Beispielhaft für ganz Bayern

Im Hause Zumstein wurde einst Modegeschichte geschrieben - ab jetzt Museumsgeschichte

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Oberbürgermeister Thomas Kiechle, Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn, der einstige Hausherr Johann Zumstein (alias Christian Kaiser) und Bayerns Bauminister Dr. Hans Reichhart.

Kempten – Gegen einen so prominenten Gast kam sogar Bayerns Bauminister und Festredner Dr. Hans Reichhart nicht an. Denn als Überraschungsgast platzte Herr Zumstein (alias Christian Kaiser) höchstpersönlich in den Fürstensaal, in dem die offizielle Feier zur Eröffnung des frisch sanierten Zumsteinhauses mit dem neuen Kempten Museum stattfand.

Allerdings welcher der Herren Zumstein da vor den zahlreichen Feiergästen stand, konnte dieser selbst nicht so genau sagen, denn „wir heißen alle Johann“. Welcher also auch immer es gewesen sei, an den Memmingern ärgerte ihn, dass seine Familie, die erfolgreichen Tuchhändler aus Gressonay im Aostatal, als „Gassenschreier gelten“ und „als geizig – bei den Schwaben!“. Die Memminger Stadtherren hatten der Kaufmannsfamilie nämlich erklärt, unerwünscht zu sein – „Eine Unverschämtheit. Ein Skandal!“ – und so sei man eben weiter nach Kempten gezogen, wie Johann Zumstein gestenreich aus dem Familien-Nähkästchen plauderte. Und dort natürlich „in die Stiftsstadt“, wo sie „katholisch sind wie wir“. 

Fotostrecke: Eröffnung des Kempten Museum im Zumsteinhaus

 © Tröger
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„Wir haben Modegeschichte geschrieben“, weihte er das amüsierte Publikum ein, denn „beide Pfaffen“, die in der Stifts- wie die in der Reichsstadt, hätten auf ihre Seidentücher geschimpft und „eine bessere Werbung kann man sich gar nicht wünschen“, wie er versicherte. Auf jeden Fall, so das Schlusswort des Johann Zumstein, „bin ich stolz auf die Kemptener, die im Haus von fahrendem Gesindel ihr Museum einrichten“.

Stolz schwang auch in der Begrüßungsrede von OB Thomas Kiechle mit, für den die Eröffnung des Kempten-Museums am vergangenen Freitag „ein besonderes Ereignis und ein erster Meilenstein in der Umsetzung des Museumsentwicklungskonzeptes für unsere Stadt“ ist. Es sei, so Kiechle weiter, ein „bewusster Entschluss“ gewesen, mit dem Thema Stadtgeschichte noch vor den Themen Römer und Allgäu zu beginnen und ein „identitätsstiftendes“ Museum „für alle“ bei freiem Eintritt zu schaffen. 

Den partizipativen Ansatz des Konzeptes wolle man auch so weiterverfolgen. Als „Exponat Nummer Eins“ bezeichnete Kiechle das denkmalgerecht sanierte und „städtebauliche Juwel“ Zumsteinhaus selbst. In ihm sei es gelungen, ein barrierefreies, „ein funktionsfähiges Museumsgebäude“ herzustellen, das alle Anforderungen an Sicherheit und Klima erfülle. 1802 als „repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus am Residenzplatz in bester Lage“ errichtet sei das Zumsteinhaus bis 1830 Geschäftssitz der Kaufmannsfamilie, dann bis 1951 durch die Erbengemeinschaft vermietet gewesen und schließlich an die Stadt übergegangen. 

Mit der ersten Renovierung 1961 sei das römische Museum eingezogen, 1975 in den Obergeschossen die naturkundliche Sammlung. Beide seien die letzten Jahre vor dem Umbau vom Heimatverein Kempten „lebendig gehalten“ worden, streifte er die Geschichte. Auf rund 8,6 Millionen Euro bezifferte Kiechle die Gesamtkosten für Sanierung und Ausstellungskonzept und dankte für die „großartige Unterstützung von vielen Seiten“, die die Finanzierung überhaupt erst möglich gemacht habe. 

Einen besonderen Tag nicht nur für Kempten, „sondern für die Museen in Bayern“, sah Bayerns Bauminister in der Eröffnung des neuen Kempten Museums, dessen „offene Museumskonzeption“ auch beständig auf Bürgerbeteiligung setze. Diese „verdient Respekt“. Das „offene Haus“ könne so zu einem „Lebensraum“ werden, zu „einer Begegnungsstätte“. Früher hätten Museen widergespiegelt, wie Pädagogik früher sein musste: belehrend und Ehrfurcht einfordernd. Im Kempten Museum sah er ein gelungenes Gegenbeispiel. „Wir brauchen Ehrfurcht“, meinte er, aber auch „einen neuen jugendlichen Zugang zur Geschichte“. Zudem sei das Zumsteinhaus ein „baulicher Zeitzeuge“ am Übergang zwischen Stifts- und Reichsstadt, und damit „in prominenter Lage gegenüber der Residenz“. Und genau „in solcher Lage brauchen wir Museen“, betonte er. 

In einem „Panoramagespräch“ kamen schließlich einige Akteure zu Wort, die maßgeblich am Gelingen des Gesamtprojektes beteiligt waren. Kulturamtsleiter Martin Fink machte den Gästen bewusst, dass in Kempten in schöner Regelmäßigkeit, nämlich „etwa alle zehn Jahre“ ein Museum eröffnet werde; das Allgäu Museum 1999, die Erasmuskapelle 2010. Freudestrahlend erzählte von der anerkennenden Bemerkung eines Passanten während der Bauzeit, „das riecht nach Preisen“. 

Baureferent Tim Koemstedt berichtete von der Herkulesaufgabe die Generalsanierung „vom Keller bis zum Dach“ in der Rekordzeit von zwei Jahren durchzuziehen, unter Wahrung des Denkmalschutzes und Berücksichtigung heutiger Museumsanforderungen. 

Der Kunsthistoriker Shahab Sangestan, Gebietsreferent für Schwaben der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, sah des Kempten Museum als „beispielgebend für den ganzen Freistaat“. Die Schwierigkeit habe darin gelegen, dass „viele Themen darin zu verankern sind“ und wie diese an alle Bewohner vermittelt werden können. „Ein partizipatives Museum sollte tatsächlich alle Bürger beteiligen“, sah er das Kempten Museum auch bezüglich des Inklusionsgedankens „auf einem guten Weg“. 

Die Bürger im Heute abholen will Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn. Sie „fände es toll“, wenn die Kemptener das Haus nutzen und es auch „als ihr Wohnzimmer der Stadt sehen“. Trotz des „offenen Konzepts“ habe man versucht, für die 13 Räume „eine Struktur zu schaffen“, die nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut sei und im Rundgang „eine spannende Geschichte“ erzähle, „die man auch weitererzählt“. Wie Prof. Ursula Gillmann vom Baseler Büro für Ausstellungsgestaltung „Arge Gillmann Schnegg“ erklärte, habe man ein eigenes Farbkonzept entwickelt, das die einzelnen Themenräume unterstreiche, „am Ende auch als Palette“ funktioniere und zum Haus passe. 

Auch der musikalische Rahmen war mit Bedacht ausgewählt worden. Das eigens zusammengestellte, erlesene „Zumstein-Trio“ war besetzt mit Musikern aus Kempten, die „überregionale Bedeutung erlangt haben“, wie Kiechle sagte. Am Flügel saß Annette Nauman, an der Klarinette Hans-Dietrich Klaus und an der Bratsche Eugen Tluck. 

Da das mit der Heizung im Fürstensaal offenbar noch immer so eine Sache ist, waren trotz des kurzweiligen und unterhaltsamen Festaktes nach eineinhalb Stunden viele Gäste froh, endlich in ihre Mäntel schlüpfen zu können. Bevor Minister Reichhart, OB Kiechle, Museumsleiterin Müller Horn und – natürlich – Herr Zumstein das rote Band am Eingang zum Kempten Museum durchschnitten, segneten Pfarrer Dr. Bernhard Ehler (St. Lorenz-Basilika) und Hartmut Lauterbach (St. Mangkirche) das Gebäude feierlich. 

Das Interesse der ersten Besucher war groß und das Stadtmodell, das die Geschichte Kemptens anschaulich erzählt, nur einer von vielen „Magneten“. Ob die Kaffebecher und Müslischüsseln im neuen Museums-Shop ein Verkaufsschlager werden wird sich zeigen. Mit fröhlichen Kemptener Stadtpark-Krähen bemalt könnten sie in der Museums-Kaffee-Bar zumindest für Gesprächsstoff sorgen.

Christine Tröger

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