Scharfe Diskussion

Hinterbacher befürchten durch das Neubaugebiet eine Überlastung der Straßen

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Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann hatte zur Verdeutlichung der Situation eine Stellwand mit zur Informationveranstaltung gebracht. Die Freie-Wähler-Stadtratsfraktion hatte dazu eingeladen, um die Sorgen der Bürger, aber auch ihre Verbesserungsvorschläge zu hören. An der Tafel zeigt gerade Hans-Peter Wegscheider (FW/ÜP).

Kempten – So manche Emotion entlud sich beim Diskussions- und Informationsabend am Dienstagabend in Hinterbach. Viele der Hinterbacher befürchten, dass sich mit dem geplanten Baugebiet mehrere der bereits bestehenden Probleme verschärfen. Dabei haben die Anwohner nichts gegen das Baugebiet an sich; der Teufel steckt im Verkehr. 

„Seit 20 Jahren haben wir dieses Nadelöhr, mit den neuen Anwohnern wird die Situation noch schlimmer!“, schimpfte ein Mann.

Die Einmündung

Bereits jetzt ist das Abbiegen in den Ortsteil – von der Altusrieder in die Hinterbacher Straße sehr gefährlich. Zu den Hauptverkehrszeiten sind die Autofahrer froh, eine Lücke im Verkehr zu finden. Die schnell vom Berg herabschießenden Fahrradfahrer sind dazu schwer auszumachen, so ungünstig liegt der Winkel der Straße. Außerdem schneiden viele entgegenkommende Fahrzeuge die Kurve.

In der Vergangenheit sind dort bereits schwere Unfälle mit Radfahrern passiert. Auch die Stadt hat die Problematik an dieser Stelle erkannt. Kreisverkehr, Abbiegespur, Einfädelspur, ein Verschwenken der Straße: Mehrere Ideen kamen am Dienstag zur Sprache. Die Schwierigkeit hier: Die Altusrieder Straße ist eine Staatsstraße. Um eine der genanten Ideen für ein leichteres Abbiegen umsetzen zu können, müsste das Staatliche Bauamt eine Notwendigkeit dafür erkennen. Das sei bisher nicht der Fall, wie Markus Wiedemann, Amtsleiter des Amtes für Tiefbau und Verkehr, erklärte.

Rein von der Frequenz her vertrage die Kreuzung die zusätzliche Belastung der rund 35 zusätzlichen Häuser. Pro Tag würden zu den 1200 schon jetzt hier fahrenden Autos 300 dazukommen. Pro Stunde wären es dann insgesamt 140 bis 150 Fahrzeuge statt der jetzt 100 bis 110. An der Malstatt, wo 1600 bis 1800 Autos in die stark befahrene Leubaser Straße einbiegen würden, funktioniere es auch, legte er dar.

Trotzdem wünschen sich viele Hinterbacher eine zweite Einmündung in die Altusrieder Straße. Eine Unterschriften-Liste ist bereits bei Oberbürgermeister Thomas Kiechle eingegangen. „Als die letzten Häuser hier gebaut wurden, herrschte absolutes Chaos“, schilderte eine Frau. Fünf, sechs Betonmischer seien in der Straße in Reihe gestanden. Die Autofahrer hätten eine halbe bis Dreiviertelstunde warten müssen. „Was ist bei einem Unfall oder einem Wasserrohrbruch?“ Die Aktivisten kämpfen für eine zweite nördlichere Wohngebietszufahrt auf Höhe des „Wasserhäusles“. Hier hatte Wiedemann allerdings Bedenken, ob diese Zufahrt genügend Autofahrer benutzen würden. 77 Prozent aller Autos würden schon jetzt in Richtung Stadt fahren. Dass viele den Umweg in Kauf nehmen, hält er für unwahrscheinlich. Sicherer wäre dieser allerdings, wie ein Zuhörer einwarf.

Auch Alexander Hold, Freie-Wähler-Stadtrat und Kandidat für den Landtag, will sich für die zweite Zufahrt einsetzen. Seine Fraktion hatte das Treffen organisiert und die teils nicht ganz einfache Moderation übernommen.

Als weniger geeignet hielt Hold den Vorschlag, den Verkehrsdruck über einen stärkeren Takt des öffentlichen Personennahverkehrs zu den Stoßzeiten zu mindern. Er argumentierte, dass beim Busverkehr bereits kleine Veränderungen sehr teuer seien. Außerdem sei Busverkehr in Kempten auch immer mit Zeitaufwand für das Umsteigen verbunden. Selbst mit einem neuen Bus-Knotenpunkt, der in der Memminger Straße entstehen könnte, sei es für viele Bewohner der nördlichen Stadtteile sehr umständlich, bis zu ihrem Bestimmungsort zu fahren. Außerdem finde man in Kempten doch relativ schnell einen Parkplatz, was viele abhalte, einen Bus zu nehmen.

Das Parken

Wiedemann befand allerdings das Ausfahren aus der Hinterbacher Straße in die Altusrieder Straße sehr wohl als unbefriedigend, da parkende Autos die Sicht auf die Radfahrer versperren. Die Parkplätze und die wild parkenden Autos brennen vielen Hinterbachern unter den Nägeln.

„Wir haben hier einen Linksverkehr“, schimpfte ein Mann. So viele Autos würden entlang der Hinterbacher Straße parken, dass man bei Gegenverkehr lange warten und anschließend komplett auf die Gegenfahrbahn wechseln müsse, um die Parkenden zu umfahren. Ein Parkverbotsschild, das für die Wintermonate in einem Abschnitt aufgestellt wurde, damit der Schneepflug fahren konnte, habe das Problem noch verschärft. Das Thema wurde aber kontrovers diskutiert: Auch in den Sommermonaten bräuchten Krankenwagen und Feuerwehr die breite Zufahrt und somit ein Parkverbot.

Insgesamt reichen die Parkplätze für die bereits bestehenden Häuser nicht mehr aus. Es sind damals zu wenige öffentliche Parkplätze gebaut worden. Hinzu kommt: „Statt wie früher zwei haben die Familien mittlerweile drei bis vier Autos“, wie eine Anwohnerin bemerkte.

Das Problem kehre in jedem Stadtteil wieder, erklärte Alexander Hold. Er wies darauf hin, dass mit der neuen Stellplatzordnung in dem neuen Wohngebiet für jedes Haus mindestens zwei Parkplätze Pflicht seien. Er versprach, dem Hinweis nachzugehen, dass es nicht erlaubt sei, den Vorgarten für einen Stellplatz zu bepflastern. Hier sei mit Sicherheit eine Bebauungsplan-Änderung oder zumindest Ausnahmen möglich. Das Angebot, das Tiefbauamtsleiter Wiedemann zu diesem Thema machte, war gemeinsam mit den Anwohnern Parkflächen zu markieren, damit das Wildparken ein Ende hat. Das neue Baugebiet solle mit ausreichend öffentlichen Stellplätzen ausgestattet werden.

Gegen den Vorschlag einer Tiefgarage oder weniger Häuser und mehr Parkplätze ins neue Wohngebiet zu bauen, argumentierte Hold, dass die Tiefgaragen von den Anwohnern aus Kostengründen erfahrungsgemäß nicht ausgelastet würden. Und bis zu den neuen Parkplätzen würden die Alteingesessenen wahrscheinlich nicht gehen, auch dies seine Erfahrung.

Die Schulkinder

Zu all den vielen Autos kommen noch die Schulkinder, die über die gefährliche Einmündung zu ihren Bushaltestellen an der Altusrieder Straße gehen müssen. Hier legte Wiedemann den Plan eines Gehwegs vor, der quer über die unbebaute Fläche direkt zu Bushaltestelle führt. Man müsse dafür das Grundstück erwerben, er hielt das aber für eine gute Lösung, genauso wie eine bauliche Engstelle im Wohngebiet. 50 Prozent aller Autos fahren zu schnell durch die 30er-Zone. Auch die Freien Wähler wollen sich für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern einsetzen. „Die Zeit, die das Abbiegen in Anspruch nimmt, wird aber bleiben“, so Holds Schlusswort.

Susanne Kustermann

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