Kemptener Stadtgeschichte

Die Illerflößerei - Teil 2

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Floß mit Ladung auf der Isar.

Als wichtiger Umschlagplatz vor allem für Holz war Kempten einst bedeutende Flößerstadt mit langer Tradition.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Kempten – Heute fließt die Iller in Kempten von mehreren Staustufen und Schutzmauern gezähmt im Normalfall gemächlich durch die Stadt und liefert Energie. Wir können uns daher kaum mehr vorstellen, dass die Iller, als sie früher noch weitgehend ungebändigt fließen konnte, ein oft benutztes Transportmedium für verschiedene Produkte darstellte, die auf Flößen ab Kempten bis nach Ulm und sogar noch weiter transportiert wurden. Vor dem Aufkommen der Eisenbahn und dem Ausbau der Straßen bis zum Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts noch, galt Kempten als wichtiger Umschlagplatz für Holz und verschiedene andere Transportgüter und damit als bedeutende Flößerstadt mit einer langen Tradition. Hier folgt Teil 2 der Kemptener Flößerei-Geschichte (Teil 1 siehe Kreisbote vom 11. Dezember 2019). 

Floßknechte, stolze und derbe Gesellen 

Die Kemptener Flößer zeigten großes Standesbewusstsein und hatten in den Flößerwirtschaften einen eigenen Stammtisch, wo man sich regelmäßig traf und das Gemeinschaftsleben pflegte. Die Flößerknechte hatten ihre Stammwirtschaft zunächst im Allgäuer Hof, später im Bayerischen Hof, während sich die Flößerherren in der Wirtschaft im „Goldenen Fäßle“ trafen. Da die Flößer mit schweren Holzstämmen im kalten Illerwasser arbeiteten, benötigten sie über entsprechende Körperkraft und Zähigkeit und mussten gesundheitlich sehr robust sein. Daher stammte auch der Spruch: „Der ist grob wie ein Flößer.“ 

Daneben waren sie aber auch gesellige und trinkstarke Typen, die in ihrer Flößertracht in den Gaststätten keinem Umtrunk aus dem Wege gingen und kräftige Speisen liebten. So hieß es: „Drei Doppelliter darf ich sagen, füllen erst den Flößermagen.“ Die Flößer verströmten auch noch einen besonderen „Duft“, der sich aus dem Geruch des Illerwassers, der Hanfseile, der frisch gesägten Holzbretter und der harzigen Tannenstämme und dem eigenen Körperschweiß zusammensetzte. Vom harten Naturell der Flößer zeugen einige Beispiele. 

Ein Kemptener Flößer trug den Spitznamen „Zundel“. Weil er früher einmal auf einen Felsen aufgefahren war und dabei sein Floß auseinander driftete, musste er stundenlang auf dem Felsen auf Rettung warten. Als ihn endlich vorbeikommende Flößer retteten, war das erste Wort des Kempteners: „He du, hoscht mir koin trockena Zundel“ (Tabak), um damit seine Pfeife anzünden zu können. 

Der Dietmannsrieder Flößer „Hyroniemus Boxler“, ein kräftiger Geselle, ging in Neu-Ulm mit dem Wirt des Gasthauses „zum Schiff“, Ludwig Kienle, der ein Riese von Gestalt war und ebenfalls dem Flößerhandwerk nachging, eine sonderbare Wette ein. Boxler wollte sich für einen Sechser von Kienle einen Maßkrug an seinem Kopf zusammenschlagen lassen. Obwohl Kienle ein Hüne war, zeigte der erste Schlag keine Wirkung. Im Gegenteil. Boxler sprach in aller Seelenruhe: „Du Elendiger, du kannst nit amol zuschlage.“ So kam der zweite Schlag, bei dem der Kopf des Boxlers unversehrt blieb, aber der Maßkrug zu Bruch ging und Boxler hatte seinen Sechser gewonnen. 

Zu Fuß von Ulm nach Hause

In der gleichen Wirtschaft brüstete sich der Flößer Michael Klotz: "Soll einer zu mir herkommen, ich fürcht koin, ich fürcht mich nit für tausend Gulde, gfürcht und gfrore hots mi no nie.“ Da fühlte sich wieder der Wirt Ludwig Kienle angesprochen und haute dem Klotz tüchtig auf den Kopf und sagte: Was moinscht jetzt Michel, fürchscht di au jetzt it? Darauf antwortete nun Klotz: „I moi doch a bitzele.“ Nachdem die Flößer ihren Bestimmungsort Ulm erreicht hatten, mussten sie wieder an die Heimreise denken, die sie per Postwagen oder auch zu Fuß unternahmen. Bei einem Fußmarsch benötigten sie für die rund 80 Kilometer von Ulm bis Kempten einschließlich der Pausen ungefähr 22 Stunden. Nach dem Aufkommen der Eisenbahn benutzten die Kemptener Flößer ursprünglich die Bahnlinie Ulm – Augsburg – Buchloe nach Kempten, bis die Bahn Ulm – Memmingen – Kempten erstellt wurde. 

In Ulm erhielten die Flößer aber auch Neuigkeiten aus aller Welt, die sie auf ihrem beschwerlichen Heimweg mit nach Kempten brachten. 

Welche Produkte wurden transportiert? 

Zunächst einmal stellten die Holzstämme aus denen die Flöße bestanden, die bedeutsamste Handelsware dar. Da die Flößer ihre Gefährte nicht gegen den Strom zurückbringen konnten, verkauften sie am Zielort das begehrte Floßholz. Oft bestand die Ladung aus Brettern, die für verschiedene Bauarbeiten genutzt wurden. Daneben trugen die Flöße vielfach Holzscheite, um sie dann als Brennmaterial am Bestimmungsort abzuliefern. 

Zu den Großverbrauchern an Holz zählten Köhler, Schmiede, Bierbrauer, Kalköfen, Bauleute aber auch Privathaushalte, die große Mengen als Heizmaterial in ihren Öfen verfeuerten. Da in den wachsenden Städten der Bedarf an Holz schneller stieg, als nachwachsen konnte, war man auf die Lieferung aus waldreicheren Gegenden angewiesen. Daher nahm in der Statistik des Holzhandels des Jahres 1850 die Iller einen der vorderen Ränge unter den bayerischen Flüssen ein. Pro Jahr wurden auf ihr ungefähr 42.000 Festmeter Holz transportiert. Hinter dieser Zahl verbirgt sich die oft mühevolle Arbeit vieler Menschen, die in der Holzwirtschaft Arbeit und Einkommen fanden. Davon lebten Waldbesitzer, Holzhauer, Fuhrleute, Holzhändler, Sägemühlenbesitzer, Holzarbeiter, Floßmeister, Floßknechte, aber auch Seiler und Werkzeugschmiede. 

Die transportierten Holzmengen belegen einerseits den Holzreichtum des Oberallgäus, aber auch den großen Holzbedarf der flussabwärts gelegenen Städte für verschiedenste Zwecke. Aus den Zollverzeichnissen der Herrschaft Marstetten wissen wir, dass neben Holz eine Vielzahl von Erzeugnissen aus dem Allgäu auf Flößen in Richtung Ulm und weiter transportiert wurde. Dazu zählten vom 14. bis ins 18. Jahrhundert Wein aus Italien, Salz aus Tirol und Getreide, dazu aber auch Färberpflanzen, wie z.B. Waid und Krapp. Wie Zolltarife von 1762 und 1772 belegen, kamen in dieser Zeit einheimische Produkte, wie Schmalz, Rüben, Kirschwasser, Leinwand, Häute und Felle hinzu. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gingen darüber hinaus pro Jahr ungefähr 6000 Zentner Käse auf dem Wasserweg nach Ulm. Als besondere Delikatesse sind uns auch Schnecken überliefert, die in Fässer verpackt die Iller und dann weiter die Donau hinab ihren Weg auf die Märkte nach Graz und Wien fanden. Aber auch Personen ließen sich auf Flößen transportieren. 

Während der Türkenkriege, der spanischen und österreichischen Erbfolgekriege, wurden Soldaten und deren Ausrüstungsgegenstände auf Flößen flussabwärts transportiert. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen sogar Auswanderer auf Flößen in Richtung Ulm an. Streitereien wegen Beschädigungen Transportversicherungen gab es damals noch nicht. Um Schäden zu vermeiden, mussten sich die Flößer auf ihr Geschick, ihre Kraft und Erfahrung, aber auch eine gehörige Portion Glück verlassen. Aber auch noch so geschickte Flößer konnten Beschädigungen am Floß, an Uferanlagen, an Fischereieinrichtungen oder Stauwehren nicht immer verhindern. 

Daher kam es öfters zu Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Parteien wie den Mühlen-, Säge- und Hammerwerksbesitzern, den Fischern, Landesherren, Schiffs- und Floßmeistern. Kein Wunder also, dass die Vielzahl an beteiligten Interessengruppen Regeln und Vorschriften bezüglich der Flößerei nötig machten. Für jeden Fluss wurden sogenannte Floßordnungen ausgehandelt, in denen sich die Interessen der Akteure finden und die einen sicheren Floßverkehr garantieren sollten. Diese Floßordnungen bestimmten die zu transportierenden Holzmengen, die Größe der Flöße, den zum Flößen berechtigten Personenkreis, die Transportgüter, die Zeit des Flößens, die erlaubten Strecken, die Instandhaltung der Ufer und Wehre. Es finden sich darin aber auch Sicherheitsvorkehrungen, Gebühren, Zölle, die von den Flößern zu bezahlen waren, aber auch Rechte die den Flößern zustanden und die Ausbildung der Flößer.

Eine der ältesten Floßordnungen aus dem Jahr 1310 regelte den Floßverkehr auf Isar und Loisach. Für die Flößerei in der Gegend des Frankenwalds setzte das Hochstift Bamberg um 1430 erstmals entsprechende Vorschriften auf. Bei all diesen frühen Quellen zur Flößerei finden sich auch Regelungen über die Waldnutzung und der Holzausfuhr, um die Ressource Wald möglichst schonend zu behandeln. 

Im 19. Jahrhundert führte das Königreich Bayern die Ordnungspolitik fort, um ein leistungsfähiges und sicheres Wasserverkehrssystem zu erhalten. Geänderte Rahmenbedingungen erforderten laufende Anpassungen, wie sie in den „Oberpolizeilichen Vorschriften über die Trift und Floßfahrt auf der Isar und Loisach“ von 1875 genannt sind. Darin wurden die lichten Weiten und Höhen der Brücken, die maximalen Dimensionen der Flöße und die Mindestanzahl an Flößern pro Floß festgelegt. 

Das Ende der Illerflößerei 

Die Blütezeit der Illerflößerei fällt in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Faktoren führten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zum Niedergang der Flößerei. Die neuen Verkehrsmittel wie Eisenbahn und Dampfschiffe lieferten preiswertes Holz aus Osteuropa, Skandinavien und Übersee und setzten die Illerflößerei unter Druck. An der Iller entstanden neue Indus- triebetriebe, die dem Fluss Wasser entzogen und Wasserkraftwerke mit ihren Staustufen veränderten die Gestalt der Flussläufe sowie deren Wasserhöhe, so dass die schwer manövrierbaren Flöße zunehmend verdrängt wurden. Fehlende natürliche Strömung, hohe Kosten für Löhne und lange Wartezeiten an den Staustufen machten die Flößerei unrentabel. In Ulm, wo man 1869 an die 3200 und 1870 an die 3000 Illerflöße zählte, kamen 1910 nur noch zehn Flöße an. 1918 landeten dann zum letzten Mal zwei Flöße in Ulm.

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