"Vermutlich Fehleinschätzung der Lage"

Das Illerunglück jährt sich zum 63. Mal – Generalinspekteur der Bundeswehr besucht Unglücksort

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Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn (von links), im Gespräch mit den beiden Überlebenden des Illerunglücks, Bernhard Blessing und Kurt Rink, sowie Oberbürgermeister Thomas Kiechle.

Kempten/Hirschdorf – Es ist ein sonniger Vormittag, viele Spaziergänger und Radfahrer sind an der Iller unterwegs. Bereits eine Stunde vor Beginn der offiziellen Gedenkfeier anlässlich des Illerunglücks sind die wenigen Soldaten, die trotz der Corona-Pandemie an der Feierlichkeit teilnehmen dürfen, vor Ort. Darunter auch Oberst a. D. Manfred Reinig, damaliger Zugführer einer Nachbarkompanie, der als Erstretter vor Ort war, sowie die beiden Überlebenden Bernhard Blessing und Kurt Rink.

Eine Kanone wird für die späteren Salutschüsse auf einem Anhänger platziert. Ein Abschleppdienst will genau in dem Moment ein direkt vor dem Denkmal geparktes Fahrzeug abtransportieren, als die Eigentümer von einem Spaziergang an der Iller zurückkommen. Der Fluss ist ruhig, führt aufgrund des milden Winters und der geringen Niederschläge der letzten Wochen kaum Wasser. Wäre die Strömung der Iller auch heute vor 63 Jahren, am 3. Juni 1957, so schwach gewesen, wäre wohl nichts Schlimmes geschehen. Doch es war ein anderer Tag mit anderen Bedingungen und so verunglückten damals 15 der in der Prinz-Franz-Kaserne in Kempten stationierten Grundwehrdienstleistenden des Luftlandejägerbataillons 19 der Bundeswehr bei dem Versuch den Fluss zu überqueren.

Pünktlich um elf Uhr startete die Gedenkfeier mit einem Gebet, das allen gefallenen Soldaten gedachte. Im Anschluss wurden vier Kränze im Beisein des angereisten Generalinspekteurs der Bundeswehr, Eberhard Zorn, und des Oberbürgermeisters Thomas Kiechle niedergelegt. Während der Kranzniederlegung ertönte eine einzelne Trompete. Was folgte, waren drei lautstarke Salutschüsse. Keine zehn Minuten dauerte es, bis die offizielle Gedenkfeier für beendet erklärt wurde. 

Was ist vor 63 Jahren geschehen?

Nach einer Infanteriegefechtsausbildung sollten 28 voll ausgerüstete Rekruten unter der Führung des jungen Stabsoberjägers Dieter Julitz die acht Grad kalte Iller an einer 50 Meter breiten und bis zu 1,30 Meter tiefen Stelle überqueren. Der eigentliche Zugführer Josef Schäffler konnte an dieser Übung verletzungsbedingt nicht teilnehmen und beobachtete das Geschehen deshalb von einer Brücke aus. Durch die starke Flussströmung verloren viele der Soldaten ihren Halt, für 15 von ihnen kam jede Rettung zu spät. 

Während der Nachuntersuchung der Katastrophe kam zutage, dass die Flussüberquerung laut Dienstplan nicht vorgesehen und nicht ausreichend abgesichert gewesen war. Infolge des Unglücks wurde das Soldatenhilfswerk der Bundeswehr gegründet, das Soldaten, deren Angehörige und Hinterbliebene unterstützen soll. 

Bereits zum 60. Jahrestag besuchte General Zorn die Gedenkstätte, um die verstorbenen Soldaten zu ehren. Damals noch ausschließlich in seiner Funktion als Vorsitzender des Soldatenhilfswerks. Im Anschluss an die diesjährige Gedenkfeier nahm sich der mittlerweile ranghöchste Soldat der Bundeswehr kurz Zeit, um mit dem Kemptener Kreisboten über die Geschehnisse des Illerunglücks zu sprechen. „Es war vermutlich eine Fehleinschätzung der Lage, vielleicht eine Überforderung des eingesetzten Zugführers. Die Bundeswehr war damals kurz nach dem Krieg erst neu gegründet worden, sodass unterschiedliche Erfahrungshorizonte in der Ausbildung vorlagen. So wurde wohl die Strömungsgeschwindigkeit unterschätzt“, erklärte General Zorn, wie es zu einem solchen Unglücksfall kommen konnte. Danach seien die Sicherheitsbestimmungen über die Jahre hinweg immer weiter verfeinert worden, insbesondere im Ausbildungs- und Übungsdienst zu Hause. „Würde heute eine solche Flussüberquerung stattfinden, wären zu beiden Flussseiten Schlauchboote mit Rettungsschwimmern und zusätzlichen mit Rettungsseilen ausgestatteten Personen in Ufernähe platziert“, so Zorn über die heutzutage viel höheren Sicherheitsauflagen. 

Auf die Frage, ob es nach dem Vorfall ein Umdenken hinsichtlich des Gehorsamsgedankens bei der Bundeswehr gab, antwortete der Generalinspekteur, dass die Vorgesetzten bei der Befehlsgebung immer auf eine Verhältnismäßigkeit achten müssten, insbesondere beim Friedensdienst zu Hause. „Die Würde des Menschen steht im Vordergrund.“ Allerdings müsse in kritischen Kriegsund Gefechtssituationen schnell reagiert werden können, deshalb brauche es eine der Situation angemessene Durchsetzungsmöglichkeit.

Dominik Baum

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