"Hungerlöhne im Allgäu"

DGB-Regionsvorsitzender Werner Gloning. Fotos: Matz

Die Wirtschaft brummt, die Zahl der Arbeitslosen im Allgäu sinkt und sinkt. Eigentlich schlechte Zeiten für Gewerkschaften. Eigentlich, sagt Werner Gloning, DGB-Regionsvorsitzender. Denn vom Gefühl überflüssig zu sein, ist beim Jahrespressegespräch der Allgäuer Gewerkschaftsvertreter am vergangenen Freitag wenig zu spüren. „Es ist uns gelungen, gesellschaftspolitisch wieder in die Offensive zu kommen“, betonte er. Und auch in diesem Jahr stünden genug Aufgaben vor IG Metall, ver.di und Co. „Ich verspreche, es wird uns nicht langweilig werden.“

Insbesondere vier Themenschwerpunkte stünden heuer im Blickpunkt der Allgäuer Gewerkschaftsvertreter, kündigte Gloning an: Zum einen das Thema Arbeitsmarkt, die Rente mit 67, die Energiewende und der Bereich Rechtsradikalismus. Zwar seien die heimischen Arbeitsmarktdaten „gut, teilweise sehr gut.“ Gleichzeitig „verlottert“ der Markt immer mehr, so der DGB-Regionsvorsitzende. Als Beispiel nannte er eine Steigerung von 65 Prozent bei den so genannten prekären Arbeitsplätzen. „Etwa 50 Prozent der neu angebotenen Arbeitsplätze sind Leiharbeit“, sagte er. Dagegen würden die Gewerkschaften weiterhin angehen. „Leiharbeit gehört weg – gleicher Lohn bei gleicher Arbeit“, appellierte Gloning. Die Rente mit 67 sei im Prinzip nichts anderes als „eine Frage der Altersarmut – eine Rentenkürzung um sieben Prozent“, betonte der DGB-Mann. Im Bereich Energiewende sei im Allgäu zwar bereits vieles auf den Weg gebracht worden – nach Ansicht des DGB aber noch nicht genug. „Nachhaltige Energie kann ich nicht durch bescheidene Arbeitsplätze erreichen“, kritisierte Gloning. Zudem müsse die Wende sozial abgefedert werden – beispielsweise durch nur moderate und sozialverträgliche Mieterhöhungen im Falle einer energetischen Sanierung. Zum Thema Rechtsradikalismus sagte Gloning, dass im Allgäu die „Haltung des Totschweigens“ vorherrsche. „Das wird aber nicht funktionieren“, mahnte der Vorsitzende. Bei den Allgäuer IG Metallern steht in diesem Jahr die Tarifrunde im Vordergrund, kündigte Dietmar Jansen, Erster Bevollmächtigter, an. Unter anderem fordern die Metaller eine unbefristete Übernahme aller Azubis („Es geht dabei um`s Prinzip.“), ein qualifiziertes Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte bei Leiharbeit und Werksverträgen sowie eine Lohnerhöhung zwischen sechs bis 8,5 Prozent. „Alle Betriebe haben 2011 Gewinne gemacht und 2012 wird ein Rekordjahr werden“, erläuterte Jansen. „Die Metall- und Elektroindustrie verdient sich dumm und dämlich – deshalb eine kräftige Lohnerhöhung.“ Im zweiten Halbjahr 2012 soll sich dann außerdem langsam aber sicher auf die Bundestagswahl 2013 eingestimmt werden. „Wir sind und bleiben gegen die Rente mit 67“, betonte der IGM-Bevollmächtigte. Mehr Mitglieder Ver.di-Vertreter Werner Roell konnte genau wie Jansen von wieder steigenden Mitgliederzahlen berichten. „Die Leute merken, dass es wichtig ist eine starke Vertretung zu haben“, sagte er. Mit ein Grund sei, dass sich „das Thema prekäre Beschäftigungsverhältnisse“ zunehmend verschärfe. So konstatierte Roell „einen sozialverachtenden Umgang mit Mitarbeitern, insbesondere im Bereich der Minijobs.“ Gezahlt würden in dieser Sparte Löhne zwischen fünf und sieben Euro die Stunde. Zu niedrige Löhne Ein besonderer Dorn im Auge von ver.di sind die Situation der Mitarbeiter bei V-Markt und der Servicegesellschaften des Klinikums Kempten-Oberallgäu, gegen die man mittlerweile arbeitsrechtlich vorgehe. „Es gibt da mittlerweile auch das ein oder andere positive politische Signal“, erklärte er. Das Paradoxe: „Wir Arbeitnehmer finanzieren über Abgaben und Steuern das Lohndumping.“ „Im Allgäu werden Hungerlöhne gezahlt“, kritisierte Claudia Weixler von der Gewerkschaft NGG vor allem die Gebaren der Memminger Firma Heilemann. Dort würden Vollzeitkräfte mit einem Stundenlohn von 7,50 Euro abgespeist. „Ein untragbarer Zustand.“ Auch Weixler sprach sich gegen die Rente mit 67 aus. „Bei uns ist keine Arbeit bis 67 möglich“, betonte sie.

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