Hoher Stellenwert

Bekir Alboğa versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen Islam, Judentum und Christentum. In der Moschee in der Füssener Straße referierte er zum Thema „Toleranz im Islam“. Tröger

Nein, als tolerant sei der Islam in den letzten Jahren nicht bekannt geworden. Das räumte Bekir Alboğa, studierter Islamwissen- schaftler, Publizist und ausgebildeter Imam, zu Beginn seines Vortrags „Toleranz im Islam“ mit anschließender Diskussion in Kempten unumwunden ein. Zahlreich waren Interessierte muslimischen, christlichen und auch jüdischen Glaubens zur Veranstaltung des Dachverbands Türkischer Vereine und DITIB-Moschee gekommen.

Von den rund 1,7 Milliarden Muslimen weltweit leben laut Alboğa „schätzungsweise“ 4,3 Millionen in Deutschland, die meisten von ihnen tolerant. Nur etwa ein Prozent würden als Fundamentalisten eingestuft. „Ausnahmen gibt es überall“, stellte er klar. Nicht nur Toleranz, auch Tugenden wie Nachgiebigkeit, Liberalität und vor allem Barmherzigkeit besäßen „im Islam einen hohen Stellenwert“, betonte er. Zur Bekräftigung zitierte er eine Reihe von Koranstellen zum Thema, wie: „Euch euer Glaube, mir mein Glaube“ oder „es soll kein Zwang sein im Glauben“. Es sei für jeden Gläubigen „ohne weiteren Kommentar verständlich“, „dass der Islam keine Zwangsbekehrung legitimiert“. Im Übrigen müssten Verse wie der, gegen die Unterdrücker zu kämpfen „bis es keinen Widerstand mehr gibt“, immer im historischen Kontext vor allem in Bezug zur damaligen politischen Situation zwischen Mekka und Medina gesehen werde. Oft würden alte Texte dagegen einfach Eins zu Eins ins Heute übertragen. Dass der Koran auf die „absolute Meinungsfreiheit“ ziele, untermauerte er unter anderem mit der Textstelle „wer will, möge glauben, wer nicht will, möge nicht glauben“. Muslimisch, ermahnte er, „handelt die Person, die selbstbewusst anderen die freie Entscheidung lässt“, denn alles andere sei „die Sache Gottes“ und nicht einmal der Prophet Mohammed „konnte sich anmaßen andere zu bekehren“. Viele Anknüpfungspunkte Alboğa sah keinen Widerspruch darin, „dass eine Religion sich als Wahrheit bekennt und dabei andere Religionen toleriert“. Der Islam definiere sich selbst „als Fortsetzung göttlicher Offenbarung“, wobei es viele Anknüpfungspunkte mit Christen- und Judentum gebe. Als „großes Problem“ bezeichnete er die Fundamentalisten, die allerdings ebenso im jüdischen Glauben oder den evangelikalen USA zu finden seien. Zum Beispiel habe George Bush junior dem Islam mit einem Kreuzzug gedroht – im 21. Jahrhundert, entrüstete er sich. Vorsicht sei bei allen diesen Predigern geboten, „die versuchen Zweitracht zwischen Christen und Muslimen zu sähen“. Um falschen Auslegungen vorzubeugen, solle sowohl Koran als auch Bibel „nur mit Kommentaren“ und im gesamten Zusammenhang gelesen werden. Seiner Ansicht nach sollten Laien diese Schriften zwar lesen, sich aber „nicht anmaßen, sie zu interpretieren“. Alboğa verurteilte den immer wieder neuen Versuch, einen Keil zwischen Muslime, Juden und Christen zu treiben. „Wir sind untrennbar miteinander verbunden“, betonte er, dass erkannt werden müsse, dass „Gott die Vielfalt wollte“. Es störte ihn das Messen mit zweierlei Maß: Bei den Anschlägen des Attentäters Brevik in Norwegen werde von einem „Einzeltäter“ gesprochen, sei der Täter ein Muslim, heiße es „Terrorist“. Nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion habe die NATO ein neues Feindbild gebraucht, so seine Erklärung, „sonst könnten sie nicht in Afghanistan oder dem Irak sein, wo es Öl, Gas und mehr” gebe. Auch wenn sich manch muslimischer Zuhörer von beispielsweise einschlägigen Karikaturen „provoziert“ oder „beleidigt“ fühlte, riet der Islamwissenschaftler „uns in Liebe zu begegnen“, da Menschen von den Massenmedien falsch informiert würden. „Wir sollten lieber aufklären, gemeinsam essen und trinken und unseren Optimismus nicht verlieren“, empfahl er, nicht zu diskriminieren und auszugrenzen, sondern einzuladen. „Wenn ich einen Menschen beleidige, beleidige ich Gott“, hieß er besser „konstruktive Kritik“ willkommen. Zwangsverheiratungen erteilte er eine klare Absage: „In allen 900 DITIB-Moscheen haben wir Predigten dagegen verlesen lassen“. Den Wunsch nach offizieller Anerkennung des Islam in Deutschland nannte Alboğa einen „berechtigten Anspruch“ und Voraussetzung für islamischen Religionsunterricht an Schulen, wodurch sich die Gefahr verringere, „dass sie solchen selbsternannten Predigern folgen“.

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