"Ich glaube an einen schnellen Ausstieg"

AÜW-Chef Michael Lucke im Interview. Foto: Tröger

Aus aktuellem Anlass steht die Atomenergie in Deutschland einmal mehr im Kreuzfeuer der Kritik. Auch in Kempten treibt das nukleare Katastrophenszenario, das Japan derzeit bedroht, zahlreiche Atomkraftgegner auf die Straße. Der KREISBOTE sprach mit Michael Lucke, Geschäftsführer AÜW, über mögliche Konsequenzen und Chancen für den regionalen Strommarkt.

Herr Lucke, die nukleare Katastrophe in Japan hat die Nutzung der Atomenergie auch in Deutschland erneut in Frage gestellt. Sind Folgen für Sie als regionaler Energieversorger abschätzbar? Lucke: „Natürlich sehen wir Folgen für das AÜW und unsere Kooperationspartner Allgäu Strom. Ich glaube sogar, dass es einen Trend geben wird hin zu mehr dezentralen Versorgungsstrukturen und das ist, bei aller Tragik, die dieses Ereignis hat, für uns auch eine Chance stärker am Umbau der Energiesysteme zu arbeiten.“ Gab es spontane Kundenreaktionen auf die Ereignisse? Lucke: „Es gab vor allem viele Anfragen oder konkrete Kunden, die zu AllgäuStromKlima gewechselt haben. Das ist unser Produkt aus 100 Prozent Wasserkraft hier aus der Region. Grundsätzlich muss unser Angebot aber dem Kunden gegenüber immer kommuniziert werden. Manchmal hat man den Eindruck, dass ein Kunde leichter zu Greenpeace oder Lichtblick nach Norddeutschland wechselt, als zu schauen, welches Angebot es in der Region gibt.“ Die Bundesregierung hat entschieden sieben Atomkraftwerke vorübergehend vom Netz zu nehmen. Welche direkten Auswirkungen hat diese Entscheidung für Sie als Versorger und für den Verbraucher? Lucke: „Die Auswirkungen muss man sich in den nächsten Wochen und Monaten erst anschauen. Derzeit gehen wir nicht davon aus, dass es zu einer Versorgungslücke kommen wird, da wir jetzt erstmal in den Frühling und Sommer gehen, in denen weniger Strom verbraucht wird. Wir glauben aber auch daran, dass wir durch andere Kraftwerkskapazitäten wie regenerative Kraftwerke, Kohle und Gas dieses Abschalten kompensieren können. Natürlich kann das – es muss nicht so sein – auch bedeuten, dass gewisse Kraftwerke, die teurer sind, ans Netz gehen. Da könnte es Auswirkungen auf die Energiepreise im Allgemeinen geben.“ Ist ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie aus Ihrer Sicht möglich und mit welchen Konsequenzen müssten vor allem die Endverbraucher rechnen? Lucke: „Ich glaube an einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Daran hat das AÜW übrigens immer geglaubt. Wir waren früh gegen die Laufzeitverlängerung und haben uns mit Partnern zusammengeschlossen, um auch politisch dagegen vorzugehen. Ein Ausstieg bedeutet aber auch eine höhere Bereitschaft der Menschen an dem Umbau der Energiesysteme mitzuarbeiten, zum Beispiel den Umbau der Trassen von Nord- nach Süddeutschland zuzulassen. Wir in Bayern mit 60 Prozent Atomstrom allgemein – das AÜW hat gut 17 Prozent – sind ja darauf angewiesen, dass wir Strom aus Norddeutschland erhalten. Das Zweite Thema ist Wasser, Photovoltaik und Wind. Gerade bei letzterem gibt es ja eine kontroverse Diskussion im Allgäu und ich würde mich freuen, wenn die Menschen hier eine höhere Bereitschaft an den Tag legen würden, auch die Windkraft, moderat aber stärker zu fördern als in der Vergangenheit.“ Preis oder Sicherheit? Eine Frage, die nicht zuletzt der Verbraucher mit entscheidet. Welchen Weg geht das AÜW? Lucke: „Wenn wir über Preis oder Sicherheit sprechen, ist für mich als Familienvater ganz klar die Sicherheit im Vordergrund. An Japan sehen wir, dass das Risiko in der Atomkraft doch höher ist, als wir alle bisher angenommen haben. Wir müssen wohl akzeptieren, dass Energie kein Produkt ist, das einfach aus der Steckdose kommt, sondern man sich über Einsatz und Erzeugung Gedanken machen muss. Sicherheit steht hier vor dem Preis, eine Entscheidung, die natürlich jeder für sich selbst treffen muss.“ Sind angesichts der Ereignisse Auswirkungen auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu erwarten? Lucke: „Die Auswirkungen werden kommen. Wir selber haben einen Offshore-Windpark in der Nordsee und glauben, dass es Veränderungen im Vergütungsmodell geben wird. Zum Beispiel ist Offshore-Wind für Privatanleger nur dann sinnvoll, wenn die Risiken durch gewisse Chancen kompensiert werden, oder konkret: Wenn wir heute einen Windpark an Land bauen, haben wir fast die gleiche Verzinsung wie bei einem auf See, bei dem das Risiko viel größer ist. Deswegen muss das EEG hier etwas bezüglich der Förderung tun. Aus meiner Sicht wird Photovoltaik derzeit zu stark gefördert und die anderen regenerativen Energien zu wenig.“ Um einen möglichst raschen Umstieg auf regenerative Energien umsetzen zu können, soll jetzt der Stromleitungsausbau vorangetrieben werden. Blinder Aktionismus oder ein sinnvoller Weg aus der Atomenergie? Lucke: „Der Stromleitungsausbau hat für mich nichts mit blindem Aktionismus zu tun. Wenn ich versuche, alle Atomkraftwerke insbesondere durch regenerative Energien wie Windkraftwerke in der Nord- und Ostsee zu ersetzen, dann muss der Strom zwangsläufig runter nach Mittel- und Süddeutschland. Wenn wir nicht aus Tschechien oder Frankreich Atomstrom importieren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig als in Offshore-Anlagen, Windparks und auch in den Ausbau der Leitungsnetze zu investieren.“

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