Noch im Schwebezustand

Ausschuss beauftragt Verwaltung ein Konzept für die Seilbahn in Kempten zu erarbeiten

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Blick auf Santiago de Chile aus der Seilbahn nach San Crisobal Hill.

Kempten – Knapp einen Monat ist es her, dass die CSU-Stadtratsfraktion mit ihrem von OB Thomas Kiechle unterstützten Antrag an die Öffentlichkeit gegangen ist: Eine in den ÖPNV integrierte Stadtseilbahn, die natürlich – wenn auch nur zweitrangig – ebenso Touristen glücklich machen soll (der Kreisbote berichtete).

Seither wird der von den einen als revolutionäre Idee gefeierte, von den anderen als Spinnerei abgetane, Vorschlag in der Bevölkerung ebenso kontrovers wie heiß diskutiert. Auch die verschiedenen Stadtratsfraktionen haben inzwischen in offenen Schreiben Stellung bezogen, wie in unseren vergangenen Ausgaben zu verfolgen war. Am Dienstag wurde der Antrag nun im Haupt- und Finanzausschuss diskutiert. Das löste bei Helmut Hitscherich (UB) Verwunderung aus, der meinte, „so schnell ist noch kein Antrag auf die Tagesordnung gekommen“. Vielmehr würden viele schon seit Langem darauf warten, behandelt zu werden. Sein schnelles Handeln begründete Kiechle mit dem „spürbar großen Interesse“ und Informationsbedarf in der Öffentlichkeit. Alexander Hold (Freie Wähler) stieß am Prozedere etwas anderes auf: „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Antrag einer Fraktion zusammen mit dem Oberbürgermeister in einer Pressekonferenz vorgestellt wird.“ Er bat Kiechle deshalb um eine (in der Sitzung ausgebliebene) Begründung dafür. Den Sachvortrag seitens der Verwaltung machte Erwin Hagenmaier, Fraktionschef der CSU-Stadträte, überflüssig. Er ergriff das Wort schon vorher und bereitete mit seinen bereits in der Pressekonferenz Anfang April vorgebrachten Argumenten den Boden für die folgende, gelegentlich auch mal lautere, Diskussion. 

Der Sachverhalt

Zur Realisierung eines neuen, zukunftsorientierten ÖPNV-Konzeptes sollen folgende Maßnahmen umgesetzt werden: 

• Ausbau von dezentralen Bus-Knotenpunkten im Süden am Hauptbahnhof und im Norden der Rottachstraße

 • Verbindung dieser Knotenpunkte unter Einbeziehung der Innenstadt, des APC, der Burghalde und der Allgäuhalle mit einer urbanen Seilbahn. 

Von einer Stadtseilbahn erhofft sich die CSU-Stadtratsfraktion, unter anderem Kapazitätsprobleme der ZUM bei weiterer Taktverdichtung zu lösen. Zudem sieht sie eine Optimierung der Bedienqualität und Reisezeit im busgebundenen ÖPNV nur mit hohen Investitions- und Betriebskosten realisierbar. Neben einer bisher fehlenden, durch eine Stadtseilbahn aber adäquaten und barrierefreien Anbindung von APC und Burghalde, erwartet sie deutliche Verbesserungen für die „Stammstrecke“ ZUM-Hauptbahnhof. Diese wird trotz zahlreicher Busverbindungen von Nutzern als „nicht zufriedenstellend“ bewertet. Hagenmaier warb mit Beispielen von urbanen Seilbahnen unter anderem im bolivianischen La Paz oder der Schwebebahn in Wuppertal. 

Die Diskussion 

Unverständnis zeigten einige Gremiumsmitglieder dafür, dass ein mühsam erarbeitetes und vom gesamten Stadtrat bereits abgesegnetes Mobilitätskonzept vorliege, dessen Umsetzung immer wieder hinausgeschoben worden sei. Sie befürchteten, dass es mit der Seilbahn-Idee nun ganz in der Versenkung verschwinden könnte. Auch wurden von mehreren Seiten sehr unterschiedliche Kosten für eine Seilbahn ins Feld geführt, ein Punkt, der zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden konnte. Hitscherich wies darauf hin, dass im Mobilitätskonzept zu allen Verkehrsproblemen Vorschläge stehen würden. Weiter merkte er an, dass eine Lösung mit P + R (Park and Ride) und der ZUM zur Verkehrsentlastung „billiger ist als eine Seilbahn“ und bei ordentlicher Koordination von Ankunfts- und Abfahrtszeiten zwischen Bus und Bahn auf der Stammstrecke auch „genauso schnell“. 

Abgesehen davon „sehe ich in unserer Stadt keinen Verkehrskollaps, da sind wir weit davon entfernt“. Zu Bedenken gab er, dass das „Überfahren von privatem Grund“ durch die Seilbahn voraussichtlich kostenpflichtig sei und das Klacken beim Passieren der Stützen mit 80 Dezibel sicher für Ärger sorgen werde. Einerseits, kritisierte er weiter, dürften in weiten Teilen der Innenstadt wegen Denkmal- und Ensembleschutz nicht einmal Photovoltaikanlagen installiert werden, aber nun werde über massive Stützpfeiler geredet. In petto hatte er noch eine Liste des Karlsruher Instituts für Technologie, das bis Oktober 2017 (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) gesammelt hat, wo in Deutschland Seilbahnen in Betrieb sind, wo aktuelle Pläne existieren, wo frühere Pläne nicht weiterverfolgt werden (von den insgesamt knapp 25 Projekten der deutlich größte Teil) und wo sie per Bürgerentscheid abgelehnt wurden. Wie das Institut in seiner Publikation betont, handelt es sich dabei um „keine technische Perspektive, sondern Fokus auf Wechselspiel von Akteuren und Einflüssen“. Hitscherichs Wortbeitrag wurde von Kiechle alles andere als wohlwollend aufgenommen. In deutlich gereiztem Ton forderte er, doch nicht immer alles schon im Vorfeld tot zu reden. 

Wie für Hitscherich hinkte auch für Hold das Beispiel La Paz, da dort „Stadtteile mit mehreren Hunderttausend Menschen“ durch die Seilbahn miteinander verbunden seien. Als Verbindung der Stadtteile könne es möglicherweise auch in Kempten funktionieren, sicher aber nicht wirtschaftlich. Im Namen seiner Fraktion forderte er eine „städtebauliche Prüfung“, da die erforderlichen mindestens 30 Meter hohen Stützpfeiler einem „acht- bis zehnstöckigen Hochhaus“ entsprächen. „Wir bezweifeln stark, dass so etwas städtebaulich verträglich gebaut werden kann.“ Neben privatrechtlichen, sah er weitere Probleme unter anderem durch Schattenwurf. Mit einigem Erstaunen bemerkte er, dass bei der Regionalbahn das Umsteigen am Bahnhof als Hindernis gesehen worden sei – aber „am Bahnsteig wird die Seilbahn nicht halten können“. 

Eine zusätzliche Hürde sah er dabei in den unterschiedlichen Ebenen, auf denen die Transportmittel zu erreichen wären. Vor allem aber befürchtete er, dass mit der Seilbahn alle anderen Planungen hinfällig würden und bezüglich des Mobilitätskonzeptes „sicher jahrelang nichts passieren wird“. Seines Erachtens könne man schon mit Bussen viel bewirken, zum Beispiel durch eine eigene Busspur, die überall freie Fahrt ermögliche. „Die Seilbahn ist gerade groß in Mode“, riet er: lieber „am Boden bleiben“. Auch eine attraktive Busanbindung bringe viel und „autonomes Fahren wird schneller kommen, als wir denken“, wovon er sich eine „gute Anbindung an die Stadtteile“ versprach. In einer der Redaktion vorliegenden drei DIN A4 Seiten füllenden vorläufigen Beurteilung der Projektidee „Seilbahn in Kempten“, hat sich seine Stadtratsfraktion (FW/ÜP) intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. 

Katharina Schrader (SPD) sah eine große „Umsteigeritis“ ausbrechen, bei der die mit „schnellem Schweben durch die Innenstadt“ gesparte Zeit wieder verlorengehe. Sie favorisierte die „guten Sachen“ des Mobilitätskonzeptes, in dem auch stehe, dass Haltestellen maximal 200 bis 300 Meter vom Zielort der Fahrgäste entfernt liegen sollten. „Das ist doch, was wir für unsere Bürgerinnen und Bürger brauchen“, sagte sie. Im Übrigen seien Fördermittel Steuermittel, mit denen man verantwortungsvoll umgehen müsse. Thomas Hartmann (Die Grünen) interessierte sich für eine Kosten-Nutzen-Analyse und inwiefern die Seilbahn zur Verkehrsberuhigung beitragen werde. 

Er fragte, ob beispielsweise in der Königstraße dann nur noch Busse fahren dürften, weil dort ja die Seilbahn sei. Der CSU-Stadtrat und ÖPNV-Fachmann Helmut Berchtold ist zwar kein Mitglied des Haupt- und Finanzausschusses, erhielt aber in den Besucherreihen vom OB ein Rederecht. Das nutzte er, um unter anderem die Schwierigkeiten einer pünktlichzuverlässigen Busverbindung im Straßenverkehr zu erläutern, besonders wichtig auf der Strecke zum Bahnhof. Wie seine Fraktionskollegen hob er hervor, dass die Seilbahn nicht gegen das Mobilitätskonzept zu sehen sei, sondern als Teil davon. Die einzig den Bus betreffende Änderung diene der Entlastung der Innenstadt. Unterstützung für sein Ansinnen gab es auch von den Fraktionskollegen Andreas Kibler, Johann Lederle und Harald Platz, der es als „unsere Aufgabe“ sah, „dass wir zukunftsfähige Konzepte prüfen“. 

Siegfried Oberdörfer (SPD) gab zu berücksichtigen, dass der ÖPNV in Kempten mit sieben bis acht Prozent „nur minimal ausgelastet ist“. Laut einer Umfrage seien vor allem zu geringe Taktung oder auch die Preise dafür verantwortlich, weshalb „wir nicht mehr Busse brauchen, sondern sie attraktiver machen müssen“. So müsse es auch mit einer Seilbahn darum gehen, den Individualverkehr einzuschränken, „sonst fährt weiterhin jeder mit dem Auto in die Stadt“. Der CSU warf er hier eine „inkonsequente“ Haltung vor, da sie jede Sperrung von Straßen für den motorisierten Verkehr oder Streichung von Parkplätzen zu verhindern trachte. Hagenmaier gab sich am Ende versöhnlich und betonte „nicht unbelehrbar“ zu sein, sollte sich herausstellen, dass die Stadtseilbahn keinen Sinn mache. „Wir haben nur überlegt, wie können wir den ÖPNV vielleicht revolutionär verbessern.“ Kiechle war es wichtig, „dass wir nicht fertige Konzepte bieten“, sondern eine Idee „mit offenem Ende“. 

Diese Idee sei überhaupt nur mit „größtmöglicher Offenheit“ gegenüber der Öffentlichkeit weiterzuverfolgen. Und zur Weiterverfolgung sei er von den Fachleuten im Ministerium bestärkt worden. „Wir dürfen die Riesenchance nicht verstreichen lassen, dem ÖPNV einen großen Wurf zu geben“, warb er im Gremium für die Idee. Gegen die, laut Fraktionskollege Hold, mehrheitliche Auffassung der FW/ÜP-Stadträte machte sich 2. Bürgermeisterin Sibylle Knott (FW) für die Seilbahnidee stark. Für sie gab es „zwei Möglichkeiten“: Entweder „ich höre auf zu denken und sage, geht nicht, oder ich denke weiter“. Zusammen mit der CSU-Fraktion, OB Kiechle und Thomas Hartmann stimmte sie für die Beauftragung der Verwaltung, „die weiteren erforderlichen Schritte zur Erarbeitung eines konkreten Konzeptes zur Realisierung einer Stadtseilbahn einzuleiten“. Dagegen stimmten Oberdörfer, Schrader, Hitscherich und Hold. 

Ein Kommentar unserer Chefredakteurin zum Projekt der Kemptener Stadtseilbahn finden Sie hier.

Christine Tröger


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