Bewegender Vortrag beim Stadtjugendring in Kempten

Hilfe, mein Kind wird gemobbt!

+
Wenn das eigene Kind gemobbt wird, rät Experte Ulrich P. Krämer den Eltern und Erziehenden ein so genanntes „Mobbing-Tagebuch“ zu führen. Bei seinem Vortrag im Haus des Stadtjugendrings veranschaulicht er, wie das Tagebuch aufgebaut sein sollte.

Kempten – „Mobbing lebt davon, dass Mobbing nicht sichtbar ist. Eine Frage stellt sich deshalb immer: Darf Mobbing denn überhaupt stattfinden? Will ich es erkennen oder schaue ich bewusst weg, weil ich es lieber nicht wahrhaben will?“, sagt Ulrich P. Krämer, der sich mit Konflikten, Aggressionen und Gewalt auskennt wie kein Zweiter. Der Diplom-Sozialpädagoge ist nicht nur Dozent, sondern unter anderem auch Systemischer Anti-Gewalt-Trainer und Experte für effektives Konfliktmanagement. Idealer Gast also für die Präventionskampagne „Leben statt schweben“ vom Stadtjugendring Kempten, die sich in diesem Jahr mit dem Thema „Mobbing“ beschäftigt.

Sibylle Knott, die zweite Bürgermeisterin Kemptens, hält die Aufklärung über das Thema für enorm wichtig und betont in ihrem Grußwort, wie notwendig es sei, dass ein solcher Abend für Eltern und Erziehende angeboten wird. Auch der Vorsitzende des Stadtjugendrings, Stefan Keppeler, weiß um die Dringlichkeit der umfangreichen und schwierigen Thematik. Er freue sich deshalb umso mehr, mit dem Referenten Ulrich P. Krämer einen „echten Spezialisten für das Thema“ gewonnen zu haben. „Seit mehr als 15 Jahren versuchen wir durch unsere Präventionskampagne „Leben statt schweben“ zusammen mit dem Amt für Jugendarbeit Kempten jährlich die Themen auf den Tisch zu bringen, die Jugendliche bewegen. Anfangs ging es oft um Alkohol, später dann um Drogen oder Gefahren im Internet“, erzählt Keppeler. „Uns als Stadtjugendring geht es vor allem darum, sowohl die Kids, aber auch Eltern, Erziehende und politisch Verantwortliche zu informieren, Wissen zu vermitteln und zu unterstützen.“ 

Fünf Merkmale von Mobbing

„Ja, was ist Mobbing denn eigentlich?“ Mit dieser Frage regte Ulrich P. Krämer die anwesenden Eltern und Pädagogen gleich zu Beginn zum Mitdenken an. Er erläutert fünf Merkmale, die zeigen, dass es sich bei den auftretenden Problemen um Mobbing handelt und nicht nur um eine Form von Gewalt. „Man spricht dann von Mobbing, wenn sich ein Konflikt verfestigt hat und verstärkt auftritt. Und wenn die Mobbinghandlungen wiederholt und über einen längeren Zeitraum auftreten. Wenn ich jemanden an einem Tag immer mal wieder wegen seines lila Hemdes aufziehe und mich lustig mache, dann ist das noch lange kein Mobbing. Aber wenn das über einen längeren Zeitraum passiert und ich außerdem noch aggressive Handlungen gegenüber der Person verübe und der Betroffene dadurch in eine unterlegene Position ohne Ausweg gerät, dann sprechen wir definitiv von Mobbing“, veranschaulicht Krämer. Seiner Meinung nach sei ein großes Problem, dass die Thematik oft verharmlost werde. „Ich höre dann häufig so Sätze wie: In unserer Einrichtung gibt es kein Mobbing! Mobbing ist ja harmlos, es war auch nur ein bisschen Mobbing! Oder: Als Pädagoge kann ich gegen Mobbing eh nichts unternehmen! Aber genau das ist falsch. Und nur ein bisschen Mobbing gibt es genauso wenig wie nur ein bisschen schwanger.“ 

Kinder brauchen einen stabilen Ansprechpartner

Was gilt es seiner Meinung nach also für betroffene Eltern oder Erzieher zu tun? „Da sind mehrere Dinge ganz entscheidend. Es geht ums Zuhören, Achten und Ernst nehmen. Die Kids brauchen einen Ansprechpartner, der stabil ist. Viele wollen ihren Eltern nicht noch mehr Sorgen machen und schweigen dann lieber, weil sie merken, dass Mama oder Papa selbst genug Probleme haben. Eine Studie hat belegt, dass betroffene Mobbing-Opfer im Durchschnitt sieben Erwachsene brauchen, bis ihnen einer glaubt. Das ist mehr als erschreckend. Es geht also vordringlich darum, den Kindern zuzuhören und sie ernst zu nehmen.“ Wenn man als Erwachsener den Verdacht hat, dass das eigene Kind gemobbt wird, es aber nicht darüber redet, dann sollte man versuchen, beispielsweise über Freunde heranzukommen oder sich selbst einmal öffnen. Von sich persönlich erzählen, vielleicht auch wie es einem früher ergangen sei, so Krämer. Er legte den Anwesenden nahe, ein sogenanntes „Mobbing-Tagebuch“ zu führen. Also genau aufzuschreiben, was passiert ist, wann es passiert ist, wer beteiligt war und wie sich das Kind gefühlt hat. Das sollte man gemeinsam mit seinem Kind machen und habe damit auch eine Handhabe, mit der man zu der Schulleitung oder den entsprechenden Verantwortlichen gehen könne. „Wenn man die Anfeindungen lückenlos dokumentiert, dann müssen die Verantwortlichen reagieren und es werden anschließend Konsequenzen folgen“, begründet er seinen Ratschlag. 

Es gibt keinen anonymen Bereich im Internet

Mobbing habe es immer schon gegeben, allerdings habe sich die Intensität verändert. „Mobbing ist facettenreicher geworden und der Bereich des Cybermobbing ist neu hinzugekommen.“ Eine Sache ist dem Experten dabei extrem wichtig: „Es gibt keinen anonymen Bereich im Internet. Auch im Darknet lassen sich am Ende Daten herausfinden. Durch die IP-Adresse ist alles nachvollziehbar. Im Darknet dauert es schlichtweg nur länger, bis Fachleute die Daten entschlüsselt haben. Aber das Darknet ist nicht anonym. Das Internet vergisst nichts. Wir müssen deshalb unseren Kindern beibringen, dass alles, was online ist, auch online bleibt“, meint Krämer, selbst vierfacher Familienvater. 

„Prävention ist dabei ganz wesentlich. Kindern sollte klar gemacht werden, dass sie für alles, was sie ins Netz stellen, die Verantwortung übernehmen müssen. Wir als Eltern müssen da konsequent sein und auch mal Konflikte aushalten. Nachgeben ist oft einfacher, aber genau das Falsche. Es ist natürlich anstrengend, ständig mit den Kids zu diskutieren, wie lange sie im Internet surfen dürfen und warum sie mit zwölf Jahren noch kein eigenes Handy haben. Das bleibt immer ein Verhandeln und erfordert Konsequenz, ich kenne das aus eigener Erfahrung“, berichtet Krämer mit einem Schmunzeln im Gesicht. Es sei die Aufgabe von Erziehungsberechtigten, ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten vorzuleben. 

Am Ende des über zweistündigen Vortrags sind sich alle Anwesenden einig: eine tolle und wichtige Veranstaltung des Stadtjugendrings zu einem aktuellen Thema. Einige bedauern, dass sich nicht mehr Eltern entschlossen haben, zu dem Info-Elternabend zu kommen. „Wenn es um einen Vortrag zum Thema Pubertät geht, dann ist der Saal voll, aber bei so einem Brennpunktthema wie Mobbing, da bleiben viele Eltern zu Hause. Das kann ich nicht verstehen“, so eine anwesende Zuhörerin. Ulrich P. Krämer sieht das Ganze entspannt: „Ich freue mich über jeden, der hier war, und der nun mit einigen Hilfestellungen und Tipps nach Hause geht. Dann habe ich schon etwas bewirkt.“

Kathrin Dorsch

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Classix-Auftakt unter erschwerten äußeren Bedingungen
Classix-Auftakt unter erschwerten äußeren Bedingungen
Gespannte Vorfreude beim Auftakt im Neubaugebiet Halde-Nord
Gespannte Vorfreude beim Auftakt im Neubaugebiet Halde-Nord
Classix-Zusatzkonzert mit dem Benjamin Schmid Jazz Quintett und Gästen
Classix-Zusatzkonzert mit dem Benjamin Schmid Jazz Quintett und Gästen

Kommentare