"Oben ohne?! Für mich unvorstellbar"!

Die ehemalige Hutkönigin Marita Prestel über die Liebe zum Hut und warum der Beruf der Modistin nicht aussterben wird

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Modistin Marita Prestel bei der Arbeit.
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Im Atelier der Hutmacherin und ehemaligen Hutkönigin.
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Kempten – Sie könnte heute auch in einem Vorort von London leben und seit Jahrzehnten dafür sorgen, dass Queen Elizabeth II. und die restliche Königsfamilie ausgefallene und elegante Hüte auf ihren royalen Köpfen tragen. Es kam aber anders und das ist auch gut so. Jetzt hat Marita Prestel, ehemalige Deutsche Hutkönigin (2012-2014), dafür ein eigenes kleines Atelier mitsamt einer Werkstatt in Kempten und kann ihrem Beruf als Modistin ohne Paparazzi und Klatschpresse nachgehen.

Drei Jahre hat sie den traditionellen Handwerksberuf erlernt, danach ihre Gesellenprüfung und später die Meisterprüfung in Augsburg absolviert. „Schon als Kind haben mich die Schaufester von Hutgeschäften unfassbar fasziniert. Die verschiedenen Formen, Farben und Stoffe. Da bin ich mit meiner Mama immer vorbeigelaufen und konnte gar nicht genug bekommen“, schwärmt die ehemalige Hutkönigin.

Von der Mama habe sie dann auch das erste Mal überhaupt vom Beruf der Modistin gehört. So heißt der Beruf der „Hutmacherin“ offiziell. Modistinnen fertigen schlichte bis feinste Kopfbedeckungen aus Filz, Tuch, Seide, Pelz oder Stroh. „Da ich eh immer was Kreatives machen wollte, Schneiderin oder so, war für mich recht früh klar, dass ich Modistin werden möchte. Bis heute finde ich es ungeheuer spannend, wie sich Menschen verändern, wenn sie einen Hut aufhaben. Das macht etwas mit ihnen. Sie kommen plötzlich wie verwandelt rüber und verhalten sich anders. Und bei den Königshäusern wird das besonders deutlich. Wenn die beim Repräsentieren keine Hüte tragen würden, dann hätten die längst nicht so eine Ausstrahlung“, sagt Prestel. Auch bei Männern stelle sie oft fest, dass sich mit einem Hut etwas verändert. „Sobald Männer vor dem Spiegel einen Hut aufziehen, gebärden sie sich auf einmal anders. Schlagartig haben sie eine aufrechtere Haltung.“

Ein Leben für den Hut – ein außergewöhnlicher Beruf

Ihre Ausbildung zur Modistin hat sie mit 16 Jahren in einem Hutgeschäft in ihrer früheren Heimatstadt Heilbronn gemacht. Drei Jahre Lehrzeit, Gesellenprüfung in Stuttgart und am Ende ihren Meister in Augsburg. Mittlerweile sitzt Marita Prestel als ausgewiesene Fachfrau im Gesellenprüfungsausschuss in München und sieht, was der Nachtwuchs zu bieten hat. Als Expertin für Hüte, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat, ist sie außerdem häufiger im Hutmuseum Lindenberg, um dort Führungen zu machen. „Mit Lindenberg verbinde ich extrem viel. Nicht nur, weil das natürlich die Hutstadt überhaupt in Deutschland ist, sondern auch weil ich dort 2012 zur Deutschen Hutkönigin gewählt wurde. Das war ein wunderbarer Moment. 

Danach kam auch mein Entschluss, mich mit einer eigenen Werkstatt selbstständig zu machen“, verrät die 51-jährige. Ist ihr traditioneller Beruf denn vom Aussterben bedroht? „Das kann man so nicht sagen. Das ist sicher kein aussterbender Beruf, aber es gibt halt nur noch sehr sehr wenige von uns. Auch die Ausbildungsbetriebe sind mittlerweile dünn gesät. Für alle Azubis in Bayern gibt es inzwischen nur noch eine einzige Berufschule und die ist in München. Die Deutsche Meisterschule für Mode. Aber das Gute ist, man braucht immer was auf den Kopf. Es gibt derart viele Kopfweiten und da passt eben nicht jedem ein Hut von der Stange. Das ist Fakt. Ich hatte schon Damen mit einer Kopfweite von 61, das ist sehr groß, und so was gibt es nicht im Kaufhaus oder Internet.“ In ihrer Funktion im Prüfungsausschuss der HWK München stelle sie immer wieder mit Freude fest, dass ab und zu mal ein männlicher Lehrling unter den meist weiblichen Absolventinnen ist. Generell sei der Beruf allerdings eher ein Frauenberuf. 

Früher war das Modistenhandwerk ausschließlich für die Herstellung von Damenhüten zuständig. Im Gegensatz dazu hat sich der Hut- oder Mützenmacher mit dem traditionellen Anfertigen von Herrenkopfbedeckungen befasst. Für das Anfertigen eines Hutes braucht eine Modistin je nach Aufwand zwischen zwei und acht Stunden, im Durchschnitt sind es sechs Stunden. So viel Zeit bekommt ein Lehrling in der Prüfung für einen Filzhut. Viele Materialien bekommt Marita Prestel fast nur noch im Ausland.

„In Deutschland wird vieles leider nicht mehr hergestellt, da die Kosten schlichtweg zu teuer sind. Gerade verschiedene Stroharten oder Filze bekommt man nur noch in Italien oder Portugal. Ich fahre deshalb häufiger nach Florenz, um dort Haarfilze, Wollfilze oder Panamastroh zu kaufen“, sagt die Modistin aus Leidenschaft. 

Die Geschichte mit dem britischen Königshaus

Und wie ist die Geschichte mit dem britischen Königshaus, von dem anfangs die Rede war, jetzt eigentlich ausgegangen? „Schon in meinen frühen Berufsjahren hat mich Lady Diana besonders fasziniert. Die hat irgendwie frischen Wind ins Königshaus gebracht. In den 80er Jahren kamen damals viele Kundinnen in das Hutgeschäft, in dem ich angestellt war, und wollten einen Hut wie Lady Diana. Die hatten Bilder dabei und genaue Vorstellungen. Auch Fotos von Pretty Woman waren an der Tagesordnung. Da mussten wir dann die Hüte aus dem Film nachmachen. Bereits während meiner Lehrzeit hatte ich den Jugendtraum, einmal für das britische Königshaus Hüte anzufertigen. Deswegen habe ich mich nach der Ausbildung beim königlichen Hofhutmacher der Queen, Fredrick Fox, beworben“, erzählt Prestel.

„Ich habe tatsächlich eine Zusage aus London bekommen, aber dann ist mir mein Mann dazwischen gekommen. Den habe ich genau zu der Zeit kennen gelernt und wollte diese Liebe nicht aufgeben. So habe ich am Ende schweren Herzens abgesagt.“ Ob sie ihre Entscheidung jemals bereut habe? „Nein, ich bin bis heute mit ihm verheiratet, insofern war es die richtige Entscheidung“, lacht die 51-Jährige. Ein kleiner Traum bleibt für die Modistin mit Leib und Seele aber noch. „Ich würde ja schon gerne mal einen Hut für Herzogin Kate entwerfen oder auch für Königin Maxima. Das sind noch so Träumereien, die mir im Kopf herumgeistern.“ 

Ihren ausgefallenen und kreativen Beruf kann sie Jugendlichen nur wärmstens ans Herz legen. „Klar, früher war der Hut bei Männern oder Frauen ein absolutes Muss. Heute ist es eher ein ‚Kann‘. Aber etwas in Handarbeit herzustellen und dabei jedes Mal ein Einzelstück zu schaffen, das ist etwas Besonderes. Keinen Hut gibt es doppelt, alleine schon weil die Kopfweiten unterschiedlich sind. Für mich hat der Hut definitiv Zukunft und ist das schönste Accessoire. Ein Hut ist auf Augenhöhe und fällt auf, man wird einfach gesehen. Hüte haben seit jeher einen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert. Mein Beruf ist mit Sicherheit ein Exotenberuf, aber dafür wirklich vielseitig und nie langweilig“, so die Modistin. 

Gerade ist sie in ihrer Werkstatt damit beschäftigt, Hüte für Faschingsgarden und Showtanzgruppen anzufertigen. Denn auch da braucht es Kopfbedeckungen, die nicht nur toll aussehen, sondern vor allem auch gut und fest sitzen und den ein oder anderen Überschlag aushalten.

Kathrin Dorsch

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