Ein Gedenkstein wird zu neuem Leben erweckt

Hinrichtungsstätten in Kempten – Teil 1: Ein Gedenkstein wird zu neuem Leben erweckt

+
Einstiger Gedenkstein „Stiftischer Galgen“

Kempten – Wer als historisch Interessierter in Kempten mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet heute noch an vielen Gebäuden und an anderen geschichtsträchtigen Orten Gedenktafeln oder Gedenksteine, die an einstige bedeutsame Ereignisse erinnern.

Die meisten davon gehen zurück auf Dr. Otto Merkt (1877-1951), der als ehemaliger langjähriger Kemptener Bürgermeister, (Amtszeit von 1919-1942) sowie als Geschichtsfreund und Burgenforscher an die 2000 Erinnerungsstücke dieser Art aufstellen ließ. Für diese Gedenksteine oder -tafeln entwarf Dr. Merkt extra einen eigenen Vordruck. Darauf sind neben dem Ort, an dem sie anzubringen sind, der von ihm eigenhändig entworfene Text, der darauf zu lesen ist, noch eine Spalte mit dem Vermerk „wird bezahlt durch …“ zu sehen. 

Diesen Satz hätte man sich meist sparen können, da Dr. Merkt etliche Tafeln aus eigener Tasche bezahlte und insgesamt dafür ein kleines Vermögen ausgab. Heute sind leider viele dieser Gedenksteine und -tafeln in einem sehr schlechten, teilweise unlesbaren Zustand und bedürfen dringend einer Renovierung. Eine Aufgabe, um die sich seit vielen Jahren der Heimatverein Kempten kümmert. Dieses Schicksal teilte auch ein Gedenkstein, der sich unterhalb der Nordschule, gut versteckt oberhalb der Kolpingstraße/Neuhauser Weg befindet. Auf diesem Stein, der seit 1930 notariell belegt ist, war in fast verwitterter Schrift zu lesen: „Hier stand bis 1814 der letzte Galgen des hochfürstlichen Stiftes Kempten.“ 

Der Initiative von Franz Abele aus Atzenried und Dank der Kostenübernahme durch den Kemptener Heimatverein strahlt dieser Gedenkstein wieder in neuem Glanz. Die Kosten für die Schutzabdeckung übernahm der Allgäuer Burgenverein e.V. in Kempten und die notwendigen Restaurationsarbeiten führte der Bildhauer und Steinmetz Mario Riedesser aus. Nur die wenigsten Kemptener dürften von der Existenz dieses nun renovierten Gedenksteines und der Geschichte wissen, die sich dahinter verbirgt. Er erinnert an eine Zeit, in der das Gerichtswesen noch grausam-brutale Strafen verkündete und die Einteilung in Hochgerichtsbarkeit oder auch Blutgerichtsbarkeit für Kapitalverbrechen und in die Niedergerichtsbarkeit für leichtere Vergehen oder auch zivile Angelegenheiten kannte. 

Um früher aber überhaupt Gerichte einsetzen und Urteile aussprechen zu können, mussten Könige oder Kaiser der jeweiligen Landesherrschaft – oft gegen eine Gegenleistung – das Recht der Blut- und Hochgerichtsbarkeit verleihen. Denn die hohe Gerichtsbarkeit war ein königliches Regal, also ein Recht des Königs. Mit der auch so genannten „peinlichen Gerichtsbarkeit“ („peinlich“ kommt vom lateinischen „poena“ und bedeutet Strafe), besaßen die Grundherren das Recht, Körperstrafen sowie die Todesstrafe vollziehen zu können. 

Der Scharfrichter
Für den Vollzug der von den Gerichten ausgesprochenen Strafen sorgte der jeweilige Scharfrichter als ausführendes Organ der Rechtsprechung. Auf abgeurteilte Kapitalverbrecher wartete sowohl im Stiftsgebiet als auch in der e h e m a l i g e n „Freien Reichsstadt Kempten“ die Todesstrafe in unterschiedlichen und grausamen Formen. D a n e b e n gab es, je nach Schwere der Tat, auch noch schmerzhafte, oft auch verstümmelnde Körperstrafen und bei leichteren Vergehen auch „einfachere Leibstrafen“. 

Dem eigentlichen Gerichtsverfahren ging bei mangelnder Beweislage öfters die Folter voran. Dabei musste der Scharfrichter dem Delinquenten gerichtlich verwertbare Geständnisse bei einem genau festgelegten Folterprozedere entlocken. Dabei gab es verschiedenen Formen, wie man aus den Rechnungen der Kemptener Schafrichter weiß. Die mildeste Art bestand darin, dass der Scharfrichter dem Verhafteten die verschiedenen Folterinstrumente zeigte, um ihn schon damit zum Reden zu bringen. Nutzte das nichts, wurde die Gangart deutlich verschärft. 

Dabei musste der Scharfrichter wissen, welche Torturen der Gefolterte aushält, ohne daran zu sterben; schließlich sollte er die Tat bekennen. Die Vollstreckung von Körperstrafen oder der Todesurteile fand meist unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Da diese Ereignisse einen schrecklich-makabren Unterhaltungswert hatten, zogen sie sensationshungrige Menschen an. In Ausnahmefällen konnte es aber auch vorkommen, dass der Scharfrichter die Urteile erst bei Dunkelheit vollstreckte, weil man seitens der Obrigkeit fürchtete, dass Anhänger des Verurteilten den Strafvollzug stören könnten. 

Da bei öffentlichen Hinrichtungen die Besucher auch die Konsequenz und die Härte der Gerichtsbarkeit gegenüber Gesetzesbrecher hautnah erleben konnten, dienten Hinrichtungen natürlich auch der Abschreckung. Aus diesem Grunde ließ man die Gehängten auch lange Zeit gut sichtbar am Galgen hängen, bis die Natur und ihre Helfer (z.B. Krähen, als eigentlichen Galgenvögel) damit weitgehend aufräumten. Daher waren die Orte für Hinrichtungen per Schwert oder durch andere Arten und dem Aufhängen oft voneinander getrennt. 

Hart traf es abgeurteilte Täter auch, wenn sie geblendet wurden. Bei der Blendung handelte es sich um eine Körperstrafe, bei der man den Verurteilten mit verschiedenen Methoden ihr Augenlicht zerstörte. Bevor es zur Blendung kam, zeigte der Scharfrichter dem Verurteilten zuvor noch einmal die weithin sichtbare schöne Landschaft. Vor allem bei leichteren Verbrechen gab es den Pranger oder Schandpfahl in Form eines Holzpfostens oder einer Säule, der meist an bekannten Plätzen der Stadt oder Siedlung stand. Meist wurde die Strafe an Sonn- und Markttagen vollzogen, um eine besonders abschreckende Wirkung zu erzielen. 

An den Pranger mussten z.B. Täter, die sich des Felddiebstahls, der Hehlerei, der Verleumdung oder in bestimmten Fällen der Unzucht oder der Gotteslästerung schuldig gemacht hatten. Am Pranger sperrte der Scharfrichter den Delinquenten in ein Holzgestell oder fesselte ihn mit Ketten an ein Halseisen. Dort musste sich dann der Verurteilte meist in unbequemer Haltung, oft noch beschwert mit Halsgeige oder Schandmaske, öffentlich der Bevölkerung präsentieren. Dabei musste er noch Hohn und Spott, verschiedene Schmähungen, aber auch körperliche Übergriffe seitens der Passanten erdulden. 

Viel schlimmer aber wog wegen der damit verbundenen sozialen Ächtung der damit einhergehende Verlust der Ehre und oft auch der bürgerlichen Existenz, die dem Delinquenten ein Weiterleben in der Stadt sehr erschwerten oder unmöglich machten. Der Scharfrichter erhielt für seine Arbeit von der Obrigkeit eine Entlohnung, die in Form eines Wochengehaltes erfolgte und/oder Gebühren, die sich nach der Art der zu vollziehenden Strafe richteten. Da im Stift und in der Stadt aber nicht allzu viel Arbeit auf den Scharfrichter wartete, musste er noch gewisse Nebentätigkeiten ausüben. 

Im Nebenberuf übte der Scharfrichter auch das Amt des Wasenmeisters bzw. des Abdeckers oder Schinders aus, d.h. er kümmerte sich um die Beseitigung von Tierkadavern und deren Verwertung. Der Begriff Wasenmeister oder Abdecker kommt daher, weil die Tierkadaver nach dem Begraben mit einem Rasenstück, dem Wasen, abgedeckt wurden, um Seuchen, wie z.B. den Milzbrand zu vermeiden. Als Abdecker bezeichnete man denjenigen, der das Fell des toten Tieres abgezog. Wegen dieser Tätigkeiten – und obwohl er den „Meistertitel“ trug – galt sein Beruf als unehrliches Gewerbe. Daher mieden die Menschen den Umgang mit ihm, denn wer mit ihm in Berührung kam, verfiel dem gleichen Schicksal. 

Deswegen durfte er keiner Zunft angehören, hatte in der Wirtschaft seinen eigenen Platz, seinen eigenen Krug und kein „Ehrlicher“ wollte eine Scharfrichtertochter heiraten. So blieben die Scharfrichter unter sich und vererbten ihren Beruf an die männliche Nachkommenschaft weiter. Weil ihn die Menschen mieden, wohnte er meist unentgeltlich in Gebäuden, die sich entweder am Rande des jeweiligen Ortes oder gar vor den Toren der Stadt befanden. Damit man ihn gleich erkannte, trug einen roten Mantel, deswegen nannte ihn das Volk auch „Meister Rotmantel“. Den Scharfrichter sahen die Menschen damals als notwendiges Übel an, denn manchmal ging er auch medizinischen Tätigkeiten nach, wenn er Salben mischte, Zaubertränklein braute und Knochenbrüche bei Tieren heilte. 

Für obskure Heil- und Zaubermittel nutzte er auch Teile von Toten, wie Menschenhaut, Menschenfett, sog. Armesünderschmalz oder gar Menschendaumen, die besonders beim Spiel Glück bringen sollten. Hinrichtungen, die der Scharfrichter vollzog, mussten fehlerfrei ausgeführt werden. Es konnte sein, dass der Scharfrichter bei einer misslungenen Hinrichtung den Zorn der Zuschauer auf sich zog, z.B. wenn der Strick am Galgen riss oder der Kopf nicht auf den ersten Schwertstreich fiel. 

So geschehen am 17. April im Jahre 1712 in Immenstadt. Bei einem gewissen Jakob Pfaudler aus Gunzesried, der wegen vielfach begangener Diebstähle auf den Stock musste, nahm der Sohn des dortigen Scharfrichters die Enthauptung vor. Er führte sie so stümperhaft aus, dass Pfaudlers Kopf erst nach dem vierten Schwertstreich fiel. Als Strafe verabreichte man dem Stümper noch auf der Hinrichtungsstätte fünfzig „harte Prügel“ und jagte ihn dann aus der Grafschaft Königsegg-Rothenfels. 

Es sind auch Fälle bekannt, dass der Scharfrichter bei mangelhafter Arbeit gelyncht wurde. Sogar der Vollzug von sog. Gottesurteilen fiel in den Aufgabenbereich des Scharfrichters. In der Grafschaft Kempten fand im Jahre 1510 ein Gottesurteil, die sog. „Bahrprobe“ statt. Nachdem in Sulzberg ein Mann erschlagen wurde, mussten sich zwei Tatverdächtige dieser Bahrprobe stellen. Das Gericht zwang die beiden, in die Wunde des Erschlagenen weiße Wolle zu legen. Beim ersten Verdächtigen tat sich nichts, beim zweiten aber begann sie zu bluten. Damit galt der Täter als überführt und wurde dann enthauptet. Über die Art der Strafen geben uns die verschiedenen Gebühren Auskunft, nach denen die Scharfrichter im Stiftsgebiet und in der freien Reichsstadt Kempten für ihre Tätigkeiten entlohnt wurden. Die Fortsetzung der mehrteiligen Serie über die Hinrichtingsstätten in Kempten folgt in der nächsten Ausgabe am 21. Oktober 2020.

Dr. Willi Vachenauer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Ticker Kempten: Datenpanne beim RKI
Corona-Ticker Kempten: Datenpanne beim RKI
Allgäuer Gastgeber kämpfen um ihr Überleben und demonstrieren
Allgäuer Gastgeber kämpfen um ihr Überleben und demonstrieren
Kleinvermieter protestieren: Ihre Ferienwohnungen stehen seit Monaten leer
Kleinvermieter protestieren: Ihre Ferienwohnungen stehen seit Monaten leer
Sie sehen alternativ aus, teilen aber die Ideen von Nazis
Sie sehen alternativ aus, teilen aber die Ideen von Nazis

Kommentare