Immer wieder die Frage: Was ist Kunst?

Nach Ausstellungen und Projekten in Berlin und München stellt Adi Hoesle nun in Kempten aus

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Das Sichtbare und das Verborgene: Matthias Lainer (links) liest den Text vor, dessen Inhalt den Sehenden ansonsten verborgen bleibt.

Kempten – Die letzte Silbe der Redebeiträge ist verklungen. Schnell bilden die Vernissage-Gäste einen Halbkreis um Matthias Lainer. Seit einer Dreiviertelstunde steht er schon auf einem Podest, zuerst im Gewimmel der Besucher, dann während der Eröffnungsreden. Er trägt eine blaue Jeans und ein weißes Hemd, um seinen Oberarm spannt sich eine gelbe Binde mit drei Punkten. Er stützt sich auf einen Blindenstock.

Die Spannung ist jetzt körperlich spürbar. Nichts passiert. Künstler Adi Hoesle flüstert Lainer etwas ins Ohr. Der geht nun zu einer Wand, an der mehrere Zeilen in Braille-Schrift zu erkennen sind. Eigentlich sieht man nur die Schatten der Knubbel, die aus der Wand ragen. Lainer lässt die Hand zum Textanfang gleiten. Um die oberste Zeile zu erreichen, muss er sich strecken. Auch die Finger hat er überstreckt, so dass er die Punkte besser spürt. Silbe für Silbe liest er: „Er sieht, aber er sagt es nicht und spielt von da an einen Blinden.“ 

Während Lainer liest, schreitet er die Wand entlang. Langsam formen sich die Worte. Manchmal stockt er, geht wieder einen Schritt zurück und nimmt die zweite Hand zu Hilfe. Am Ende einer Zeile angekommen, läuft er schnell zurück zum Anfang der nächsten Zeile, immer eine Hand an der Wand, um nicht zu verrutschen. „Gantenbein kauft sich eine Blindenbrille und ein Stöckchen, um eine gelbe Armbinde zu bekommen.“ Es ist eine Passage aus Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“. 

Wie im Text geht es in der ganzen aktuellen Ausstellung von Adi Hoesle in den Kunstarkaden Kemptener um Wahrnehmung. „Ansichtssache – Das Sichtbare und das Verborgene“ lautet ihr Titel. 

Im Zentrum steht ohne Frage die Installation mit Frischs Romanausschnitt in Braille-Schrift. Für den Otto-Normal-Besucher sind es möglicherweise erst einmal nur in einer speziellen Form angeordnete Punkte, ein Code oder ein ästhetisches Muster. 

Für Matthias Lainer, als „living und performing sculpture“ erschließt sich eine weitere Bedeutungsebene, an der er die Vernissage-Gäste mit seinem Vortrag teilhaben lässt. „Es geht um die Trennung des Sichtbaren von seiner Bedeutung; der Realität von der Konstruierten Realität; von Körper und Geist“, sagte Dr. Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museum Hannover in seiner Rede über Adi Hoesles Kunst. Im Gehirn werde alles wieder zusammengeführt.

Gehirnbilder und Gehirnbilder

Und das Gehirn ist ein weiteres zentrales Element der Ausstellung. Überall sind Gehirne und ihre Windungen zu finden. Auf einem Sockel thront ein faustgroßes Exemplar aus Porzellan. „Dadurch kommt zum Ausdruck, wie wertvoll und fragil unser Gehirn ist, es ist das, was uns zum Menschen macht“, erklärt Hoesle. 

Und auch in den Konzepten, Entwürfen und Fotos, die an einer Wand zu einer Art Collage angeordnet sind, finden sich grüne, weiße oder gelbe Gehirne. Schlingen sich die Gehirnwindungen ineinander. Elektroden docken am offenen Gehirn an. Auf einem Foto ist Hoesle selbst mit einer Dioden-übersäten Kappe zu sehen, mit Hilfe derer die Gehirnströme aufgezeichnet werden können. Entstanden ist es an der Universität Tübingen, wo er mit Forschern ein Programm entwickelt hat, das aus Gedanken wie „Gelb“, „Linie“, „Kreis“ Bilder am Computer entstehen lässt, das sogenannte Brain Painting. 

Genutzt hat er die Technik auch mit der ALS-Patientin Angela Jansen, die mittlerweile nur noch mit den Augen kommunizieren kann. In Hoesles Ausstellung „Ich male also bin ich“ im Berliner Kleisthaus hat sie auf diese Weise Bilder gemalt und ist andererseits als „living sculpture“ aufgetreten und mit den Besuchern ins Gespräch gekommen. Auf großformatigen Fotos ist sie auch in den Kunstarkaden zu sehen, mal mit rot gefärbtem Haar, Sonnenbrille und Hund; mal mit Zopf und festem Blick in die Kamera. „Ich finde es gut, dass auch mal eine Bevölkerungsgruppe in den künstlerischen Prozess eingebunden wird, die sonst keine Möglichkeit dazu hätte“, sagt Gerd Riedel-Caspari, der alle bisherigen Kunstarkaden-Ausstellungen gesehen hat. Er hält die Kunst für ein wichtiges Kommunikationsmittel.

Matthias Lainer wohnt in einer Wohngruppe des Dominikus Ringeisen Werk in Pfaffenhausen. Adi Hoesle hat dort angefragt, ob ein blinder oder sehbehinderter Mensch bei seiner Ausstellung mitmachen möchte, erzählt Lainer, der den Frisch-Text bei der Vernissage zum ersten Mal gelesen hat. Weil die Buchstaben, die er hier entzifferte, viel größer sind, als normalerweise, sei das Vorlesen nicht leicht gewesen. „Aber trotzdem hat es Spaß gemacht“, sagt er. 

Jeden Samstag von 16 bis 18 Uhr lesen Lainer im Wechsel mit Erika und Robert Weichenmeier in einer Performance den Text für die Besucher, wenn sie es wünschen. Robert Weichenmeier, als der Leiter der Bezirksgruppe Allgäu im Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund, trägt gerne zur Ausstellung bei und lässt die Besucher selbst Buchstaben erfühlen. „So kann ich auf die Braille-Schrift aufmerksam machen, die Menschen dafür sensibilisieren“, sagt er. Die ersten Interessierten übten sich bereits bei der Vernissage.

Dieser integrative Aspekt zieht sich durch Adi Hoesles Werk, auch bei Performances, wo er zum Beispiel Werke von Kollegen wie Katharina Große zurückbaut. Zusammen mit Schreinerlehrlingen transformierte er Großes Kunstwerk zu Kopfund Lesehilfen. Mit den „Rückbau-Maßnahmen“ als künstlerischen Akten, will er die Strukturen freilegen. „Eine Zwiebel muss man erst einmal schälen, um den Kern betrachten zu können“, erklärt Hoesle, der sich als „Retrogradist“ bezeichnet. Genauso wie in seiner Ausstellung in den Kunstarkaden stellt er dabei immer die Frage, was Kunst ist. Zum Beispiel bei der Abwicklung eines Atomkraftwerks, wo es keine Erfahrungswerte gibt. „Da muss man auch hochkreativ sein“, erklärt er. Selbst wenn viele sagen, die Frage, was ist Kunst?, sei schon beantwortet, ist Hoesle der Meinung, „man muss sich der Frage immer wieder neu nähern, und in der heutigen Zeit neu stellen“. 

Interessierte können die Ausstellung „Ansichtssache – das Sichtbare und das Verborgene“ noch bis 8. Februar 2020 donnerstags bis samstags von 16 bis 20 Uhr besuchen und am Sonntag von 11 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Am Samstag, 14. Dezember, hält Adi Hoesle um 17 Uhr den Vortrag „Ich male, also bin ich“. Als Artists in Residence haben sich für diesen Zeitraum gleich drei KünstlerInnen angesagt: Andrea Flemming (5.11.-1.12.), Egges (2.12. -22.12.) und Anna Herrgott (3.1.-1.2.). Alle drei zeigen zu bestimmten Terminen in ihren Open Studios, wie sie arbeiten, und wie ihre Kunstwerke in Kempten voranschreiten.

Susanne Lüderitz

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