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Historische Ereignisse nicht auf »Jahreszahlen und Schlagworte« reduzieren

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Von: Christine Tröger

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Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.
Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. © Panthermedia/diy13@ya.ru

Kempten – Vergangenen Donnerstag, 27. Januar, war der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Für Oberbürgermeister Thomas Kiechle Anlass, zu Beginn der Stadtratssitzung einige Worte dazu an das Gremium zu richten.

Es ist das Datum, an dem im Jahr 1945 russische Soldaten das Konzentrationslager Ausschwitz befreit hatten, ein Ort, an dem so unvorstellbare Gräueltaten geschehen seien, dass sie auch „viele Jahrzehnte später unfassbar für alle sind“, hob Kiechle die Bedeutung des Erinnerns hervor. Erinnern, nicht um „unser Entsetzen zu konservieren, sondern wir wollen Lehren ziehen, die wir heute als Orientierung brauchen“. Nach 77 Jahren sah er die Gefahr, dass sich historische Ereignisse auf „Jahreszahlen und Schlagworte“ zu reduzieren drohen und somit auch die „die größte Barbarei“ zu einem „anonymen Ereignis schrumpfen“ könnte.

Wer aufrichtig sein wolle, müsse sich seiner ganzen Geschichte stellen, die im Guten wie im Bösen die Identität eines Volkes ausmache und Irrwegen entgegenwirken könne. Durch die derzeit systematische Beschäftigung mit dem Thema Erinnerungskultur biete sich die Chance, gerade auch den Blick der jungen Generation zu schärfen, um Rassismus und Totalitarismus früh zu erkennen. „Hetze und Gewalt dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben“, machte Kiechle deutlich, gegen wen und von wem sie auch immer ausgehe.

Nachdenken und Hinterfragen

So sei es auch ein Tag des Nachdenkens und Hinterfragens, „wie wir für den Artikel 1 unseres Grundgesetzes einstehen: Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Nur wo diese Würde geachtet und Solidarität gelebt werde, werde eine Gemeinschaft gedeihen.

Annette Hauser-Felberbaum (FW), Kulturbeauftragte des Stadtrats, kritisierte, dass man den Kindern in der Schule zwar die Geschichte der alten Römer und Griechen lehre und den Archäologischen Park Cambodunum besuche, nicht aber das sogenannte „Judenhaus“ in der Immenstädter Straße. „77 Jahre sind ein Wimpernschlag“ und auch heute lebten noch Menschen, die sich an diese Zeit erinnern könnten. Vor allem hatte sie die am 6. Februar 1922 in Kempten geborene Emmi Hauser-Fischl im Sinn, die im Alter von 17 nach ihrer Mittleren

Reife aus Kempten in die USA habe emigrieren können; nicht so ihre Eltern Hedwig und Oskar Hauser, die damals das Modehaus Sax geführt hätten, welches 1938 von den Nazis geschlossen worden sei, weil sie Juden waren. Sie seien im März 1942 in das KZ Pistaki deportiert und dort ermordet worden.

Es erscheine ihr „mehr als angebracht“, so die Kulturbeauftragte des Stadtrats, Hauser-Fischl zu ihrem kommenden Sonntag 100. Geburtstag als „Verneigung und Entschuldigung“ die Ehrenbürgerwürde anzubieten. „Man muss ja auch noch in den Spiegel schauen können“, meinte sie. „Blumengrüße und eine Glückwunschbotschaft“ erscheine ihr eher wie Verhöhnung. Die Stadt Berlin habe die ebenfalls 100jährige Holocaustüberlebende Margot Friedländer längst zur Ehrenbürgerin ernannt.

Oberbürgermeister Kiechle wollte „die Notwendigkeit, wie wir einen Umgang mit dem damaligen Gräuel finden“, nicht an einem Einzelschicksal festmachen. Auch sei eine Ehrenbürgerschaft „nicht öffentlich zu diskutieren“, sondern in den Fraktionen, da es dabei Vieles zu berücksichtigen gebe..

Franz-Josef Natterer-Babych (UB/ödp) sah in der Ehrenbürgerwürde „nicht die richtige Form“ des Umgangs mit einem „Unrecht, das man nicht in Worte fassen kann“. Auch damals sei diese an Leute verliehen worden. Einig war man sich, dass Wege gefunden werden müssen, die Jugend mit dem Thema besser zu erreichen.

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