Senioren in Pflegeeinrichtungen und Pflegepersonal sind die ersten Impfkandidaten

Impfzentrum nimmt seine Arbeit auf

Beim Rundgang durch das aus dem Boden gestampfte Impfzentrum (v.li.) Norbert Englisch (THW) Alexander Schwägerl (Kreisgeschäftsführer BRK-Oberallgäu), OB Thomas Kiechle und Michael Fackler (Leiter Amt für Brand- und Katastrophenschutz).
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Beim Rundgang durch das aus dem Boden gestampfte Impfzentrum (v.li.) Norbert Englisch (THW) Alexander Schwägerl (Kreisgeschäftsführer BRK-Oberallgäu), OB Thomas Kiechle und Michael Fackler (Leiter Amt für Brand- und Katastrophenschutz).

Kempten – Innerhalb weniger Tage hat ein Team des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz unterstützt vom Technischen Hilfswerk (THW) und der Malerinnung ein Gebäude der ehemaligen Artilleriekaserne auf Vordermann gebracht. Morgen Sonntag, 27. Dezember, wird die erste Lieferung an Impfstoff erwartet und im frisch hergerichteten Gebäude künftig das gesamte Impf-Prozedere mit Anmeldung, Aufklärung, Impfung, Registrierung und Nachbetreuung abgewickelt. In dieser ersten Impf-Stufe werden zunächst die besonders gefährdeten Gruppen wie BewohnerInnen in Senioren- oder Pflegeeinrichtungen sowie das Pflegepersonal geimpft. Erster Ansprech- und Beratungspartner für danach folgende Impfwillige sollte der jeweilige Hausarzt sein.

Darüber „was wir im ganzen Land und in Kempten leisten, mit diesen aus dem Boden gestampften Impfzentren“, war OB Thomas Kiechle sichtlich beeindruckt. Zusammen mit der Presse machte er sich selbst ein Bild von dem Werk, das die drei Partner aus dem Gebäude, „das alles andere als Hotelcharakter gehabt hat“, gemacht haben. Im November seien sie darüber unterrichtet worden, dass hier ein Impfzentrum eingerichtet werden solle, wie Michael Fackler, Leiter Amt für Brand- und Katastrophenschutz berichtete, und was dann folgte, sei „wirklich ein Kraftakt“ gewesen. Um die Wände in dem seit mehreren Jahren leer stehenden Gebäude wieder ansehnlich zu bekommen, seien zwei Tonnen Farbe nötig gewesen, der Boden habe gründlich gereinigt werden müssen – zum Teil wurde er mit neuem Belag ausgestattet – und auch die stillgelegte Wasserleitung habe wiederbelebt werden müssen. Ein Blick in die einzelnen Räume unterstrich, was Alexander Schwägerl, Kreisgeschäftsführer des BRK-Oberallgäu, als „hervorragendes Zusammenspiel“ bezeichnete. Das Bayerische Rote Kreuz übernimmt die Betreiberschaft des Impfzentrums und muss die gesamte Logistik bewältigen, von den tiefgekühlten Impfdosen bis zu ihrer Verabreichung. Den medizinischen Part teilen sich die Ärzte Ulrich Nägele, Nikolaus Felder und Dr. Klaus Ulrich. Die örtliche Einsatzleitung liegt in der Hand von Christian Nagel vom Amt für Brand- und Katastrophenschutz.

Der Ablauf

Die Innenräume strahlen nach der gründlichen Bearbeitung Sauberkeit und Frische aus und sind großzügig angelegt. Nach der ersten Datenaufnahme geht es mit Laufzettel in einen der Anmelderäume und schließlich weiter in eines der Arztzimmer. Vom Arzt erhalten die PatientInnen aus Kempten und dem nördlichen Landkreis umfassende Aufklärung zur Impfung und eine Anamnese bezüglich ihrer Eignung für die Impfung. Da man „nicht alle vorher testen“ könne, wurden als Ausschlusskriterien z.B. Fieber über 37,5 Grad oder einschlägige Krankheitssymptome definiert. Auch der Abstand von mindestens zwei Wochen zur Grippeimpfung sollte laut Felder eingehalten werden. „Es können nicht alle vorher getestet werden“, sieht er die Nutzen-Risiko-Entscheidung klar pro Impfung. Wird die Impfung durchgeführt, was nur mit vorheriger Einwilligung der PatientInnen geschieht, muss nach acht bis 28 Tagen eine zweite Impfung erfolgen. Nach der Impfung müssen die PatientInnen noch für 15 bis 30 Minuten in einen (aus aktuellem Anlass derzeit sogar mit einem Weihnachtsbäumchen geschmückten) Warteraum zur Beobachtung, bevor er/sie entlassen werden kann. 

Für den gesamten Durchgang sind 30 bis 45 Minuten veranschlagt, was vor allem aufgrund der unterschiedlichen Beratungsbedarfe der PatientInnen variiert. Felder rechnet auch damit, dass es sich der/die ein oder andere AnwärterIn während der Beratung doch noch einmal anders überlegen und abspringen könnte, was aber kein Problem sei. Falls jemand Impfreaktionen oder eine Kreislaufschwäche zeigen sollte, gibt es einen „Notfallraum“. Auf Grundlage des „idealtypischen Ablaufs“ soll alle drei Minuten eine Person für den Durchgang eingelassen werden. Allerdings, da sind sich Felder und Schwägerl einig, „wir müssen Erfahrungen sammeln“ und flexibel reagieren. 

Um den hoch veranschlagten Durchlauf stemmen zu können, hat das BRK zusätzlich 40 Medizinische Fachangestellte rekrutiert sowie 16 Personen für Aufgaben wie die Datenverarbeitung oder in Lotsenfunktion. Schwägerl freut dabei, dass sich viele Krankenschwestern aus dem Klinikum gemeldet hätten sowie die „hohe Bereitschaft“ des Fachpersonals, die Impfung auf den Weg zu bringen.

Wer – Wann – Wo

Oberste Priorität bei der Impfkampagne haben vulnerable Personen, beginnend mit über 80-Jährigen in Pflegeeinrichtungen sowie das Pflegepersonal. Auch hier gelte natürlich die Freiwilligkeit. Dafür sind drei mobile Impfteams mit jeweils einem Arzt, einer medizinischen Fachkraft und einer Person für den Papierkram in verschiedenen Einrichtungen unterwegs. In vier bis fünf Wochen denken Schwägerl und Felder damit durch zu sein. Danach soll die Bevölkerung nach und nach angeschrieben werden, um bei Impfwunsch einen Termin mit dem BRK im Impfzentrum zu vereinbaren (siehe Hinweis am Artikelende). Wie Schwägerl sagt, gebe es bereits jetzt „eine hohe Anfrage“, die allerdings nur nach Verfügbarkeit des Impfstoffes bedient werden könne.

Für das Durchimpfen der Bevölkerung ist für Felder die Zusammenarbeit mit der gesamten Ärzteschaft unabdingbar. Im Idealfall sollen die Hausärzte ihre Risikopatienten anmelden, da diese ihre PatientInnen kennen und diese ihnen vertrauen würden. Aber auch hier müsse man erst Erfahrungen sammeln und eventuell nachjustieren. 

Der Corona-Impfstoff

Bei dem Impfstoff von Biontech/Pfitzer handelt es sich um einen so genannten mRNA, den Felder eher einer Aktivimpfung (Impfen mit abgeschwächten Erregern) zuordnen würde als einer Passivimpfung (Impfen von Antikörpern), wenn auch nur in einem kleinen Teil. Die Technologie der mRNA werde schon seit über zehn Jahren in der Onkologie verwendet, „als Impfstoff ist sie ganz neu“. Noch keine Daten gibt es bezüglich der Verträglichkeit bei Schwangerschaft. Insgesamt halte er das Risiko des Impfstoffes aber für „sehr überschaubar“. Da der Impfstoff sehr temperatursensibel ist, kann er nach Auslieferung (bis dahin wird er bei -70 Grad Celsius gelagert, danach nur mehr um den Gefrierpunkt) und vor allem nach Anbruch der Packung nicht lange gelagert werden, und muss relativ zügig verimpft werden. 

Den Impfstart bezeichnete OB Kiechle als „Beginn einer Offensive“ in einer „Katastrophe“, in der wir nach wie vor noch über Monate „Geduld brauchen“. Er „vertraue diesem Impfstoff“ und stehe „persönlich voll dahinter“.

• Hinweis der Stadt Kempten: Menschen ab 80 Jahren, die nicht in einer Senioren- oder Pflegeeinrichtung leben, werden schriftlich über ihre Impfmöglichkeiten informiert. Hierfür ist auch eine Terminvereinbarung notwendig. Aufgrund der zunächst geringen Mengen des zur Verfügung stehenden Impfstoffes ist mit einer Impfung dieses Personenkreises allerdings erst im Verlauf des Januars zu rechnen. Aktuelle Infos unter www. kempten.de.

Christine Tröger

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