"Immer wieder neue Überraschungen"

Für die einfühlsame und respektvolle Sanierung des UMS-Einfamilienhauses wurde das Büro „heilergeiger architekten und stadtplaner“ mit dem „thomaswechspreis 2012“ ausgezeichnet. Foto: Tröger

Als „Herausforderung“ bezeichnete Christiane Maucher vom Büro „architektur + raum“ den Bau „einer hochmodernen Zahnarztpraxis in so ein altes Gebäude“. Zustimmung bekam sie vom Bauherrn, Dr. Martin Bauer, den die „immer wieder neuen Überraschungen“ während der Bauarbeiten öfters am Weitermachen zweifeln ließen. Die Gründervilla in der Lindauerstraße wurde innen und außen saniert und erweitert; die ursprünglich nur erdgeschossigen Zahnarztpraxis wurde dazu durch eine Eichentreppe mit dem ersten Obergeschoss verbunden. Hier war am Samstag die erste Station der vom Kemptener Architekturforum im Rahmen der bayernweiten „Architektouren“ organisierten Busrundreise zu fünf ausgewählten Stationen in Kempten und Umgebung.

Wie Maucher ausführte, wurde zugunsten des Gebäudecharakters auf eine Vollwärmedämmung verzichtet – dafür Wärmebrücken wie Rolladenschächte gedämmt – sowie manches rückgebaut. Um die vorgegebenen neun Stellplätze zu erhalten, sei „der Garten verschwunden“ – was der Bauherr um eine kuriose Geschichte ergänzte: Ein ganz zentral stehender Baum habe nämlich nicht gefällt werden dürfen, woran der Parkplatzbau fast gescheitert wäre. Kurz nach dem ablehnenden Bescheid aber „hat ein Blitz in den Baum eingeschlagen und ihn so geteilt“, dass er habe gefällt werden müssen, schmunzelte er. Auch wenn ihm die Stadt besonders beim Brandschutz „immer wieder Prügel zwischen die Füße geworfen hat“, bekannte er auch froh darüber zu sein, im eigenen Reich wirken zu können und „nicht in so einem Ärztehaus, wie sie zur Zeit überall aus dem Boden gestampft werden.” Kreative Lösungen In eineinhalb-jähriger Bauzeit entstanden hier auf 225 Quadratmetern Nutzfläche Praxisräume inklusive hauseigener Zahntechnik, die, so Maucher, „bewusst nicht auf Farbigkeit setzt“, sondern auf das Material. Eiche, gleich dreimal geölt, um den Hygienevorschriften zu genügen, dominiert die mit Designermöbeln klar ausgestatteten Räume. Statt einer sterilen Atmosphäre habe man ein Ambiente angestrebt, das den Zahnarztbesuch „relativ relaxed“ angehen lasse, erklärte Maucher. Türen verschwinden in den breitflächigen Türzargen und die Deckenleuchten in trichterförmigen Vertiefungen spenden als kleine Lichtkreise wohltuende Beleuchtung. Kreative Lösungen waren auch in einem 1930 erbauten „UMS“-Einfamilienhaus in der Ulrich-Mair-Straße gefragt, das mit dem „thomaswechspreis“ 2012 ausgezeichnet wurde. Als „für uns ideale Voraussetzungen“ bezeichnete Peter Geiger vom Kemptener Büro „heilergeiger Architekten und Stadtplaner“ – mit seiner Familie auch Bauherr – die konstante Instandhaltung des Hauses, aber „ohne Sanierung, die wir wieder hätten zurückbauen müssen“. Mit einem alternativen Energiekonzept ohne Dämmpaket wurde auch hier der Charakter des Hauses bewahrt: Im Inneren sorgen unter Putz gelegte Kupferrohre für Warmwasser und Heizung mit ihrer guten Leitfähigkeit dafür, dass „die Umfassungsflächen warm sind“. Statt der „durchgefaulten“ Kastenfenster wurden dreifach-verglaste eingesetzt, mit schwarz geölten Eichenholzrahmen, wodurch später kein Abblättern zu befürchten stehe, sondern höchstens Ausbleichen, das mit einem Lappen zu beseitigen sei, erklärte Geiger. Um den „Garten spürbarer“ zu machen wurden Fenster im Erdgeschoss „weiter herunter gezogen“. Ein markantes Detail sind die Fensterläden aus schwarzem Lochblech, das sich in der Brüstung des ins zweite Obergeschoss versetzten Balkons wiederfindet. Direkt vor dem als Spiel-, Aufenthalts- und Büroraum genutzten Dachbodens mit frei sichtbarem Gebälk, entpuppt sich dieser als unerwartete Aussichtsplattform über Kempten. Weniger Holz Die letzte Station der Bus- Rundreise führte die zahlreichen „Architek-Touristen“ – nach zwei Objekten in Oberjoch – zum nach seiner Form benannte „Y-Haus“ in Ermengerst. Wie Alexander Nägele von „SoHo Architektur“ in Memmingen erläuterte, „haben wir versucht, das Haus als Wahrnehmungsapparat zu konzipieren“. Wegen des „relativ sumpfigen“ Grundstücks stehe es mit einer Bodenplatte auf Bohrpfählen. Damit solch ein Haus „funktioniert“, sei die Außenanlage „extrem wichtig“. Zu sehen war davon leider einzig der bereits angelegte Teich inmitten des Baugeländes. Dass weniger Holz auch mehr sein kann, offenbarte die selbst im noch unmöblierten Haus überraschend „warme“ Wirkung des durchgehenden, grauen Estrichbodens.

Auch interessant

Meistgelesen

Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Feiern verbindet
Feiern verbindet
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz

Kommentare