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Hellengerst hat den Kanal voll - Strafzahlungen drohen

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Von: Lutz Bäucker

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Abwasser-Alarm: Die simple, kleine Bio-Kläranlage in dieser Hütte in Hellengerst schafft es nicht mehr. Ein neuer Kanal hinunter ins Tal soll helfen. März 2022
Abwasser-Alarm: Die simple, kleine Bio-Kläranlage in dieser Hütte in Hellengerst schafft es nicht mehr. Ein neuer Kanal hinunter ins Tal soll helfen. © Bäucker

Weitnau – Die jahrzehntealte Kleinkläranlage im Ortsteil Hellengerst droht zu kollabieren, ungeklärte Abwässer könnten den idyllischen Fuchsbach überfluten.

Es besteht akuter Handlungsbedarf für die Marktgemeinde. In einer fast dreistündigen Marathonsitzung beschloss der Gemeinderat, die derzeit 224 Einwohner und ein großes Golfhotel über eine 6,5 Kilometer lange Leitung durchs Weitnauer Tal an die zentrale Abwasserbeseitigung anzuschließen.

Erstaunen, Ratlosigkeit und Baustopp

Als Berthold Abt (Technischer Leiter des Wasser-und Abwasserverbandes Isny-Weitnau-WAV) den versammelten Räten und einer überraschend großen Zahl von Zuhörern die alarmierenden Zahlen präsentierte, machte sich schnell Erstaunen und Ratlosigkeit breit. „Die Kläranlage in Hellengerst überschreitet die zulässigen Grenzwerte, die nötige biologische Reinigungskapazität ist nicht mehr vorhanden, wir müssen das Problem umgehend lösen!“ Bürgermeister Florian Schmid hat bereits einen Baustopp für Hellengerst verhängt, um die anfallenden Abwassermengen nicht noch größer werden zu lassen.

Seit gut zwei Jahren Grenzwerte überschritten

Wie Abt erklärte, lief die „simple, für dörfliche Verhältnisse völlig ausreichende Anlage“ bis zum Herbst 2019 ohne jedwede Auffälligkeit. Doch von da an stellten Abwassermeister Ulrich Schneider und seine Kollegen vom WAV immer öfter unzulässige Messwerte und stark zunehmende Einleitungen fest. Über die Gründe wurde in der Gemeinderatssitzung nur spekuliert, belastbare Erkenntnisse gibt es offenbar derzeit nicht. „Die Realität hat uns eingeholt, diese negative Entwicklung war nicht vorhersehbar“, sagte Abt. Bis ins Jahr 2017 war die Kleinkläranlage nur zu 60 Prozent ausgelastet, betonte er.

Inwieweit der Ausbau des ortsansässigen und bei Golfspielern aus Nah und Fern sehr beliebten Hotels „Hanusel-Hof“ eine Rolle spielt, konnte nicht verifiziert werden. Schneider und Schmid spekulierten darüber, ob die seit Beginn der Pandemie extrem erhöhte Zufuhr von bakterien- und virusabtötenden Mitteln der auf biologischer Reinigung basierenden Anlage den Garaus gemacht haben könnten.

Dezentrale oder zentrale Abwässerbeseitigung

Daniel Mignat vom beratenden Ingenieurbüro Sweco stellte nüchtern fest: „Die Biologie kommt nicht mehr zurück!“ Soll heißen: Hellengerst braucht schnell eine neue Lösung, um mit den Ausscheidungen seiner Bewohner und Urlaubsgäste fertig zu werden.

Mignat präsentierte zwei Möglichkeiten: „Entweder bauen wir die Kleinkläranlage aus oder wir schließen sie und legen eine Abwasserleitung von der Hellengerster Höhe hinunter ins Tal nach Weitnau.“ Lösung eins soll circa 640.000 Euro kosten, für Lösung zwei veranschlagte der Experte 2,7 Millionen Euro. Allerdings prognostiziert Mignat rund 40.000 Euro jährliche Kosten für den Betrieb der aufgepeppten Hellengerster Klärgrube, während für die direkte Ableitung nur etwa 12.000 Euro anfallen würden. Informationen, die die Gemeinderäte sichtlich bewegten und auch bei den Zuhörern immer wieder zu Anmerkungen führten.

Trotz Fördergeldern bleiben 1,6 Millionen

Weitnaus Kämmerer Thomas Klöpf rechnete vor, welche finanzielle Belastung beim Bau eines neuen kilometerlangen Abwasserkanals auf die Marktgemeinde zukommen könnte. „Der Freistaat fördert das Vorhaben mit 850.000 Euro, knapp 300.000 Euro haben wir schon zurückgelegt, bleiben also rund 1,6 Millionen aus der Gemeindekasse.“

Klöpf wies auf die Notwendigkeit einer Kreditaufnahme hin, betonte aber, dass trotzdem die Abwassergebühren für die Bürger stabil blieben.

Klares Votum für Hellengerster Kanalbau

Mit einer neuen Leitung direkt an die große, gemeinsame Kläranlage in Unterried bei Isny angeschlossen zu werden oder die Abwässer weiterhin vor Ort zu klären und unter Umständen in wenigen Jahren erneut vor einem ähnlichen Problem wie jetzt zu stehen – diese Alternativen führten zu einer lebhaft-ausdauernden Diskussion.

Als die zweite Bürgermeisterin Evi Kaspar die entscheidende Frage stellte –„Ist Hellengerst noch zu retten?“ – gab Experte Daniel Mignat eine klare Antwort: „Nein!“

Mit nur einer Gegenstimme votierte der Gemeinderat für den Bau des neuen Abwasserkanals. „Wir werden zeitnah mit den betroffenen Grundstückseigentümern sprechen“, kündigte Bürgermeister Schmid an, „das Projekt muss schnell in Angriff genommen werden, sonst drohen uns unter Umständen Strafzahlungen!“ Entsetzt reagierte er, als er die mögliche Dauer der Planungen erfuhr: „Ein Jahr?! Nein, das darf nicht wahr sein!“ Schmid machte klar, auf eine schnellere Bearbeitung der Planung zu drängen.

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