"Räume" des Zeichners und Malers Horst Heilmann

Attraktive Morbidität

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Bei Horst Heilmann spielen Licht und Schatten eine Doppelrolle

Das mit 93,5 x 140 Zentimetern doch recht großformatige Bild „Schattenraum“ sticht sofort ins Auge, wenn man derzeit den Ausstellungsraum im Kleinen Kunstforum von Heinrich und Ulrike Baur in der Hochvogelstraße 9c betritt.

Warum aber „Schattenraum“ und nicht einfach „Lazarett“ oder ein ähnlicher Titel? Schließlich reihen sich im ansonsten kargen Raum in zwei langen Reihen Krankenbett an Krankenbett, offen lassend, ob die Betten mit Menschen besetzt sind oder nur das Bettzeug etwas aufgewühlt ist. Ein Raum in schlichter Farbigkeit, der in ausgefeiltem Spiel von Licht und Schatten durchflutet ist. Da sind sie also, die Schatten im Raum. Es sind die Gegenspieler – oder doch eher Partner? – Licht und Schatten, die in allen Werken des Kemptener Zeichners und Malers Horst Heilmann eine – besser: die – tragende Rolle spielen. Sie sind durchaus symbolisch zu begreifen, denn gleich ob sich Heilmann mit Stift oder Pinsel Landschaften, Städteansichten, Räumen oder dem Menschen zuwendet – immer geht es letztendlich um eine Momentaufnahme der eigenen Befindlichkeit. „Räume“, so der Ausstellungstitel, zeigt also nicht nur optisch Räume in Form von unterschiedlichen Gebäudearchitekturen sowie schonungslos nackten menschlichen Körpern, sondern zugleich Befindlichkeits-Räume. Denn da ist die fast magisch starke seelische Komponente, die den Betrachter in die Tiefe der Bilder zieht. Seele ist für Heilmann „die Summe dessen, was den Mensch zum Menschen macht“, die in letzter Konsequenz eben auch die „Räume“ erfüllt, in denen Menschen Spuren hinterlassen. Vom Leben gezeichnet sind die menschlichen Körper – jeder auf sehr persönliche Art, weibliche wie männliche. „Mit Bildern leben“, „Jeder für sich“.... Bilder, die unter die Haut gehen. „Ich habe kein Ideal von Schönheit“, sagt Heilmann, und damit auch keine feste Vorgabe, der er sich im Arbeitsprozess annähern muss. Er ist offen für das, was da ist. Und das trägt oft genug stark morbide Züge. „Den unversehrten Menschen gibt es für mich eigentlich nicht“, ist seine schlichte Erklärung, sei es durch Alter oder Verletzungen, innere wie äußere. Es sind mehr als Akt-Bilder. Im Grunde hat es mit gängiger Akt-Malerei nicht viel zu tun. Es sind eher „Seelen-Akte“. Es gibt keine Modelle für die Figuren von denen jede „eigentlich mein Inneres ist“, oder „zumindest ein Maß an Empfindungen, die auch auf mich zutreffen“, wie Heilmann zugibt. Oft habe er keine Worte für das, was er dort ausdrückt. „Malen ist mein Ausdrucksmittel“ und auch so etwas wie eine „Existenzsicherung“, denn im Malprozess kann er „Atem holen“, wie er sagt. Im übertragenen Sinn seien die Bilder seine „Tagebücher, in denen meine Befindlichkeiten sind“. Viele von den an die 5000 Werken die noch in seinem Besitz sind, wurden nie ausgestellt, „viele wollte ich auch für mich behalten“. Dass er statt Leinwand alle Arten von Papier oder Karton als Trägermaterial verwendet, kommt ihm bei der Lagerung entgegen, denn neben der Vorliebe für das Material nennt er Platzgründe für die Wahl des Trägers. Wie bei den Figuren, gibt es auch keine konkreten Vorlagen für seine Stadtansichten oder Räume, die alle ebenso aus einer Empfindung zu einer Vision aus Welten und für ihn ungleich interessanteren Zwischenwelten geformt sind. Einzige Ausnahme: eine Serie von Ansichten der Stadt Kempten vor einigen Jahren. Vergänglichkeit und Tod sind Themen, die das Werk Heilmanns durchdringen und darin sehr konkret präsent sind – die Begrenztheit der Existenz. Da ist zum Beispiel ein elektrischer Stuhl, auf den er einen voyeuristischen Blick durch den Spalt einer halb offen stehenden Tür zulässt – „dead man walking“. Auch wenn ihm primär die Arbeit an sich wichtig ist, in der er sich erkennen muss, empfindet Heilmann es als „wunderbar“, wenn „ein guter Dialog zwischen Adressat und Betrachter entsteht“, durch den er „andere erreichen kann, ohne mit ihnen direkt in Kontakt zu treten“. Möglich ist das in der Ausstellung „Räume“ mit 43 Werken von 16.-23. November 2014, täglich von 16 bis 18 Uhr in Anwesenheit des Künstlers. Daneben können bis zum 18. Januar 2015 individuelle Termine vereinbart werden unter Tel. 0831/5656144. Christine Tröger

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