Hinrichtungsstätten in Kempten – Teil 2:

Ein Gedenkstein, der an eine grausame Strafjustiz erinnert, wird zum neuem Leben erweckt

Stadtplan Kempten um 1730
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Stadtplan Kempten um 1720 Stich von Bodenehr, Güter- oder Waagstadel und Stelle des Prangers.

Kempten – Wer als historisch Interessierter in Kempten mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet heute noch an vielen Gebäuden und an anderen geschichtsträchtigen Orten Gedenktafeln oder Gedenksteine, die an einstige bedeutsame Ereignisse erinnern. Die meisten davon gehen zurück auf Dr. Otto Merkt (1877 – 1951), der als ehemaliger langjähriger Kemptener Bürgermeister, (Amtszeit von 1919 bis 1942) sowie als Geschichtsfreund und Burgenforscher an die 2.000 Erinnerungsstücke dieser Art aufstellen ließ. Für diese Gedenksteine oder -tafeln entwarf Dr. Merkt extra einen eigenen Vordruck. Darauf sind neben dem Ort, an dem sie anzubringen sind, der von ihm eigenhändig entworfene Text, der darauf zu lesen ist, noch eine Spalte mit dem Vermerk „wird bezahlt durch …“ zu sehen. Diesen Satz hätte man sich meist sparen können, da Dr. Merkt etliche Tafeln aus eigener Tasche bezahlte und insgesamt dafür ein kleines Vermögen ausgab. Heute sind leider viele dieser Gedenksteine und -tafeln in einem sehr schlechten, teilweise unlesbaren Zustand und bedürfen dringend einer Renovierung. Eine Aufgabe, um die sich seit vielen Jahren der Heimatverein Kempten kümmert.

Die Anfänge im Stiftsgebiet

Den sogenannten Blutbann und die Gewährung von Stock und Galgen – auf dem Stock fand die Enthauptung statt und am Galgen das Erhängen – besaß zunächst nur das Stift. Schon im 12. Jahrhundert ist von einem Galgen an der Nord-Westseite der Burg(halde) die Rede. Auf dieser Burg saß – durch altes Recht festgelegt – der Vertreter des Abtes (ab 1348 ist dann vom Fürstabt die Rede), der stiftische Vogt mit seinen Knechten, der in der Stadt im Auftrag des Fürstabtes die Regierungsgewalt samt der Gerichtsbarkeit ausübte. Da die Erhängten längere Zeit am Galgen baumelten, begannen die Leichname schon bald übel zu riechen. So heißt es dann auch in alten Quellen: da „schmackt es in der warmen Jahreszeit übel bis auf das Schloss“ (damit ist die Burghalde gemeint).

Aus diesem Grunde verlegte man gegen 1150 die Richtstatt an die „Kopf- oder Hauptstatt“, in der Nähe der Rottach, an einen Hang unterhalb der heutigen Nordschule. Eine weitere Hinrichtungsstätte in Form eines Galgens hatte das Stift später auf „dem Büchl zu Bintzen Ried an der Reichsstraße“ am sogenannten „Galgenbühl“ (Binzenried nähe Fenebergcenter). Mit dem sogenannten Recht des Blutbannes konnte der Abt bzw. sein Vertreter in Rechtssachen jedes Dorfgericht bevollmächtigen, von denen es neben dem Hofgericht insgesamt 15 im Stiftsgebiet gab, auch Todesurteile zu vollstrecken.

Diese Dorfgerichte dürften im Wesentlichen auf die eigene Pfarrei begrenzt gewesen sein. Im Laufe der Zeit bekamen nur solche Dorfgerichte die Blutgerichtsbarkeit übertragen, die in Marktorten tagten; ein Vorgang, der gleichzeitig auch den Marktfrieden gewähren sollte. Bereits im Jahre 1407 gelang es dem Fürstabt, ein Marktprivileg für Obergünzburg zu erwirken, womit auch die Verleihung des Blutgerichtes verbunden gewesen sein dürfte. Das Recht auf Stock und Galgen musste (natürlich) gegen eine Gebühr, erworben werden. Durch ein Privileg vergab Kaiser Friedrich III. im Jahre 1485 an alle Marktorte auch die Blutgerichtsbarkeit. Ab da konnte der Fürstabt dann im Stiftsgebiet weitere Hinrichtungsstätten einrichten. So z.B. in Buchenberg (ab 1430), Dietmannsried, Legau, Martinszell, Durach (ab 1455), Grönenbach, Haldenwang, Liebentann, sowie in Probstried (ab 1431), Ronsberg, Sulzberg, Unterthingau und Wildpoldsried.

Alle diese Gerichtsorte hatten sowohl Dorf hinein oder hinausführenden Wegen. Somit kamen die Menschen zwangsläufig an diesen Hinrichtungsstätten vorbei und sahen, dass in diesen Marktflecken Recht und Ordnung herrschten und auf Schwerverbrecher der Galgen wartete. Als man z.B. in Unterthingau die Straße verlegte, hat man auch den Galgen, der dort von 1485 bis 1743 stand, an die neue Straße gesetzt. Somit war der Galgen – zum Zwecke der Abschreckung – nun vom neuen Verkehrsweg aus zu sehen, wo er sich bis 1812 befand. Noch im Jahre 1746 ordnete der stiftische Hofrat zu Kempten an, dass die morsch gewordenen Galgen in Buchenberg, Dietmannsried, Legau, Martinszell und Unterthingau wieder instand zu setzen sind. Aus dem Kemptener Stiftsgebiet ist uns zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Scharfrichter „Meister Andre(a)s Klingensteiner“, der wahrscheinlich „auff der Rottach“ gewohnt hatte und seine Arbeit näher bekannt.

Für den Scharfrichter Andreas Klingensteiner sind ab 1711 verschiedene Gebühren festgehalten, die er für seine Tätigkeit verrechnen konnte und die uns einen Blick auf die vergebenen Strafen erlauben: Für das Köpfen 20 Kreuzer, für die „Schauffel und Bickhel“, um das Grab auszuheben, sowie für das Begräbnis je einen Gulden, für den Strick um den Delinquenten zu Fesseln neun Kreuzer, mit „Ruethen“ aushauen vier Gulden und weil dafür der Täter festgebunden werden musste, für „auff den Boden zubinden und wider auffzuösen“ jedes „mahl“ 20 Kreuzer, für das Pranger stellen sechs Gulden, für das Aufhängen „auff den Buggel“(auf dem Hügel) sechs Gulden, für die Leiter an den Galgen anzulehnen und diese wieder abzunehmen je 20 Kreuzer, für das Schandzeichen mit einem glühenden Eisen auf den „Ruckhen“ (Rücken) zu brennen vier Gulden. Sogar Gotteslästerung konnte ein Grund für eine Hinrichtung sein.

Deswegen verlor Sebastian Herb von Burg im Jahre 1711 auf der Richtstatt an der Rottach seinen Kopf. Auf dem Weg zur stiftischen Hinrichtungsstätte der Stiftssiedlung, die in der Nähe der Rottach (unterhalb der heutigen Nordschule) stand, kam der zum Tode verurteilte samt seiner Begleitung noch an der heutigen Besenkapelle, auch „Kopfkapelle“ genannt, an der Memminger Straße vorbei. Hier bekam der Todgeweihte die letzte Möglichkeit, einige Gebete zu sprechen und um Vergebung seiner Sünden zu bitten, damit er wenigstens im Jenseits Gnade finden konnte. Daher stammt auch der Name „Kopfkapelle“, darauf verweist rechts vor dem Eingang ein Gedenkstein auf dem zu lesen ist, dass die zum Tode verurteilten „armen Sünder“ auf dem Weg zur stiftischen Richtstätte hier ein letztes Vaterunser beten durften. Kurze Zeit später kam der Verurteilte dann an der Hinrichtungsstätte an und der Scharfrichter legte ihm die Schlinge um den Hals und vollzog das Urteil. Von den stiftischen Scharfrichtern ist bekannt, dass sie sich auch um die jeweilige Hinrichtungsstätte zu kümmern hatte, die ja nicht jeden Tag genutzt wurde. Sie mussten den Platz in Ordnung halten, die Balken der Galgen überprüfen und das Gras mähen, damit die Stelle nicht verbuschte. Das Gras durften sie behalten und konnten damit eine eigene Kuh halten. Falls das Galgenholz mürbe geworden war, mussten stiftische Zimmerleute die Reparaturarbeiten übernehmen.

Hinrichtungsstätten in der Reichstadt Kempten

Die Bürger der wachsenden Stadt Kempten (Reichsstadt ab 1289, „Freie Reichsstadt“ ab dem sog. „Großen Kauf“ von 1525), die sich vom Einfluss des Abtes lösen wollten, beanspruchten auch in Gerichtsangelegenheiten ihre Unabhängigkeit vom Abt. Da aber Stock und Galgen in dieser Zeit dem Stift gehörten, hatte die Stadt nur ein Mitbenützungsrecht. Im Jahre 1408 übertrug König Ruprecht (* 1352 - † 1410) die Blut- und Hochgerichtsbarkeit an den Stadtammann. Damit durfte das Stadtgericht zwar Schwerverbrecher aburteilen, aber noch nicht selber abstrafen, sondern musste die stiftische Hinrichtungsstätte nutzen. Erst 1488 folgten die Verleihung des Blutbanns und die Gewährung von Stock und Galgen. Seit dieser Zeit besaß die Stadt das Recht, auch solche Urteile zu vollziehen, die mit Verstümmelungen oder mit dem Tode bestraft wurden. Den Stock für Enthauptungen und den Galgen hatte die Stadt ab da im eigenen Territorium. Zunächst befand sich die städtische Hinrichtungsstätte auf der Schwaigwiese, zwischen Stadtmauer und dem Stiftsgebiet. Später verlegte man sie direkt vor die Stadtmauer vor dem Steinrinnentor am Bachtelbach (in der Nähe der Einmündung zur heutigen Lenzfrieder Straße).

Die Städter wollten aber auch weiter entfernt von ihrem Stadtgebiet, an einem wichtigen Verkehrsweg, eine weitere Hinrichtungsstätte in Form eines Galgens haben. Daher warfen sie den stiftischen Galgen auf „dem Büchl zu Bintzen Ried“ um, und obwohl sie ihn wieder aufstellen mussten, durfte ihn ab da die Stadtobrigkeit gegen eine jährliche Gebühr benutzen. Ab 1691 gehörte der Galgen dann der „Freien Reichsstadt Kempten“. Auch an diese Gerichtsstätte, die ebenfalls im Jahr 1814 abgebrochen wurde, erinnert noch heute ein so gut wie unbekannter Gedenkstein, der selbst für Eingeweihte nur schwer auffindbar ist. Auf alten Karten ist für diese Gegend um die einstige Hinrichtungsstätte noch der sinnige Name „Galgenberg“ zu sehen. Wer also damals von Richtung Kaufbeuren oder Durach herkommend nach Kempten ging, kam an einer diesen beiden städtischen Hinrichtungsstätten vorbei und sah dort die Erhängten am Galgen baumeln.

Damit wusste man, dass es in der Stadt eine unerbittliche Rechtsprechung gab. Der städtische Pranger befand sich beim Rathaus, also im Zentrum der damaligen Stadt. Wer in dieser Zeit in Kempten am Pranger stehen musste, dem brannte der Scharfrichter zur äußerlichen Kennzeichnung mit einem glühenden Eisen noch ein „A mäl“ (ein Schandmal) ins Ohr oder auf den Rücken. Je nach Schwere der Tat, wurden die Täter dann noch vom Scharfrichter mit Ruten aus der Stadt hinausgehauen. So geschehen im Jahr 1711. Damals kam in Kempten ein „Hans Haggenmüller aus Raunberg“ wegen Pferdediebstahls an den Pranger. Danach brannte ihm der Scharfrichter mit einem glühenden Eisen einen Galgen in den Rücken und peitschte ihn schließlich noch mit Ruten aus der Stadt. Damit verlor der Delinquent das Recht auf ein Leben in der jeweiligen Kommune. Bevor der Missetäter aus der Stadt verwiesen wurde, musste eine sog. „Urfehde“ schwören, d.h. er musste einen Eid leisten, dass er sich wegen der erlittenen Strafe an niemanden rächen werde und er sich zukünftig der Stadt nicht mehr als vier Meilen nähert.

Falls sich der Verurteilte nicht an seinen Eid hielt, konnte ihm der Scharfrichter entweder der Schwurfinger oder sogar die ganze Schwurhand abhauen. Um den Standort des städtischen Prangers kam es zu Streitigkeiten mit dem Stift. Es ließ ein Schiedsgericht einberufen, das bestimmte, dass der Pranger vom Rathaus an den Waag- oder Güterstadel verlegt werden musste. Bei der Renovierung des Waagstadels im Jahre 1783 veranlasste kurze Zeit später Bürgermeister Johann Jacob von Jenisch, dieses Symbol des mittelalterlichen Strafvollzugs endgültig zu entfernen. Von den Scharfrichtern der Freien Reichsstadt ist bekannt, dass sie als „unehrliche Personen“ in einem Haus lebten, das sich vor den Toren der Stadt am heutigen alten Holzplatz 1 befand. Hier befindet sich an einem Wohnhaus noch eine Gedenktafel, die auf den ehemaligen Wohnort des Schafrichters hinweist. Teil 3 der Hinrichtungsstätten in Kempten in unserer Mittwochsausgabe am 18. November 2020.

Teil 1 dieser Serie finden Sie hier.

Dr. Willi Vachenauer

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