"Ich hatte nur etwas Wasser und einen Stein"

Hassan Ali Djan kommt in einem LKW-Ersatzreifen nach Deutschland

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Früher war Hassan Ali Djan ein afghanischer Hirtenjunge – heute vermittelt er mit seinem Buch und seinen Vorträgen zwischen den Kulturen.

Kempten – Heute ist Hassan Ali Djan Deutscher Staatsbürger, Buchautor und Redner. Auf dem Bunten Sofa im Haus International erzählte er vergangene Woche seine bewegende Geschichte.

„Als ich mich aus dem Ersatzreifen herauszwängen wollte, ging es einfach nicht. Mein Körper war so verkrampft, dass ich meine Gelenke nicht mehr bewegen konnte. Minutenlang habe ich es versucht, bis ich auf einmal herausgefallen bin und mich unter dem Laster herausgerollt habe. Auf allen Vieren habe ich mich zum Schacht eines Kellers geschleppt. Aufstehen konnte ich nicht, meine Beine hatten keine Kraft. Die Finger waren ganz blau. Ich habe mich auf das Gitter gelegt und mich von der warmen Luft anblasen lassen.“ Das war im Jahr 2005 nach der letzten Etappe von Spanien nach Deutschland.

„Ich hatte eine Flasche Wasser und einen Stein. Der Stein war mein Notruf. Wenn es mir zu schlecht gehen sollte, wollte ich gegen den Lastwagen klopfen, sodass der Fahrer denkt, mit seinem LKW stimmt etwas nicht, anhält und ich aus dem Ersatzreifen aussteigen kann. “

Als Hassan Ali Djan die Geschichte seiner langen Flucht von Afghanistan nach Deutschland erzählt, ist es ganz still im Saal des Haus International. Manchmal schnaubt es verblüfft aus den Reihen der Zuhörer. Manche haben immer wieder Tränen in den Augen. Manchmal laden der Pfiff und die Ideen des Afghanen auch zum Schmunzeln ein. Der junge Mann sitzt auf einem mit einer geblümten Decke dekorierten Sessel. Er trägt eine graue Flanellhose und schicke schwarze Schuhe. Seine schwarzen Haare hat er nach hinten gebunden. Wenn man ihn sieht, kann man kaum glauben, was er schon alles erlebt und durchgemacht hat.

Schon mit elf Jahren musste Hassan Ali Djan die Verantwortung für seine Mutter und seine sechs jüngeren Geschwister übernehmen. Der Vater war an einer Krankheit gestorben. Die Onkel kümmerten sich nicht um die Familie. Um sie durchzubringen, hat der Junge als Hirte gearbeitet. „Vier Monate habe ich geschuftet, Schnee geräumt, Wasser getragen und die Tiere versorgt. Und das alles nur für ein einziges afghanisches Kleidungsstück.“ In dem abgelegenen Bergdorf Almitu ist die Landschaft karg, der Winter hart. Die Häuser sind aus „Erde“ gebaut. Bis heute gebe es keinen Strom im Ort. „Das einzige Know-how, das mittlerweile dort angekommen ist, ist eine Photovoltaikanlage, über die die Menschen ihre Handys mithilfe einer Autobatterie aufladen.“

Hassan Ali Djan spricht ruhig und betont. In seinen Erzählungen benutzt er Redewendungen wie „gang und gäbe“, „mit heruntergelassenen Hosen“ oder „zwei linke Hände“. Seit zwölf Jahren ist er jetzt in Deutschland, hat eine Lehre als Gebäudeelektroniker gemacht, geheiratet und ist deutscher Staatsbürger. „Allmählich fühlt sich Deutschland nicht mehr fremd an“, schreibt er in seinem Buch „Afghanistan. München. Ich. Meine Flucht in ein besseres Leben“. Haus-International-Geschäftsführer Lajos Fischer ist auf ihn aufmerksam geworden und hat ihn auf das Bunte Sofa des Integrationsbeirats der Stadt Kempten und des Haus International eingeladen, wo er bekannte Persönlichkeiten zu Themen rund um Migration interviewt.

„Wenn so viele Menschen in Not sind, dann ist kein Versuch illegal, ihnen zu helfen“

Fischer fragt Ali Djan nach seiner Meinung über Schleuser: „Heute werden sie verurteilt, zu Zeiten der DDR waren sie eher die Helden. Was hast du mit ihnen erlebt?“ Mit zwölf Jahren hat der Junge seine Mutter und die Geschwister in Richtung Iran verlassen, um dort schneller an Geld zu kommen. Mit Hilfe von Schleusern überquerte er das Gebirge zwischen den beiden Ländern. Er sagt, dass man diese Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Einerseits machten sie den Leuten Versprechungen und falsche Hoffnungen auf ein Leben in fremden Ländern, und verdienen auch sehr viel Geld an ihnen. Ali Djan betont aber auch, dass die Schleuser vielen Menschen in Not helfen und sich dadurch selbst in große Gefahr bringen. „Sie haben auch große Angst. Menschen, die etwas dicker waren und nicht so gut über die Berge laufen konnten, haben die Schleuser gleich erschossen, um die anderen hundert nicht zu gefährden.“ Für Ali Djan sind es auch die menschengemachten Konflikte, die Flucht verursachen und das Phänomen der Schleuser entstehen lassen. „Wenn man einem Land die Ressourcen, die Rohstoffe und das Kapital wegnimmt, dann gibt es keine Grenzen, denn es geht um das Geld. Sobald es aber um die Menschen geht, die zu diesen Rohstoffen gehören und abwandern, dann gibt es Grenzen und Nationalitäten und die Fluchthelfer sind Kriminelle“, sagt er.

Nachdem Hassan Ali Djan als Kind ohne lesen und schreiben zu können und ohne Ausbildung im Iran angekommen war, hat er sich als Aufpasser für Baustellen angetragen. Bei seiner Arbeit schaute er den Handwerkern über die Schultern und übernahm Handlangertätigkeiten, um sich bald selbst als gelernter Fliesenleger auszugeben. „Ich habe mir extra das ganze Werkzeug dafür gekauft“, sagt Ali Djan schmunzelnd, „aber damit wäre ich ja als Anfänger aufgeflogen. So habe ich die neuen Sachen gegen das alte Werkzeug eines befreundeten Fliesenlegers getauscht.“ Und der Trick hat geklappt. Zwei Jahre hat er in einem Luxushotel auf einer iranischen Insel Fliesen gelegt. „Das war der beste Verdienst, den ich dort je gemacht habe.“

Sie hat auf Augenhöhe mit mir gesprochen

„Es scheint, als hättest Du viele gute Seelen in Deutschland getroffen“, sagt der Moderator und Ali Djan bejaht. Neben den guten Sozialarbeitern in der Gemeinschaftsunterkunft und den Lehrern der „Schlauschule“, wo er sich auf den Qualifizierenden Hauptschulabschluss vorbereitet hat, sei es vor allem die Sprachpatin Frau Zopf gewesen, die ihm sehr geholfen habe: Pünktlichkeit, Sprache, Kultur: „Sie war der Schlüssel zu dieser Gesellschaft“, sagt der gebürtige Afghane, „sie hat mir gezeigt, wie man sein Besteck auf sein Teller legt, um dem Kellner zu zeigen, ob es geschmeckt hat oder nicht.“ Für den jungen Mann ist sehr wichtig gewesen, dass „sie immer auf Augenhöhe mit mir geredet hat. Das hat mich sehr weit gebracht.“ Mitleid hätte ihm nicht so viel Kraft gegeben, ist er fest überzeugt.

Es hat Zeit gebraucht, bis er manche Dinge verstanden hätte. Zum Beispiel habe er erst nicht eingesehen, warum es so schlimm sein soll, wenn man fünf Minuten später zu einer Verabredung oder einem Termin kommt. Dann bleibt man halt fünf Minuten länger. „Heute weiß ich, dass ich meinem Gegenüber Respekt ausdrücke, wenn ich schon ein paar Minuten vor der verabredeten Zeit erscheine.“ Er schmunzelt. „Und das alles, ohne nur ein Wort benutzt zu haben. Das ist doch eine wunderbare Sache.“

Heute reist Ali Djan neben seiner Arbeit und seinem Familienleben viel durch die Lande, um aus seinem Buch zu lesen oder Vorträge zu halten. „Schule und Bildung ist ein Freund, der widerstandslos immer bei dir ist“, sagt er, wenn er vor Schülern spricht. In Afghanistan hat er dieses Privileg nicht gehabt. Auch junge Flüchtlinge versucht er immer dazu zu überzeugen, eine Ausbildung zu machen. Viele würden das erst nicht einsehen, weil sie schnell zu Geld kommen wollen. Ali Djans Argument ist, dass sie dann nie richtig in diesem Land ankommen würden, weil sie ohne Ausbildung immer zu den Ärmsten in diesem Land gehören werden und es dann schwierig ist, eine Familie zu gründen.

„70 Prozent von Afghanistan sind Gebirge, da gehen die Taliban freiwillig nicht hin. Natürlich ist es da sicher, aber nicht in den Städten, wo die meisten Leute wohnen.“

Er selbst konnte seinen Geschwistern mittlerweile Schule und Studium ermöglichen. „Die Situation in Afghanistan hat sich verändert“, sagt Ali Djan. In den letzten 14 Jahren haben viele junge Leute zur Schule gehen können. Das Schlimme sei, dass sie aber keine Perspektive haben. „Diese Menschen haben jetzt eine andere Erwartung als ich damals“, erklärt er. „Aber alles, was sie brauchen, ist ein wenig Sicherheit. Sie brauchen keine 70-prozentige Sicherheit und auch keine 50-prozentige, eine 30-prozentige Sicherheit reicht ihnen schon.“

Susanne Kustermann

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