Hinter den Kulissen, auf der Bühne

"Teatro Delusio" von und mit Familie Flöz – Maskentheater vom Feinsten

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„#Me-Too“ lässt grüßen: Der aufdringliche Ballett-Tänzer nutzt jede Gelegenheit, die sich ihm bietet.

Kempten – Am Anfang waren eine kleine Figur – ein großer „wacher“ Kopf mit einem leblos-schlaffen Stoffkörper – und ein Mann, der den großen Kopf neugierig in die Runde blicken ließ, dann noch ein Mann, der der anmutigen Figur eine Hand lieh und dann eine Frau, die ihr ebenfalls eine ihrer Hände lieh. Ein Stromkabel, eine Explosion, und die Figur in weißem Gewand entschwand als Engelchen, das das Geschehen fortan unauffällig begleitet.

Und dann waren da diese zwei Männer und die Frau, die in Windeseile in unterschiedlichste Figuren mit großen, charaktervollen Köpfen und so unglaublichen Persönlichkeiten mutierten. Drei grandiose Schauspieler, 30 Charaktere. Eine Stunde 25 Minuten zauberhaftes Maskenspiel. Ohne Pause, ohne Worte. Mit feiner, ausdrucksstarker Gestik zu der selbst die starren Masken ein Mienenspiel entwickelten. Echt jetzt? Oder war (auch) das eine Illusion in diesem „Teatro Delusio“ der Familie Flöz?

Jeder Schritt, jeder Griff, jede Geste sitzen tausendprozentig. Das karge Bühnenbild ist gleichwohl kreativ-funktional. Zu sehen: das Leben hinter der Bühne. Nur akustisch dringen die Auftritte der schillernden Bühnenstars auf der Bühne des Theaters im Theater (Sie können folgen?) ins Bewusstsein des Publikums im Theater in Kempten; insofern nicht weiter schlimm, als sich davon auch so einiges im Tanz der Eitelkeiten, im Liebesfreud und Liebesleid hinter der Bühne widerspiegelt. 

Herrlich zu beobachten das Kommen und Gehen hinter den Kulissen. Da ist der alte und ziemlich tattrige – na ja, wohl auch schon etwas senile – Orchestergeiger; der Pianist mit der großen Nase, die er auch gerne ganz weit oben trägt; der hippelige Triangelspieler, prädestiniert für Missgeschicke; die gefeierte, vor Eitelkeit strotzende Operndiva; der aufdringliche Ballett-Tänzer, der seine Finger weder von Männlein noch Weiblein lassen kann; der blasierte Impresario, kein Kostverächter, was die Weiblichkeit betrifft, und ach so viele faszinierende „Star-AllürikerInnen“ mehr. 

Und mitten drin, im Schatten all des Glanzes, kämpfen drei Bühnenarbeiter um ihr Glück, deren Namen natürlich in diesem Stück ohne Worte nie fallen, nur im Pressetext erwähnt sind: Der ruhmsüchtige Bob, dem im Kampf um Anerkennung Triumph und Zerstörung gleichermaßen lieb sind; Schöngeist Bernd, der in seinem Job eigentlich total fehlbesetzt ist und sich auch lieber in die große Literatur vertieft, statt mit seinen ungeschickten Händen Unheil in der Bühnentechnik anzurichten. Das Glück ist ihm hold und er findet schließlich in der erwiderten Liebe zu einer Ballerina Erfüllung; und Ivan, der sich als Chef oft raubeinig Gehör verschafft. Als von der Diva verschmähter Verehrer wird aber auch seine verletzliche Seele sichtbar. Immer öfter verschwimmen die Geschehnisse auf der Bühne mit denen dahinter, entfalten ihre Präsenz zwischen Illusion und Desillusion, mal amüsant mit feinsinnigem Humor, mal anrührend: Mantel-und-Degen-Gefechte, Mörderszenen, berauschende Opernarien, anmutig-athletische Balletteinlagen, Intrigen, Liebschaften, Neid ...

Die Bühne "dreht" sich 

Und dann stehen sie auf einmal selbst auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wie an diesem Abend im Theater in Kempten. 600 Mal ist die Koproduktion der Familie Flöz (ein internationaler Pool von Theaterschaffenden) mit dem Theaterhaus Stuttgart „Teatro Delusio“ seit seiner Uraufführung 2004 in der Arena Berlin inzwischen aufgeführt worden, in 29 Ländern. Eineinhalb Stunden, die im Flug vergehen, und das nicht nur wegen der grandiosen Performance selbst, sondern gleichermaßen dank der Regie von Michael Vogel, den wunderbaren Masken (von Hajo Schüler) und Kostümen (von Elseu R. Weide), nicht zu vergessen Sound Designer Dirk Schröder, der für wortlos-spannende Tongestaltung sorgte.

Am Ende war ein vor Applaus und Jubel bebender Theatersaal. Dana Schmidt, Daniel Matheus und Sebastian Kautz verneigten sich vor dem fiktiven Publikum des Theaters im Theater – zumindest erst. Eine kleine Zugabe-Szene. Noch mehr Applaus. Aber alles hat ein Ende. Die Zuschauer gingen, während es sich drei Schauspieler in „zivil“ im Dämmerlicht hinter der Bühne des Theaters im Theater mit dem wohlverdienten Feierabendbier in der Hand gemütlich machten und dem Aufbruch zusahen.

Christine Tröger

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