Besser kann der Frühling nicht mehr werden

Herausragende Musik braucht keine Etiketten

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Marius Neset und die Bayerische Kammerphilharmonie

Kempten - Wie soll man das nun bezeichnen, was man am Samstagabend auf der großen Bühne des Stadttheaters als ersten Hauptact des diesjährigen Kemptener Jazzfrühlings zu Gehör bekam? Eine Jazzsinfonie in vielen Teilen oder ein Orchesterpiece in Jazzmanier? Der vierunddreißigjährige norwegische Jazzmusiker und Saxofonist Marius Neset hatte ein einstündiges Werk komponiert, das die Welt des zeitgenössischen Jazz und der klassischen Musik auf einzigartige Weise verschmolz. 

Mit Nesets Band, ihm selbst am Saxofon und den Musikern der Bayerischen Kammerphilharmonie Augsburg unter der Leitung von Geoffrey Paterson durfte ein begeistertes Kemptener Publikum die dritte Aufführung dieses 2018 geschriebenen Werks miterleben. 

Etiketten spielen keinerlei Rolle mehr, wenn die Musik den Zuhörer vom ersten Ton weg in ihren Bann zieht, wenn sie einen Sog entwickelt, der sich aus wohlgeplanter Spannung, Intensität, Klangfarbenfülle und Kontrast speist. Aber auch aus dem frappierend perfekten Zusammenspiel von mehr als fünfundzwanzig Musikern, die die komplexe Rhythmik und Struktur des Stück mit einer Leichtigkeit erfassten, als würden sie mit einer Stimme spielen. 

Am Sonntagabend dann im TheaterOben die kleine Ausgabe des Spektakels vom Vorabend. Ohne ein klassisches Streichorchester versammelten sich nun ausschließlich Musiker aus dem Göteborger/Londoner Dunstkreis, in dem zeitgenössischer Jazz offensichtlich besonders gut gedeiht. Bindeglied zwischen beiden Abenden war Bassist Petter Eldh mit seinem Trio Enemy, der auch Mitglied des Marius Neset Quintetts ist, aber am Vortag von Conor Chaplin am Kontrabass vertreten wurde. 

Frontman jedoch war der schwedische Saxofonist Otis Sandsjö, der sein sehr erweitertes Ausdrucksspektrum am Tenorsaxofon in den Dienst seiner und der Kompositionen der anderen stellte, die hier mit ihm ein durchwegs kongeniales und spannendes Zusammenspiel zelebrierten. Nicht mehr Themen, Chorusse und Soli, sondern Klangflächen, Schichtungen und Patterns waren die modernen Zutaten, die die Stücke zu einem ungemein hörenswerten Leben erweckten.

Jürgen Kus

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