Heute auf dem bunten Sofa

Die für Frauenrechte engagierte Europapolitikerin Barbara Lochbihler

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Mit ihrer Ratlosigkeit in Sachen Flüchtlingslagern, wie es sie zum Beispiel auf Lesbos gebe, verstoße die EU gegen Menschenrechte, prangerte die aus Ronsberg stammende Grünen-Europapolitikerin Barbara Lochbihler auf dem bunten Sofa an.

Kempten – „Im Allgäu verwurzelt, in Europa daheim, in der ganzen Welt engagiert“, damit ist die Grünen-Politikerin auf dem bunten Sofa im Haus International angekündigt worden und recht gut definiert.

Barbara Lochbihler ist einen weiten Weg gegangen, vom, wie sie sagt, „braven, fleißigen, ruhigen Mädchen vom Land aus einer unpolitischen Familie“ zum respektierten Mitglied des EU-Parlaments und zur engagierten Menschenrechtlerin.

Geboren im kleinen Ronsberg, wurde es ihr dann auch in Kempten als Finanzbeamtin zu eng. In München, beim Studium an der katholischen Hochschule, kam sie mit autonomen Frauengruppen in Berührung, in denen persönliche und globale Unrechtserfahrungen heiß diskutiert wurden. Da merkte sie: „Mit brav sein kommt frau nicht weit!“ und dass ihr nichts passiert, wenn sie die Erwartungen anderer nicht erfüllt.

In der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, deren Vorsitzende sie wurde, fand sie ihre weltanschauliche Heimat. Für diese Organisation arbeitete sie sieben Jahre lang in Genf in internationalen Gremien. Weil Genf mit 27.000 Arbeitsplätzen in internationalen Organisationen kein „normaler“ Wohnort ist, wollte Lochbihler wieder zurück nach Deutschland. Zu ihrem Posten als Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International (von 1999 bis 2009) in Berlin kam sie ganz ohne Netzwerk im Hintergrund, schlicht und einfach über eine Stellenanzeige in der „Zeit“. Als größte Menschenrechtsorganisation der Welt hatte und hat Amnesty International einigen Einfluss, besonders auf kleinere Länder. Dass in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Uhr in Sachen Menschenrechte zurückgedreht wurde – Stichwort Folter in den Gefängnissen von Guantanamo und Abu Graib – ist grausame Tatsache.

Mit Gerd Müller, dem Minister für Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Zusammenarbeit, verbindet sie viele Themen. Was Lochbihler bedauert, ist, dass er die menschenfeindliche Flüchtlingspolitik der CDU und deren blauäugige Afrikapolitik mittragen müsse. Weil es keine legalen und sicheren Zugangswege zu Europa gibt, können Schlepper weiter ihr Unwesen treiben, so Lochbihler.

„Wird die EU überleben?“, wurde sie vom Diskussionsleiter Lajos Fischer gefragt. „Ja, wenn wir aus dem Krisenmodus seit der Finanzkrise 2008 herauskommen, Europa erlebbar machen und in der Migrations- und Flüchtlingspolitik mit einer Stimme sprechen.“ Heute gibt es im EU-Parlament Gruppen, deren Ziel es ist, Europa zu zerstören, die nicht auf Reformen, sondern auf plumpen Nationalismus setzen. Der AfD hat das unselige Schlagwort von der „Homogenität des deutschen Volkskörpers“ tatsächlich Stimmen gebracht. Lochbihler sieht aber auch in manchen Ländern Gegenbewegungen, zum Beispiel „Pulse of Europe“, die die Demokratie stärken.

Immer wieder besucht Lochbihler Krisenherde, etwa die Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos, wo rund 9000 Menschen wie in einem natürlichen Gefängnis trotz EU-Geldern unter fürchterlichen Umständen hausen müssen. Die EU sei weitgehend ratlos, verstoße massiv gegen die Menschenrechte und bringe keine Zusammenarbeit zuwege, stellt sie nüchtern fest.

Wie sie es psychisch verkrafte, jahrelang mit so vielen erschütternden Schicksalen konfrontiert zu werden, wollte eine Zuhörerin wissen: Es mache sie traurig, doch dann überlege sie gleich, was sie für diese Menschen tun und wie sie Unterstützung organisieren kann. Gestärkt werde sie auch von den Begegnungen mit eindrucksvollen Persönlichkeiten, die sich für Menschenrechte engagieren – „ein Privileg“, wie sie versichert.

Wenn sie 2019 aus dem EU-Parlament ausscheidet, was will die zur Nomadin gewordenen Allgäuerin dann tun? Sie hielt sich bedeckt und ließ alle Möglichkeiten offen. Vermutlich wird es ein sesshafteres, weniger stressiges Leben geben. Das Publikum, das Barbara Lochbihler auf dem bunten Sofa erlebt hat, brachte ihr viel Sympathie, Dank und Bewunderung entgegen.

Elisabeth Brock

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