gedieh sie dann doch recht prächtig“ oder „Ganz schnell war die Erkenntnis da, am besten kann’s die Gisela“ lauteten Verse daraus. „Ich wusste von dieser Veranstaltung nur, dass ich kommen soll“, erklärte Gisela Bock. Sie lobte Patrick Dermak, der am Keyboard Stücke von Mozart, van Beethoven und Chopin interpretierte, für sein Spiel. „Das spornt mich wieder an, selbst Klavier zu spielen.“ Dass man sie so liebevoll darstellen kann wie die Festredner, habe sie sehr berührt. Schon als Jugendliche habe sie mit ihrer Freundin Gloria die Welt verbessern wollen. Durch ihre Familie habe sie einen liberalen Hintergrund. Auch die ehemalige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher habe ihr imponiert. „Doch der Anstoß, dass man etwas verändern kann, kam aus der Elternarbeit“, so die 70-Jährige. Sie sei in der FDP geblieben, da ihr die persönliche Freiheit sehr wichtig sei. „Liebe Gisela, sei uns weiterhin ein Vorbild in schwierigen Zeiten“, meinte Stephan Thomae dazu.

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