Für den (einstigen) Hotelier Thorsten Gerstmann war klar: »Ich muss handeln«

Imbiss statt Insolvenz

Neuanfang: Thorsten Gerstmann hat in der Pandemie sein Hotel aufgegeben. Jetzt verkauft er Essen to go – und will anderen helfen. Für eine Burger-Spende an Obdachlose kommt der Allgäuer nach München.
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Neuanfang: Thorsten Gerstmann hat in der Pandemie sein Hotel aufgegeben. Jetzt verkauft er Essen to go – und will anderen helfen. Für eine Burger-Spende an Obdachlose kommt der Allgäuer nach München.

Dietmannsried – Geschäftsführer Thorsten Gerstmann hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – als Hotelier. Zwei Monate später kam Corona, ein Jahr später ging das Hotel pleite. Jetzt hat der Allgäuer einen Imbisswagen. Seine Burger könnten bald Münchner Obdachlosen zugutekommen.

Thorsten Gerstmann steht hinter dem Tresen eines schwarzen Imbisswagens. Bunte Schilder bewerben Cheeseburger, Avocado-Salat und Maultaschen. Um die Hüfte hat der Schwabe eine Schürze geschnürt, in der Luft liegt der Geruch von Bratfett. Der 53-Jährige sieht beschäftigt aus – ganz so, als würde er schon seit einer Weile hinter diesem Tresen stehen. Bis vor Kurzem hatte er aber noch einen anderen Beruf.

Der ehemalige Geschäftsführer eines Sportparks hatte sich Ende Januar 2020 einen Traum erfüllt: Er pachtete ein Gebäude im Oberallgäu und eröffnete das Landhotel Schönblick. Eineinviertel Jahre später begräbt Gerstmann diesen Traum. „Das Hotel gebe ich auf – was mit dem Pachtvertrag geschieht, bespreche ich aktuell noch mit dem Eigentümer“, sagt der Dietmannsrieder. Geöffnet hatte sein Landhotel insgesamt nur wenige Monate.

Schon im März 2020 wurde das erste Beherbergungsverbot verhängt. In mehreren Videos auf der Internetplattform Facebook teilte Gerstmann sein Schicksal mit anderen – und machte mehr als 3000 Menschen auf sich aufmerksam, auch in München. Mit Tränen in den Augen und brüchiger Stimme sagte Gerstmann im Internet: „Wenn dein fünfjähriger Sohn zu dir sagt, Papa, nimm du mein Sparschwein, dann hast du auch wieder Geld – dann ist das hart.“ Zeitgleich war der Allgäuer zwei Monate mit seiner Miete für sein privates Wohnhaus im Rückstand. Ihm wurde klar. „Das reicht als Grund für eine fristlose Kündigung – man kann auf diese Weise recht schnell obdachlos werden.“

Die beantragten November- und Dezemberhilfen ließen dennoch auf sich warten. Mittlerweile hat der Dietmannsrieder das Geld zwar erhalten – „allerdings zu spät und zu wenig“. Als Berechnungsgrundlage verwendeten die Sachbearbeiter laut dem Hotelier Durchschnittswerte von Vormonaten, die Corona-bedingt nie repräsentative Umsätze erreicht hatten.

Für Gerstmann war deshalb klar: „Ich muss handeln.“ Schon vier Jahre zuvor hatte er mit dem Gedanken gespielt, ein Franchise-System mit Imbisswagen aufzubauen. Die Idee hatte er damals verworfen. Koch hatte Gerstmann aber ohnehin immer werden wollen – „als Wirtssohn durfte ich das als Jugendlicher nur nicht“. Jetzt sagt der Unternehmer: „Wenn die Kunden nicht zu uns kommen dürfen, kommen wir eben zu ihnen.“

Von einem Bekannten lieh sich der 53-Jährige den schwarzen Imbisswagen, in dem er jetzt Burger verkauft. Der Anhänger mit Theke steht abwechselnd an drei festen Plätzen im Oberallgäu. „Ich könnte aber auch auf vier bis sechs Plätze hochgehen“, meint Gerstmann. Parallel sieht er sich nach einem eigenen Wagen um, mit dem er sich eine neue Existenz aufbauen könnte. Und bald könnte der 53-Jährige auch nach München kommen.

Denn: In der Zwischenzeit ist der Gräfelfinger Unternehmer Norbert Burkhart auf das Schicksal des Hoteliers aufmerksam geworden. Der Geschäftsführer der NMB Holding GmbH hatte Verständnis für Gerstmann. Jetzt plant der Münchner eine Aktion. 400 Burger will die Firma am Wagen von Gerstmann kaufen und an Münchner Obdachlose ausgeben. Dafür hat sich Burkhart mit Gerstmann in Verbindung gesetzt – der Schwabe kommt für diese Aktion extra nach München. „Ich finde es toll, wenn ich trotz meiner eigenen Lage anderen helfen kann“, betont der Allgäuer. Burkhart übernahm indes die Organisation, hat sich mit Helfern abgestimmt und eine Ausgabestelle in München vereinbart. Bedürftige werden über die dortigen Mitarbeiter informiert. Der Geschäftsführer erklärt: „Ich komme selbst aus dem Allgäu und bin dort zur Schule gegangen.“ In Gerstmanns Gegend – dem Oberallgäu – ist er deshalb gut vernetzt. Bekannte hatten den Wahl-Gräfelfinger auf die Videos des Hoteliers aufmerksam gemacht – für ihn ein Grund zu helfen. Burkhart betont: „In der jetzigen Situation muss man eben zusammenhalten – besonders in der Heimat.“

Jonas Napiletzki

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