"Ist das Paradies ein Nachtclub?"

Imam Dr. Benjamin Idriz spricht über die Würde der Frau im Islam

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Vor Gästen des Pfarrzentrums St. Lorenz sprach der „Imam von Penzberg“ Dr. Benjamin Idriz zur „Würde der Frau im Islam“. Idriz setzt sich stark für den interkonfessionellen Dialog ein, galt aber vor Jahren als nicht ganz unumstritten.

Kempten – Benjamin Idriz ist Imam und Buchautor. Besser bekannt ist er als „Imam von Penzberg“ und Vorsitzender des „Münchner Forums für Islam“, das eine große Begegnungsstätte für Muslime und Nichtmuslime einschließlich einer Moschee und Museum plant.

Auf Einladung des Pfarrzentrums St. Lorenz sprach Idriz vor rund 80 Besuchern über das Thema „Die Würde der Frau im Islam“. Dabei zitierte der Imam aus seinem jüngst veröffentlichten Buch „Der Koran und die Frauen – Ein Imam erklärt die vergessenen Seiten des Islam“.

„Salem Aleikum – der Friede sei mit Euch“, mit diesen Worten begrüßte Idriz die Anwesenden am Montagabend im Pfarrzentrum St. Lorenz. Für ihn als muslimischen Geistlichen sei es wichtig, zwischen den Konfessionen Brücken zu bauen und Aufklärung darüber zu leisten, wie die Rolle der Frau im Islam definiert werde und wie viel nicht der Glaube, wohl aber althergebrachte, orientalische Traditionen die Rolle der Frau in der gegenwärtigen muslimischen Welt prägen. Bereits sein Vater habe sich in seiner Heimat Mazedonien, dem ursprünglich südlichsten Bundesland der Republik Jugoslawien, als Geistllicher gegen den Widerstand konservativer Imame für die Gleichbehandlung von Frauen im Islam eingesetzt. 

So wollte Idriz‘ Vater auch Frauen die Weisheiten des Koran predigen. Benjamin Idriz hatte im Laufe seines Lebens das Anliegen seines Vaters verinnerlicht und sich im oberbayerischen Penzberg dafür eingesetzt, offen vor Frauen zu predigen. Seine Gottesdienste vollzog er mit Frauen von Angesicht zu Angesicht, was in muslimischen Gemeinden bis dahin sehr ungewöhnlich war. Schon früh hatte sich Idriz mit der Rolle der Frau im Islam beschäftigt. Er entstammt nach eigenen Angaben einer „viele Genartionen zurückreichenden Familie von Imamen und Theologen“. Im Alter von elf Jahren wurde er bereits Hafiz, eine Person, die den Koran auswendig kennt und daraus zu bestimmmten Gelegenheiten in einer Art Sprechgesang rezitiert. 

Was ist Tradition, was Glaube?
In seinen Ausführungen im Pfarrzentrum beschäftigte sich der Imam mit spezifischen Frauenthemen wie der Brautgabe, der Polygamie, der Monogamie, den Ehescheidungen, der Ehe mit Minderjährigen und dem Erbrecht im Islam. Bei all diesen Themenfeldern versucht Idriz zu betonen, dass zwischen jenen Bestimmungen unterschieden werden müsse, die auf den Koran zurückzuführen sind und denen, die profaner Natur sind, also u.a. den zeitgenössischen arabischen wie osmanischen Bräuchen folgen. Wichtig war es ihm, die Stellung der Frau im Orient vor der Offenbarung des Propheten Mohammed zu beschreiben: sie sei eher schwach und vom Mann dominiert gewesen. Jahrhunderte vor dem Wirken des Propheten Mohammed habe es sich für eine Frau geziemt, sich dem Mann unterzuordnen und neben ihm in nicht gleichberechtigter Weise zu leben. Der Geistliche versuchte, mit Suren und Versen aus dem Koran zu belegen, dass es der Koran war, der Frauen mehr Rechte zubilligte: So sei die Anzahl der Ehefrauen laut Koran auf maximal vier zu beschränken, eine monogame Lebensweise gelte als vorbildlich. 

Zudem verbiete der Koran die Heirat mit Minderjährigen und bestimme, dass die Brautgabe einzig der Ehefrau zustehe und nicht ihren männlichen Verwandten. Auch gebe es im Koran keine Vorschriften, die regeln, wie im Fall einer Scheidung zu verfahren sei. Idriz selbst empfiehlt als Imam Gläubigen, die zu ihm kommen, um sich scheiden zu lassen, den Gang vor das Gericht: „Eheschließungen und Ehescheidungen sind nicht Gottes Sache, sondern eine rechtliche Angelegenheit.“Er erklärt den islamischen Glauben als einer Art Reformprozess, der im 6. Jahrhundert dem Propheten Mohammed offenbart wurde und der erst langsam archaische Sitten und Gebräuche umstößt und Veränderungen bewirkt. 

Klar unterscheidet Idriz in Bestimmungen des Korans, die im historischen Kontext zu verstehen sind, wie die meisten sozio-kulturellen Empfehlungen zur individuellen Lebensweise und den ahistorischen, universell gültigen Weisheiten der Heiligen Schriften des Propheten Mohammed. Diese spirituellen Angebote des Islam seien den Ist-Zuständen in vielen muslimischen Gemeinden voraus und finden in ihrer tieferen Bedeutung nicht immer den Zugang zu allen Gläubigen, wie der Imam einräumte. Idriz gesteht ein, dass aufgrund eines fehlenden Oberhauptes der muslimischen Glaubensgemeinschaft, die Gefahr besteht, dass es zu unterschiedlichen Deutungen des Korans kommt. 

Fremde Welt
So vermischen sich seiner Aussage nach die religiösen Vorstellungen des Islam immer auch mit den tradierten Vorstellungen und Werten der Völker, die sich seit dem 6. Jahrhundert zum Islam bekennen. Die Frage, ob Frauen einen Schleier oder ein Kopftuch tragen müssen, wird anders als die Anzahl der täglichen Gebete oder rituellen Waschungen nicht explizit im Koran vorgeschrieben, sondern begründet sich häufig auf Traditionen der jeweiligen Stammeskulturen. So zeigen sich muslimische Gesellschaften im Einflussgebiet des Osmanischen Reiches häufig fortschrittlicher als diejenigen der arabischen Welt. Für die Gäste des Abends bestand im Anschluss die Möglichkeit Fragen an den Imam zu stellen. 

Dabei räumten einige der Fragenden ein, dass sie im Umgang mit muslimischen Mitbürgern Hemmungen spüren, weil sie u.a. die gewünschte Kleiderordnung für die Frau als zu streng empfinden. „Ich verstehe nicht, dass sich eine Frau selbst vor ihren männlichen Verwandten, die keine weiteren Absichten haben, häufig stark bedeckt zeigen müssen“, so die Frage einer Kemptenerin, die in guter Nachbarschaft zu Muslimen lebt und sie menschlich schätzt. Ein junger Mann, offenbar muslimischen Glaubens, zweifelte grundsätzlich an, dass es ein Gebot zur Verschleierung gibt und ein älterer Herr kritisierte, dass es im Islam möglich ist, die Inhalte des Korans im jeweiligen individuellen Sinn zu deuten. Idriz fügte an, dass dies zugleich Segen und Fluch des islamischen Glaubens sei. 

Einerseits biete dies viele Möglichkeiten zur Interpretation und somit auch zum Missbrauch, allerdings mache dieser Umstand den Islam auch zu einem sehr individualistischen Glauben, der eben nicht von oben verordnet wird, sondern seine Angebote gleichberechtigt allen Gläubigen unterbreitet. Die Frage nach den 72 Jungfrauen, die im Paradies auf Märtyrer des muslimischen Glaubens warten, respektive die Frage „Ist das Paradies ein Nachtclub?“, beantwortete der Imam nicht direkt, sondern empfahl am Abend die Lektüre seines neuen Buches. Zur Aufklärung sei verraten, diese Verheißung ordnet der Imam eher den soziokulturellen Überlieferungen als den ahistorischen, universell geltenden, spirituellen Weisheiten zu. 


Jörg Spielberg

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