Ein streitbarer Gast

Im virtuellen Kempten-Museum denkt der Autor Max Czollek die Gesellschaft neu 

Max Czollek bei einer Lyrik-Veranstaltung 2019 in Frankfurt am Main.
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Max Czollek bei einer Lyrik-Veranstaltung 2019 in Frankfurt am Main.

Kempten – Beim Bewegten Donnerstag des Kempten-Museums im Dezember, der erneut online stattfand, stellte der Berliner Politikwissenschaftler Max Czollek sein Buch „Gegenwartsbewältigung“ vor. Der Essayband war dieses Jahr als eines von drei ausgewählten Sachbüchern für den Bayerischen Buchpreis nominiert.

Im Gespräch mit der Journalistin Lara Sielmann erläuterte er die wesentlichen Thesen und Forderungen seiner politischen Streitschrift und vermittelte einen Eindruck von den vielfältigen literarischen und künstlerischen Formen, die er für seine gesellschaftskritischen Arbeiten nutzt.

Sielmann, die ebenfalls in Berlin lebt und mit Czollek gut bekannt ist, griff zunächst auf, dass der 33-Jährige sowohl Essays als auch Gedichte schreibe. Als Wissenschaftler nähere er sich seinen Themen theoretisch an, etwa als Mitherausgeber der Zeitschrift „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“ oder mit seiner Doktorarbeit, die er am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin verfasst habe. Als Co-Initiator der Radikalen jüdischen Kulturtage am Berliner Maxim Gorki Theater 2017 (www.gorki.de/ de/radikale-juedische-kulturtage) sowie der Internationalen Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur 2020 (www.tdjml.org) schaffe und gestalte Czollek aber auch ganz praktisch eine „Gesellschaft der Vielen“, in der jedeR „ohne Angst verschieden sein“ könne. Warum, fragte Sielmann, habe er für sein aktuelles Buch „Gegenwartsbewältigung“ die Form der Polemik gewählt? Die Idee, „ein unsachliches Sachbuch“ zu schreiben, habe es ihm ermöglicht Analyse und Provokation zu verbinden und seine Thesen und Forderungen zuzuspitzen, antwortete Czollek. Die Polemik käme seiner Neigung entgegen, schreibend zu „lamentieren“ und solle den LeserInnen auch Spaß machen. Ein prägnantes Beispiel für seinen bissigen, plakativen Witz und den oft assoziativen, anschaulichen Stil findet sich im Kapitel „Symbolische Juden und andere Trophäen“. Dort lässt Czollek in einem Boxring nicht nur den Philosophen Theodor W. Adorno und den konservativen Jungpolitiker Philipp Amthor gegeneinander antreten, sondern schickt unter anderen auch die Personifikationen der Konzepte „Leitkultur“ und „Integrationsparadigma“ in den Ring. In Deutschland beobachte er oft, erzählt Czollek, dass Kultur zwar „hochgehalten“, ihr gesellschaftskritisches, politisches Potential aber „entschärft“ werde. Die beiden Essays, die er seit 2019 veröffentlicht habe, böten „kein Kochrezept“, aber einen Beitrag zur „wichtigsten gesellschaftlichen Debatte der nächsten Jahre“. Er äußere darin eine „starke, klare Haltung“, die in der Politik gebraucht werde und „der Kunst guttut“.

Anschließend bot der Autor den etwa 30 ZuhörerInnen vor ihren heimischen Bildschirmen einen Einblick in seine Gegenwartsanalyse und seinen programmatischen Entwurf einer Gesellschaft der „radikalen Vielfalt“. Aus seinen Streitschriften „Desintegriert euch!“ und „Gegenwartsbewältigung“ las er ihnen längere Abschnitte der Einleitungen vor. 

Czollek ist tief besorgt darüber, dass völkisches, nationalistisches und rassistisches Denken seit einigen Jahren in Deutschland und Europa deutlich einflussreicher geworden sind. Er ist überzeugt, dass dafür nicht allein die AfD oder andere rechte und neonazistische Gruppen veranwortlich sind. Vielmehr versucht er zu zeigen, dass „viele Vorstellungen, die wir von Gesellschaften allgemein und insbesondere der deutschen Gesellschaft haben“, wenig mit den veränderten Realitäten zu tun haben und entscheidend dazu beitragen, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen den gleichen Schutz und die gleiche Solidarität genießen. So verkenne der in den letzten Jahren vielzitierte Heimatbegriff, dass Deutschland keine idyllische „Klappermühle am rauschenden Bach“ sei, sondern ein Land, in dem die nationalsozialistische Vergangenheit nachwirke und wo als „anders“ markierte Menschen nicht erst seit den 90er Jahren Fremdenfeindlichkeit und rechten Terror fürchten müssten. „Konzepte werden nicht dadurch gut, dass sie sich gut anfühlen. Im Gegenteil verdeckt das Angenehme häufig die Gefahren, die es gesellschaftlich produziert.“ „Im deutschen Parteienspektrum“ wirke die AfD „wie eine Indikatorflüssigkeit“, die sichtbar mache, dass weithin anerkannte Handlungsstrategien „nicht mehr in der Lage sind, die Gegenwart zu bewältigen“. Insbesondere das Konzept der Integration unterschiedlichster Gruppen in die – gerne als „Leitkultur“ gepriesene – angebliche „deutsche Dominanzkultur“ spiegele eine falsche, fatale Sehnsucht nach Harmonie wider und gefährde letztlich die Basis der pluralistischen Demokratie. Denn „das Versprechen der pluralen Demokratie ist Selbstbestimmung“ und somit Unterschiedlichkeit und Vielfalt.

Als jüdischer Wissenschaftler habe er festgestellt, dass viele deutsche Juden des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine enorme Anpassungsleistung erbracht hätten und sich mit Staat und Gesellschaft sehr stark identifiziert hätten. Ihre Hoffnungen, sich so die Zugehörigkeit zu Deutschland zu ‚verdienen‘ seien jedoch grausam enttäuscht worden. Der mehr oder weniger bewusste Verzicht auf ihre Unterschiedlichkeit, habe ihnen zudem ihre „Wehrhaftigkeit“ genommen. Durch ihre intensive Identifikation mit der Mehrheitsgesellschaft sei es vielen nicht mehr gelungen, die Bedrohung durch Antisemitismus und Nationalsozialismus rechtzeitig zu erkennen und sich selbst zu schützen. Voraussetzung für gesellschaftliche Zugehörigkeit sei nicht Anpassung, sondern Anerkennung. Die Unterschiedlichkeit der Menschen sei die Grundlage einer wehrhaften Demokratie. Die offenbar verbreitete Vorstellung, dass Verschiedenartigkeit eine Bedrohung darstelle, mache die demokratische Gesellschaft verwundbar. Gerade auch im Hinblick darauf, dass Deutschland in den 30er und 40er Jahren „an einem gewalttätigen, exzessiven Versuch der Homogenisierung fast zugrunde gegangen“ wäre, müssten wir uns fragen: „Wie ist unser Denken eingerichtet, dass so etwas wie die AfD möglich ist“, forderte Czollek.

Die von ihm bevorzugte und beobachtete „radikale Vielfalt“ sei an vielen Orten bereits Realität, zum Beispiel im „postmigrantischen Theater“ am Maxim-Gorki-Theater oder bei verschiedenen, von ihm mitorganisierten Festivals. Zum Abschluss las der Autor noch einige seiner Gedichte. Bei seiner lyrischen Arbeit folge er der Maxime „Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden!“. Denn auch Lyrik könne wehrhaft sein und müsse die gesellschaftliche Situation, in der sie stattfinde und die Sprache mit der sie arbeite, reflektieren.

Am Bewegten Donnerstag im Januar veranstaltet das architekturforum allgäu einen Abend zum Thema Biodiversität und Architektur.

Antonia Knapp

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