Hilfe gegen den Baby-Blues

Netzwerk für Frauen mit Schwangerschaftsdepression

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Die Verantwortlichen des Fachtags „Traurige Tage rund um die Geburt“ v.li.n.re: Prof. Dr. Markus Jäger (1. Direktor BKH), Lisa Birke (Leitung Sozialdienst BKH), Renate Reich (KoKi - Netzwerk frühe Kindheit Kempten), Luise Steinmetz (Koki Oberallgäu), Referentin Kerstin Eichhorn-Wehnert sowie Referent Dr. Carlos Martinez (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie BKH).

Kempten – „Fast die Hälfte aller Frauen entwickelt nach der Entbindung eine kurze depressive Verstimmung, den so genannten `Baby-Blues´“, so Dr. Carlos Martinez, Oberarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten.

„Dauert das Tief allerdings länger als zwei Wochen an, könnte es sich um eine postpartale, also nachgeburtliche Depression handeln.“ Diese sei gut zu behandeln. Wichtig sei es dabei, den Betroffenen schnell und unbürokratisch auf verschiedenen Ebenen zu helfen. Beim Fachtag im BKH zum Thema Schwangerschaftsdepression war daher die Vertiefung der Netzwerkarbeit zwischen Beratungsstellen, Ärzten und Klinik ein zentrales Thema. „Die Geburt ihres Kindes löst nicht bei allen frischgebackenen Müttern automatisch Glücksgefühle aus“, erklärte Dr. Carlos Martinez im Zuge seines Vortrags vor 110 Ärzten, Hebammen, Fachkräften aus verschiedenen Beratungsstellen und Medizinischen Fachangestellten. 

Tatsächlich seien bis zu zwanzig Prozent der Mütter von Stimmungsschwankungen, Unsicherheit und Zweifeln betroffen oder von der Angst, ihr Kind nicht richtig lieben und versorgen zu können. Zehn bis 15 Prozent entwickeln in den ersten sechs Monaten nach der Entbindung eine Depression. Als typische depressive Symptome nannte eine gedrückte, traurige Verstimmung, Freudlosigkeit, Interessensverlust, Antriebsmangel und Konzentrationsstörungen. „Manche Mütter fühlen sich ihrem Baby gegenüber distanziert. Sie können keine zärtlichen Gefühle entwickeln und sind erleichtert, wenn es nicht in der Nähe ist.“ Die betroffenen Frauen würden sich oft als `nicht normal´ und als unfähig empfinden. Häufig seien sie beschämt und verzweifelt darüber, keine Zuneigung zu ihrem Kind entwickeln zu können. „Aber eine Frau darf nach der Entbindung durchaus auch mal traurig sein. Sie darf skeptisch sein bezüglich ihrer neuen Rolle als Mutter. Das alles hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun“, betonte er. 

Im Falle einer postpartalen Depression sei es wichtig, sich schnell Hilfe zu holen. Im BKH Kempten existiert beispielsweise eine Notfallambulanz, an die sich Betroffene wenden können. Die Klinik bietet überdies ambulante, tagesklinische oder stationäre Behandlungen. Darüber hinaus gebe es im Allgäu zahlreiche Unterstützungsangebote, so Martinez. Hier habe sich ein sehr gutes Netzwerk entwickelt. Federführend sind dabei die KoKi Kempten und KoKi Oberallgäu. In Kempten setzt sich zudem der Verein „Licht & Schatten e.V.“ mit zwei Selbsthilfegruppen dafür ein, „den belastenden Mythos von der allzeit glücklichen und perfekten Mutter zu entlarven und die postpartale Problematik zu enttabuisieren“, wie es auf dem offiziellen Flyer heißt. Renate Reich vom KoKi Kempten sagte: „Wir setzen auf Informationsaustausch und gute Netzwerkarbeit aller beteiligten Stellen, um den betroffenen Frauen schnell und unbürokratisch zu helfen. „Manchmal reicht es schon, den Familien eine Haushaltshilfe zu vermitteln.“ 

Die zweite Referentin, Diplom-Sozialpädagogin und Dozentin an der FH Coburg für Soziale Arbeit, Kerstin Eichhorn-Wehnert, brachte in ihrem Vortrag einen weiteren Aspekt ins Spiel. Sie plädierte für eine ressourcenmobilisierende Unterstützung durch die Beratungsstellen. „Wir sollten davon wegkommen, uns nur auf die vorhandenen Defizite zu konzentrieren. Stattdessen ist es bei der Beratung wichtig, das Zutrauen der betroffenen Frau in ihre eigenen Stärken zu verbessern, etwa durch Fragen wie: `Welche Fähigkeiten habe ich?´, `Wie kann ich selbst dazu beitragen, die Lage zu verbessern?` und – vor allem – `Welche möglichen Hilfen kann ich in meinem persönlichen Umfeld, im Bekannten-, Freundes- und Familienkreis entdecken?´“ Ihrer Erfahrung nach fänden sich bei genauem Hinsehen bei jeder Frau Personen, die Entlastung geben könnten. „Ganz wichtig ist es, die Haltung zu vermitteln, dass die Frau ihrem Schicksal nicht ausgeliefert ist, sondern selbst über Möglichkeiten verfügt, ihre Lage zu verbessern.“ 

sas

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