"Ich finde Lindenberg spannend"

Stadtplaner Georg Zimmer aus Leutkirch hat die Lindenberger Stadtstruktur erkundet. Foto: cut

Seit etlichen Jahren begleitet der Stadtplaner und ehe­malige Baubürgermeister Georg Zimmer mit seinem fachlichen Rat Lindenberg bei Weichenstellungen der Innenstadtentwicklung. Oft bietet er dabei die erfrischende Sichtweise eines Außenstehenden, der die Strukturen der Stadt besser zu entschlüsseln weiß als die Einheimischen selbst.

Spaß macht ihm diese Wegbegleitung, weil es eine lebendige Stadt ist. „Ich finde Lindenberg spannend. Da bewegt sich etwas. Lindenberg ist auf dem richtigen Weg, auch wenn das etwas kostet“, so der Fachmann im Originalton. Zimmer ist in Wangen aufgewachsen und lebt nun im Un-Ruhestand in Leutkirch, einer Stadt, in der er lange als Baubürgermeister gewirkt hat. Als Vorsitzender des Vereins „Heimatpflege Leutkirch“ ist er für zwei Museen zuständig, das Museum im Bock und das Glasbläserdorf Schmidsfelden. Stadtplanung, die sich aus einem Verständnis für Geschichte entwickelt, ist für ihn Beruf und Berufung. So war er in Stuttgart Gründungsmitglied der Kommunalentwicklung Baden-Württemberg und hat zahlreichen Klein- und Mittelstädten bei der Stadtentwicklung weitergeholfen. Lindenberg ist für ihn eine ungewöhnliche Stadt, und zwar aus mehreren Gründen. Da ist zum einen die topografische Lage: Einerseits hoch auf einem Bergrücken, andererseits eingeschmiegt in einen Talkessel, eine Mulde. „So etwas findet man selten“, sagt Zimmer. Ungewöhnlich ist auch die Geschichte Lindenbergs. Die Bewohner des Höhendorfs seien in jeder Beziehung benachteiligt gewesen, verkehrstechnisch, klimatisch und auch durch die kargen Erträge der Landwirtschaft. „Außer ihrem Kopf und geschickten Händen haben diese Leute nichts gehabt.“ Aber Lindenberg habe gerade durch die Intelligenz seiner Menschen mehrfach einen gewaltigen Entwicklungsschub erhalten. „Die machten nämlich etwas ganz Modernes: Sie suchten sich ein Spezialgebiet und besetzten eine berufliche Nische: erst der Pferde- handel, dann das Strohhutflechten.“ Man kennt die Story: Manufakturen entstanden. Lindenberg wurde zum Zentrum der deutschen Strohhutindustrie und zum Mittelpunkt des Umlandes. Es stieg zur Stadt auf. Spannend ist nun aber, was Zimmer daraus schließt: Das Dorf Lindenberg wurde durch städtische Strukturen rasch überformt mit allen Rissen, die solch ein Prozess mit sich bringe. Diese Brüche seien noch heute sichtbar und prägen das Stadtbild: prächtige Stadtbauten neben gedrungenen und geschindelten ehemaligen Bauernhäusern. „Es gibt eine sehr hochwertige Architektur bei Einzelhäusern, etwa bei den Jugendstilvillen, aber der entspricht keine planvolle Stadtanlage.“ In der stürmischen Entwicklung der Kernstadt wurde mehr reagiert als agiert. Vermutlich habe damals eine Bürgerschicht mit Gespür für urbane Strukturen gefehlt. So wirke Lindenberg für Außenstehende heute unübersichtlich. Stadtplaner Georg Zimmer kann viele dörfliche Reste in der Ortsstruktur ausmachen. Die Stadtwerdung wurde einfach einer dörflichen Struktur übergestülpt. „Diese Mischung ist spannend. Aber sie wirkt ungeordnet und zufällig“, so Zimmer. Es fehle nämlich eine geschlossene Linie der Bebauung. Entlang der alten Dorfstraße ist die Kernstadt als ein längliches Gebilde entstanden, das von der Stadtpfarrkirche bis zur ehemaligen Reichschen Hutfabrik reicht. Dieses Ausmaß findet Zimmer gerade noch vertretbar. „Ein Geschäftszentrum darf nämlich nicht zu lang sein. Es muss gut begehbar bleiben“, so Zimmer. Und er erklärt: „Die Stadt sollte alles tun, um den Einzelhandels- und Gewerbebesatz in dem Bereich zu stärken.“ Gut findet er, dass an der Spange der Bismarckstraße ein neuer moderner Einkaufsbereich entstanden ist. Allerdings habe die Form der Innenstadt einen entscheidenden Nachteil. Der Grundriss sei von zwei Verkehrsachsen wie von zwei Hosenträgern durchzogen. Aber diese beiden Hosenträger sind ein wenig zu weit nach Norden verrutscht. Weil die Innenstadtumgehung (Bismarck-/Blumenstraße) nur nördlich der Kernstadt vorbeiführe, im Süden aber eine entsprechende durchgehende Erschließungsachse fehle, bleibe bei der verkehrsmäßigen Erschließung der Innenstadt stets ein Ungleichgewicht. Außerdem gebe ein Beharrungsvermögen durch historische Gewohnheiten: „Die Lindenberger sind es seit alters her gewohnt, sich in der geraden Falllinie durch ihre Hauptstraße zu bewegen. Dies empfinden sie als ihr angestammtes Recht“, sagt Zimmer. Dennoch findet er es richtig, den Durchgangsverkehr, auch den innerörtlichen, aus den Zentrumsbereichen der Hauptstraße herauszubekommen. Eine bessere Stadtbildstruktur im Sinne geschlossener Bebauung wie in historischen Stadtkernen im Nachhinein schaffen zu wollen, sei schwierig. Weil die Häuser von guter Bausubstanz sind, entfalle die Möglichkeit einer Flächensanierung. Somit bleibe für Veränderung wenig Spielraum. Letzte große Baumöglichkeit in der Kernstadt bilde das Reich-Gelände. Es sei wichtig, dass dieses Gebiet die Attraktivität der Innenstadt steigere und einen Schwerpunkt bilde. Deshalb hält Zimmer einen kulturellen Schwerpunkt mit einem überregional bedeut- samen Hutmuseum für einen richtigen Schritt. „Dieses Industriedenkmal ist für Lindenberg ganz wichtig“, sagt er zu dem alten Fabrikgebäude. Die alte dörfliche Struktur zeige sich auch an unentwickelten Platzbildungen. Nur in Dörfern ist sonst zu finden, dass am zentralen Platz (Schickle-Kreuzung) statt einer öffentlichen und dem Gemeinschaftsleben dienenden Fläche ein heckenumfriedeter Privatgarten mit altem Dorfkreuz Raum ein- nimmt. „Aber ich will um Himmels willen jetzt niemandem einen Garten wegnehmen!“, setzt Zimmer gleich hinzu. "Sehr guter Neubau" Beim Vorplatz vor dem Müller-Markt sieht der Stadtplaner mit einer Garage in der Ecke und einer Treppenbarriere entlang der Hauptstraße, dass stets mehr aus Einzelsicht der Grundstückseigentümer als aus stadtpolitischem Verständnis geplant worden sei. Dem Lindenberger Hof attestiert er „einen sehr guten Neubau“, macht aber geltend, dass der kleine Platz zur Hauptstraße eher wie ein privater, intimer Hotelbereich und nicht wie eine öffentliche Fläche wirke. Das Rathaus sei ein Gebäude erster Güte. Aber wer sich von Norden dem Rathaus nähere, nehme den zentralen Bau zunächst kaum wahr. Der Standort fürs Rathaus ist also städtebaulich nur ungenügend ausgespielt. Beim Stadtplatz sieht er vor allem an der Ostseite mit öffentlichem WC und nur notdürftig durch alternde Pergolen kaschierten Garagentoren wenig Aufenthaltsqualität. Zudem wirke diese Platzhälfte wenig städtisch. Eine Aufwertung hingegen sei das Café am unteren Stadtplatz.

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