Gespaltenes Echo 

IHK-Konjunkturumfrage zeigt: Corona-Insolvenzwelle unwahrscheinlich 

Laut IHK verliert die wirtschaftliche Erholung aktuell an Tempo
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Laut IHK verliert die wirtschaftliche Erholung aktuell an Tempo.

Kempten/Allgäu – Dreimal jährlich befragt die IHK Schwaben ihre Mitgliedsunternehmen zur aktuellen Lage und den künftigen Erwartungen. Von Mitte bis Ende April 2021 hat eine 990 Unternehmen umfassende Stichprobe aus Produktion, Handel und Dienstleistungen die Fragen der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage beantwortet. In einem Pressegespräch gaben Regionalgeschäftsführer Björn Athmer sowie die Regionalversammlungsvorsitzenden und Vizepräsidenten der Regionen Kempten und Oberallgäu sowie Kaufbeuren und Ostallgäu die Ergebnisse der Frühjahrsumfrage bekannt. Je nach Branche zeigte sich ein gespaltenes Echo: Während die einen klar auf Erholungskurs sind, stecken andere Branchen noch tief in der Krise. 

Wirtschaftliche Erholung verliert an Tempo 

Die Pandemie habe das Allgäu besonders hart getroffen, was sich auch im IHK-Konjunkturklimaindex widerspiegele, meinte Gerhard Schlichtherle, Vizepräsident der Regionalversammlung Kaufbeuren und Ostallgäu. Der Index befinde sich im Frühjahr 2021 schwabenweit mit 115 Punkten in einem leichten Erholungsmodus, während das Allgäu auf nur 108 Punkte komme. Noch härter trifft es laut Umfrage den Landkreis Oberallgäu und die Stadt Kempten. Dort konnte die rasche Erholung aus dem Herbst des vergangenen Jahres nicht fortgesetzt werden. Der IHK-Konjunkturindex gab um zehn Punkte auf aktuell 101 Punkte nach. „Insbesondere die aktuelle Lage des Reise- und Gastgewerbes im Allgäu ist alarmierend. Nach einer ersten Erholung im Sommer 2020 sind die Betriebe seit über einem halben Jahr im zweiten Lockdown. Die reine Fixierung auf den Inzidenzwert bei der geplanten Öffnung und der wachsende Fachkräftemangel werden für die Tourismusbranche zu einer immer größeren Herausforderung“, kritisierte Robert Frank, Vizepräsident der Regionalversammlung Kempten und Oberallgäu.

Zwischen Aufbruchs- und Krisenstimmung

Während der Einzelhandel und das Reise- und Gastgewerbe stark unter der Pandemie leiden, erlebe die Industrie einen Aufschwung. Die heimische Exportwirtschaft profitiere besonders von der Erholung in den USA und in China, erklärte Regionalgeschäftsführer Björn Athmer. Die Zukunftserwartungen sind, die Industrie ausgenommen, verhalten: 21 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäftslage rechnen. Im Vergleich zu anderen Branchen hebe sich die Geschäftslage in der Bauwirtschaft besonders positiv hervor, die jedoch zunehmend mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen habe, sagte Peter Leo Dobler, Regionalversammlungsvorsitzender von Kaufbeuren und dem Ostallgäu. „Es fehlen Rohstoffe und Vorprodukte, die es zur Produktion gewisser Materialien braucht.“ Die gestörten Lieferketten hätten große Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft. Neben der Bauwirtschaft seien auch die Industrie und der Einzelhandel betroffen, so Dobler weiter, der mehrerlei Gründe für die nicht funktionierenden Lieferketten anführte. Der Stau im Suezkanal sei eine Ursache, aber teilweise würde aufgrund der Pandemie auch Personal an den Häfen und auf den Schiffen fehlen, weshalb weniger Umschlag generiert werden könne. Auch durch Kurzarbeit und einen teilweise übereilten Stellenabbau komme es zu gestörten Produktionsabläufen. Des Weiteren würden viele Unternehmen nach einem Investitionsstopp im letzten Jahr auf die aktuell helleren Konjunkturaussichten reagieren und Bestellungen nachholen.

Sorgenkinder: Fachkräftemangel, steigende Energie- und Rohstoffpreise

Neben den Lieferschwierigkeiten hoben die befragten Unternehmen die steigenden Energie- und Rohstoffpreise (50 Prozent) und den anhaltenden Fachkräftemangel (47 Prozent) als größte wirtschaftliche Risiken hervor. Die Hotellerie in Italien und Österreich dürfe schon seit geraumer Zeit wieder öffnen, was dazu führe, dass die hochqualifizierten deutschen Fachkräfte in die Nachbarländer auswanderten, meinte Dobler. „Das tut massiv weh, führt zu Ängsten.“ Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung des Liquiditätsstatus. Während insgesamt nur drei Prozent der Unternehmen von einer existenzbedrohenden Situation sprachen, waren es im Beherbergungsgewerbe rund ein Drittel (34 Prozent), die ihre Existenz aufgrund fehlender liquider Mittel bedroht sehen.

Auf die gesamte Wirtschaft bezogen, erwarte die IHK jedoch keine Insolvenzwelle. Kurzarbeit und Unternehmenshilfen hätten dem vorgebeugt. Seit Corona seien weit über 140 Milliarden Euro geflossen, weshalb wohl viele Insolvenzen hätten verhindert werden können, so die Einschätzung von Schlichtherle.

Ausbildungsmarkt unter Druck

In 2020 wurden schwabenweit zehn Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen. Der Landkreis Oberallgäu und die Stadt Kempten verzeichneten ein Minus von 8,7 Prozent. Auch für das neue Ausbildungsjahr mit Beginn im September zeichne sich ein Rückgang ab, was jedoch nicht an fehlenden Ausbildungsplätzen liege. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe in Schwaben sei mit 4800 konstant geblieben, meinte Markus Brehm, Regionalversammlungsvorsitzender von Kempten und dem Oberallgäu. Das Problem liege derzeit auf der Bewerberseite, was Brehm auf die unsichere Lage zurückführte. „Vielleicht haben die Bewerber Angst, dass es die Unternehmen, bei denen sie sich bewerben, nicht mehr gibt. Oder, dass gerade im Bereich Freizeit und Tourismus die Unternehmen wieder zumachen müssen und die Ausbildung nicht stattfinden kann“, befürchtete Brehm, der betonte, wie wichtig es sei, Zuversicht auszustrahlen und weiterhin Hilfen anzubieten.

Dominik Baum

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