Später Aufbruch in neue Welten 

Immer mehr Berufstätige entscheiden sich für ein Studium 

Sarah Dannheimer
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„Mutig sein und einfach ausprobieren. Danach ist man breiter aufgestellt.“ Sarah Dannheimer.

Landkreis – Wer in diesen Tagen das Stichwort „berufliche Neuorientierung“ hört, denkt nach mehr als einem Jahr Pandemie vermutlich an Messebauer, die Gemüse ausfahren, oder an Musikerinnen, die sich einen Kiosk gepachtet haben. Doch die Entscheidung, beruflich etwas Neues zu beginnen oder zu erlernen, entsteht mitnichten immer aus einer Notsituation heraus.  

So vielfältig wie die Bevölkerung sind heute häufig auch die Lebensläufe der Menschen und so entscheiden sich immer mehr Berufstätige mitten im Leben noch für ein Studium. Lutz Hoffmann, Professor an der FOM Hochschule in Essen, prophezeite bereits 2013 einen zunehmenden „Trend zum Studieren ab 40“. An der Hochschule Kempten engagiert sich besonders die Fakultät für Soziales und Gesundheit für diese untypischen Studierenden, die häufig ganz andere Bedürfnisse haben als ihre jüngeren Kommilitonen. Der Kreisbote hat mit drei ‚Spätberufenen‘ über ihre Motive und Erfahrungen gesprochen. 

„Ich würde es immer wieder so machen“, sagt Anne Hermann, die im sechsten Semester Gesundheitswirtschaft studiert und während ihres Studiums zwei Kinder geboren hat. Hermann und ih- re Freundin Jil Montaseri hatten nach dem Abitur am Allgäu Gymnasium eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Mit den Jahren fiel ihnen auf, dass es „in Kempten und Umgebung kaum generationenübergreifende Konzepte gibt“. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, ein Unternehmen zu gründen, das diese Lücke füllen sollte. Mit Mitte 20, Montaseri war bereits Mutter, beschlossen sie, sich die nötigen Kenntnisse durch ein Studium anzueignen. „Ich dachte ursprünglich, wir holen uns das Abschlusszeugnis und dann ziehen wir unseren Stiefel durch“, erzählt Hermann. „Aber dann hat das Studium meine Erwartungen weit übertroffen: super Inhalte und berufliche Perspektiven, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Ein Studium ist immer eine gute Entscheidung. Man bekommt einen viel weiteren Blick auf die Welt und versteht die Hintergründe.“

Montaseri stimmt ihr zu und ergänzt: „Durch die Berufs- und Lebenserfahrung, die wir schon mitbringen, hat man eine Vorstellung davon, wo man inhaltlich hin will“, und kann das Erlernte in einen größeren Horizont einordnen. Außerdem hat man als Studentin mit abgeschlossener Ausbildung „nichts zu verlieren“, so Hermann, denn schließlich kann man auch wieder in seinen erlernten Beruf zurückkehren.

Diese Freiheit betont auch Sarah Dannheimer. Die verheiratete Mutter zweier Kinder war 37 Jahre alt, als sie ihr Studium der Geriatrischen Therapie, Rehabilitation und Pflege begann. Nach erfolgreichem Abschluss arbeitet sie heute an der Hochschule, bei der Fachstelle für Demenz und Pflege Schwaben. Wer als Berufstätiger relativ spät im Leben noch ein Studium beginnt, „trifft eine ganz andere Grundentscheidung als ein 18-Jähriger gleich nach dem Abitur“, sagt sie. „Ich kann mir sagen: Mensch, ich probier das jetzt einfach mal aus. Es liegt bei mir, mit welcher Erwartungshaltung ich da rangehe, welche Ansprüche ich an mich selbst stelle. Meine Lebenserfahrung gibt mir dabei eine gewisse Gelassenheit: Ich studiere, weil mich die Themen interessieren und ich neue Erkenntnisse gewinnen will; die Noten oder die Meinungen anderer sind nicht so wichtig.“

„Eine gewisse Disziplin ist schon notwendig“, so Dannheimer. Sie hat während ihres Studiums abends weiterhin als Physiotherapeutin gearbeitet. „Und dann ruft am Abend satt Couch und Fernseher eben noch der Schreibtisch, um zu lernen oder Haus arbeiten zu schreiben.“ Das Studium an einer staatlichen Hochschule ist kostenlos, Studierende müssen lediglich eine geringe Semestergebühr aufbringen. Doch gerade Ü-30- oder Ü-40-Studierende müssen ihren Lebensunterhalt und eventuell auch den ihrer Kinder häufig selbst bestreiten. „Ich wollte weiterhin zu unserem Familieneinkommen beitragen und durch mein Studium keine Einbußen verursachen“, erzählt Dannheimer.

„Es ist wichtig, vorbereitet zu sein, sich frühzeitig zu organisieren. Mit der Variante Ich-seh-mal-wie‘s-kommt funktioniert ein Vollzeitstudium mit Familie und Teilzeitarbeit eher nicht“, rät sie. Sehr hilfreich war für Dannheimer, dass ihre Eltern und Schwiegereltern sich tageweise um die Kinder gekümmert haben und die Hochschule mit ihrer „CampusKids Ferienbetreuung“ für ein „super organisiertes Highlight“ sorgte.

Auch Hermann und Montaseri arbeiten während ihres Studiums als Pflegerinnen weiter, sofern sie nicht im Mutterschutz oder in Elternzeit sind. Beide haben sich entschieden, für die letzten Semester zusätzlich BAföG zu beantragen – ein Anspruch, den allerdings nur Studierende bis 35 Jahre geltend machen können. Das hochschuleigene Büro für Gleichstellung und Familie „kennt sich in rechtlichen Fragen super aus“, berichtet Anne Hermann, und habe sie auch unterstützt, als sie in der Prüfungszeit einen Nachteilsausgleich beanspruchen musste, um ihre Tochter stillen zu können. „Als berufstätige Mütter können wir nicht jede Vorlesung besuchen“, erzählt Jil Montaseri, „aber es gibt nur wenige Pflichtveranstaltungen und die meisten Dozenten sind sehr verständnisvoll und reichen uns die Lernmaterialien auch mal nach.“ „Außerdem“, ergänzt Hermann, „haben wir super nette Kommilitonen und wir haben einander und können uns abwechseln.“ Für ihre ältere Tochter nutzt sie eines von mehreren Kinderbetreuungsangeboten der Hochschule: Sie ist bei den „Campuszwergen“ untergebracht, während Montaseris Sohn eine Kinderkrippe besucht. Derzeit sind die Betreuungseinrichtungen wegen des Infektionsschutzes zeitweise geschlossen; doch andererseits habe die Lehre auf Distanz das Online-Angebot der Hochschule verbessert und erleichtere es ihnen, Familie und Studium zu vereinbaren, berichten die beiden Freundinnen.

Das Lernpensum war oder ist offenbar für alle drei gut zu bewältigen. „Ja, der Geist wird nicht frischer mit den Jahren“, sagt Sarah Dannheimer. „Aber wer geübt darin ist, immer alles unter einen Hut zu bringen, hat gelernt, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen und effizient zu sein. – Mein Studium hat mir Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären.“

Wer sich für ein spätes oder berufsbegleitendes Studium im Bereich Soziales und Gesundheit interessiert, hat am 26. April und 7. Mai, 18 bis 19 Uhr, die Gelegenheit, sich bei einem Webinar der Hochschule Kempten zu informieren. Anmeldung und Infos bei Dr. Benjamin Gilde, per Email an benjamin.gilde@hs-kempten.de.

Antonia Knapp

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