"Ich pinkle bloß in die Hose"

Offen und lebhaft ging Paul Boos auf seinen Leidensweg ein, den ihm die seit acht Jahren bestehende Inkontinenz eingebracht hat. Foto: sunprint

Wenn der Sonthofener Paul Boos nach seinem Befinden gefragt wird, kann er schon mal sehr deutlich werden: „Mir geht es bestens, ich pinkle bloß in die Hose“. Da sind die Gesprächspartner im ersten Moment ganz baff, und Boos amüsiert sich über die Reaktionen.

Wenn er dann noch erklärt, dass er in den letzten acht Jahren weit über 1500 Liter Urin unkontrolliert verloren hat, sieht er nur noch große Augen. Der ehemalige Offizier der Bundeswehr erntet jedoch viel Verständnis, wenn er die Geschichte aufklärt: Im heißen Sommer 2003 sagte der Arzt in einem Allgäuer Krankenhaus („Aber nicht das Kemptener“) zu ihm, dass er „etwas Prostatakrebs“ habe. Ohne langes Überlegen wollte der Patient die bösartige Geschwulst rasch wieder loskriegen und legte sich – aus heutiger Sicht – zu schnell unters Messer. Denn was sich nach der Entfernung seiner karzinogenen Organes zeigen sollte, stellte Pauls Leben auf den Kopf: Er war schlagartig inkontinent und impotent geworden. Am meisten störte ihn vor allem anfangs die Inkontinenz, denn wenn man mehrmals am Tag eine nasse Hose habe, fühle man sich wie ein kleines Kind. Ganz offen ging er jetzt mit seinen Problemen einmal mehr an die Öffentlichkeit: Er hielt den Hauptvortrag bei einer Informations-Veranstaltung im Ärztehaus am Kemptener Klinikum. Die 60 Zuhörer waren von den Socken, was der nun 79-jährige, noch fit wirkende Mann so von sich gab – ohne Hemmungen, ganz routiniert und eher wortgewandt, war er doch schon in TV-Talkshows aufgetreten. Auch im Radio hatte Boos seine Botschaften schon weitergegeben, ebenso in seinem 2010 erschienen Buch „Paule ist nicht mehr ganz dicht!“. Was schon aussagt, dass Paule Humor und Selbstironie keineswegs verloren hat. Normal weiterleben, ist seine Devise. Sport treibt der begeisterte Rennradler und Wanderer genug, nur seinen geliebten Wein aus der Pfalz darf er nur noch in Kleinmengen genießen. Und immer hat er Inkontinenzvorlagen im Gepäck oder in der Aktentasche oder beim Ausgehen auch in den Jackettaschen. Die besten und saugfähigsten musste er in den ersten Monaten nach der OP erst mal austesten, ebenso die flinke und unauffällige Handhabung. Eine Bekannte habe ihm sogar eine Art Regenumhang geschenkt, darunter könne man die Vorlage ganz praktisch wechseln. Wie gesagt, Vorlage heißt das „Ding“, denn Einlagen gebe es für Senkfüße, scherzt der Sonthofener, der in seinem Wohnort eine Selbsthilfegruppe gegründet hat. „Wir sind ein verschworener Haufen, tauschen uns über alle Angelegenheiten der Inkontinenz aus und unternehmen auch viel zusammen.“ Jeder fühle sich da sauwohl, denn wie einer, der das Wasser nicht halten könne, leidet, wüssten nur Betroffene, betont der ehemalige Bundeswehr-Offizier. Viele Frauen betroffen Da hilft auch nicht der Trost der Frauen, die ihm sagen: „Stell‘ dich nicht so an, wir Frauen haben doch alle Monate eine ähnliche Prozedur zu ertragen.“ Allerdings, so Boos, seien Frauen von den acht bis 12 Millionen Inkontinenzfällen in Deutschland öfter betroffen als Männer. Aus anatomischen Gründen und in einem Teil der Fälle als Spätfolge von Schwangerschaft und Geburt, wie Professor Rolf von Knobloch erklärte. In Sachen Prostata-Radikaloperation bei Männern plädierte der Urologie-Chefarzt des Kemptener Klinikums für eine sehr abwägende Vorgehensweise. Heißt: Im fortgeschrittenen Alter muss das langsam wachsende Karzinom oft nur beobachtet werden – erst eine lebensbedrohliche Entwicklung des Krebses rechtfertige Maßnahmen wie Bestrahlung und Operation. Daher hat Boos Zweifel an der Notwendigkeit seiner eigenen Prostata-Entfernung, immerhin sei er zum Zeitpunkt der OP bereits 71 Jahre gewesen. Vielleicht war ja sein Karzinom nur ein „Haustierkrebs“, bei dem der berühmte Professor Julius Hackethal schon vor 30 Jahren – unter großem Aufschrei seiner Kollegen – den chirurgischen Radikaleingriff verneinte und diesen nur im Falle es „Raubtierkrebses“ in Erwägung zog. „Grundsätzlich sollte jeder mit einer Krebsdiagnose mindestens an zwei oder besser noch drei Stellen qualifizierten Rat einholen“, bilanzierte Boos. Abschließend ging der Immenstädter Enddarm-Spezialist Dr. Dietrich Leder auf ein fast noch größeres Tabuthema ein, nämlich die Stuhl-Inkontinenz. Allerdings, so der Mediziner, werde das medizinische Instrumentarium gegen dieses Leiden ständig verbessert und erweitert.

Meistgelesen

Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Bienen sterben leise – ganze Völker gehen verloren
Bienen sterben leise – ganze Völker gehen verloren

Kommentare