IG Für: Journalist und Buchautor Franz Alt macht sich voller Leidenschaft für ein gesellschaftliches Umdenken stark

"Das Haus brennt, aber wir rufen die Feuerwehr 2038"

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Der renommierte Fernsehjournalist Franz Alt (l.) kam auf Einladung von Georg Sedlmaier, Gründer der Interessengemeinschaft FÜR Lebensmittel e.V., nach Kempten, um sich für eine bessere Welt und ein Umdenken starkzumachen.

Kempten – „Ich will Ihnen Lust auf Veränderung machen und Lösungen aufzeigen. Weil wir Journalisten oft nur über Probleme berichten“, betonte Franz Alt bei seinem Vortrag „Lust auf Zukunft“ im Pfarrsaal St. Lorenz in Kempten. Die Interessengemeinschaft FÜR gesunde Lebensmittel e.V. hatte den renommierten Fernsehmoderator und langjährigen Leiter des ARD-Magazins „Report Baden-Baden“ ins Allgäu eingeladen. Zusammen mit dem Bioring Allgäu und dem Bund Naturschutz Oberallgäu.

Die über 100 Besucherinnen und Besucher erlebten einen lebendigen, informativen und mitreißenden Vortrag: „Wir können die Katastrophe noch abwenden, allerdings wir haben nicht mehr ewig Zeit. Die Klimawende soll bis 2050 geschafft sein, in Wahrheit haben wir höchstens noch 15 Jahre Zeit. Das ist die Herausforderung. Die heutigen Dinosaurier sind wir!“, so der eindringliche Appell des 81-jährigen Franz Alt. Was sollen wir also tun? Alt machte gleich zu Beginn deutlich, wie es zu schaffen ist. „Wenn sich einer von uns ändert und einen anderen für sich gewinnt. Dann sind es schon zwei. Das ist der Weg.“ Wir dürften uns nur nicht zurücklehnen und denken, wir hätten noch Zeit. Dass es höchste Eisenbahn ist, machte er anhand von Fakten, Bildern und Grafiken deutlich. Das letzte große Artensterben gab es vor 65 Millionen Jahren. Das heutige Artensterben sei dramatischer als damals. „Das jetzt ist menschengemacht und es geht weit schneller als früher. Wir heißen Homo sapiens, aber wir benehmen uns wie Homo Dummkopf“, klagte Alt. Irgendwann drehe mal einer mit der Atombombe durch, sei es Putin, Trump oder Kim Jong Un, so seine Meinung. Er selbst sei früher auch mal Anhänger der Atomenergie gewesen, aber man könne ja dazulernen. 

Die ökologische Tagesschau

Um die Dramatik der Klimafrage zu veranschaulichen, stellte der frühere ARD-Journalist, der mittlerweile über 4000 Vorträge auf der ganzen Welt gehalten hat, dem anwesenden Publikum die Frage: „Wie sähe heute an diesem Abend eine ökologische Tagesschau der Kollegen in Hamburg aus? 1. Meldung: Auch heute haben wir weltweit wieder 150 Tierund Pflanzenarten ausgerottet. 2. Meldung: Auch heute haben wir zusätzliche Wüste produziert. Ich erinnere nur an die Hitzesommer 2018 und 2019 und die brennenden Wälder in Australien. 3. Meldung: Auch heute haben wir wieder 80 Millionen Tonnen fruchtbaren Bodens verloren. 4. Meldung: Auch heute haben wir wieder 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen. So würde eine ökologische Tagesschau aussehen.“ Die letzten drei Bundesregierungen hätten auf Druck der alten Energiewirtschaft die Energiewende verhindert. Aber das sei immer so. Bevor etwas Neues durchgesetzt werden könne, gebe es Widerstände und zwar massive. Am Ende, wenn alles geklappt hat, dann seien schon immer alle dafür gewesen, analysierte Alt. „Von Natur aus gibt es kein Energieproblem. Wenn wir eines haben, dann liegt es an uns!“

Die Lösung des Energieproblems steht am Himmel

Der Visionär und Querdenker Alt reist seit Jahrzehnten durch die Welt, um für einen besonnen Umgang mit der Erde zu werben. Bei seinen Reisen beobachtet er vor Ort die Folgen des Klimawandels und trägt positive Erfahrungen weiter. „Ich komme gerade aus Neuseeland. Die decken ihren Energiebedarf bereits zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien. Island ist schon bei 100 Prozent, genauso wie Costa Rica. Ein kleines, mittelamerikanisches Land zeigt, wie es geht, und das hochentwickelte Deutschland hinkt den eigenen EU-Klimazielen hinterher. Das ist schon Wahnsinn! Es zeigt uns aber: Wir können es auch schaffen. Man hat so positive Erfahrungen mit erneuerbaren Energien gemacht, das ist doch klar, wem die Zukunft gehört!“ 

Harsche Kritik gab es von Alt für die deutsche Automobilindustrie, die „komplett gepennt hat“. Als Beispiel nannte er den Bau der ersten Batteriezellenfabrik für Elektroautos in Thüringen: „Die Chinesen bauen die erste Batteriefabrik in Deutschland. Welch eine Schande und Peinlichkeit für die Daimlers und Volkswagens und BMWs und Opels. Wir haben Siemens und Bosch, die können das seit 100 Jahren, aber die Chinesen bauen in Thüringen die erste Batteriefabrik.“ Weiter unterstrich er, dass auch „wir Rückfragen an uns selbst stellen müssen“. Wir selbst seien als Verbraucher zum Umdenken und Handeln aufgerufen, nur so könne sich etwas ändern. Eine Energiewende bedeute immer eine Verkehrswende. In Deutschland gibt es aktuell 46 Millionen PKW. Franz Alt forderte daher ein gesellschaftliches und industrielles Weiterdenken: „Auch 46 Millionen E-Autos brauchen eine Karosserie. Ich bin kein Gegner von Autos, aber wenn, dann brauchen wir eben andere!“

Vormachen und Mitmachen

Gegen Ende seines knapp zweistündigen aufrüttelnden Vortrags zeigte der Journalist eine Reihe von Bildern mit Paradebeispielen, die vormachen, wie eine klimafreundliche Zukunft aussehen kann. „Nichts ist preiswerter, als die Energie zu nutzen, die der Himmel schickt. In Freiburg gibt es eine Solarsiedlung. Das heißt, dein Haus verdient Geld! Geplant von Rolf Disch, einem Architekten, der weiß, wo Süden ist. Auch der Vatikan hat es schon begriffen. Es war übrigens unser Papst Benedikt, der seinerzeit veranlasst hat, dass ein Solarkraftwerk auf die Audienzhalle des Papstes gebaut wird. Die Generalaudienzen am Petersplatz sind also ökologisch! Weiteres tolles Beispiel: Das Stadion von Werder Bremen. Dach und Fassade, alles mit Solaranlagen ausgestattet. Oder die Fassade von ThyssenKrupp Stahl in Duisburg. Die machen einen Teil ihres Stroms einfach selbst.“ 

Als in der anschließenden Fragerunde ein Zuhörer wissen wollte, wie es zu schaffen sei, das „was so eindrucksvoll dargestellt wurde“, wirklich in die Tat umzusetzen, appellierte Alt: „Vormachen und Mitmachen. Nur so geht es. Jeder kann beim Strom umsteigen. Zum Beispiel auf Ökostrom. Jeder kann bei der Verkehrswende mitmachen. Jeder kann andere Produkte und Lebensmittel einkaufen. Aber wir müssen damit anfangen!“ Leuchtende Augen gab es zum Abschluss bei Georg Sedlmaier, dem Gründer der IG FÜR, der Franz Alt nach Kempten geholt hatte. Er bat statt eines Eintritts um Spenden, um dafür bedürftigen nigerianischen Familien den Kauf von samenfestem Saatgut zu ermöglichen. Insgesamt 688 Euro waren es am Ende. „So bekommen 34 Familien in Nigeria 20 Euro. Vergelt‘s Gott und Herzlichen Dank.“

Kathrin Dorsch

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