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In der Kemptener Notunterkunft können die Menschen aus der Ukraine kurz verschnaufen

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Von: Susanne Lüderitz

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Am Mittwoch wurden wieder einige Geflüchtete an Privatleute vermittelt, die sie bei sich aufnahmen. Den Menschen aus der Ukraine stehen in der Notunterkunft in der Dreifachsporthalle am Berufsschulzentrum Dolmetscher zur Verfügung. Sie tragen gelbe Warnwesten, wie hier auf dem Bild zu sehen. © Lüderitz

Kempten – Die Menschen aus der Ukraine „kommen mit sehr wenig. Sie sind sehr dankbar, sehr bescheiden“, sagt Thomas Baier-Regnery, der Referent für Jugend, Schule und Soziales in Kempten.

„Ich bin beeindruckt, wie genügsam sie sich der Situation stellen und wie zufrieden sie mit dem Wenigen sind, das wir ihnen bieten.“ Am Samstag und Sonntag sind 105 ukrainische Flüchtlinge in Kempten angekommen. Mit Bussen aus der Landesaufnahmestelle in Zirndorf (Lkr. Führt) erreichten sie die Stadt. Nun befinden sich insgesamt 140 in den städtischen Erstaufnahmeeinrichtungen, wie der Dreifachturnhalle des Berufsschulzentrums oder der Turnhalle an der Königstraße.

„Eigentlich hatten wir die Hoffnung, dass wir keine Turnhallen als Aufnahmekapazitäten vorhalten müssen“, so Baier-Regnery, „aber es war eine rasante Entwicklung. Am Donnerstag vor einer Woche kam die dringliche Aufforderung der Regierung von Schwaben, Kapazitäten zu schaffen.“

Es sind vor allem Frauen und Kinder, die hier ankommen. Die Kinder machen sogar einen Anteil von 60/70 Prozent aus. Das jüngste ist gerade einmal vier Monate alt. „Am Wochenende haben wir das Spielmobil organisiert, über das sich die Kinder gefreut haben“, berichtet der Referent. 13 coronapositive bzw. Kontakt-Personen befinden sich in einer Quarantäneunterbringung. Einzelne Menschen, wie Hochschwangere oder Pflegebedürftige werden an anderen Orten versorgt.

Vertrauter Bezugspunkt über die Sprache

Heiße Getränke, warmes Essen, ärztliche Versorgung, ein erstes Durchatmen. Das alles bekommen die Geflüchteten in den Notunterkünften. „Die Menschen haben Ansprache durch die Dolmetscher der sozialen Hilfsdienste, das ist sehr wichtig“, sagt Baier-Regnery, „hier merkt man eine unglaubliche Solidarität, die die Ankommenden erst einmal auffängt.“ Der Aufenthalt in der Sporthalle sei somit insgesamt „o.k.“ für ein erstes Ankommen. Jetzt gehe es aber darum, den Menschen schnell richtige Rückzugsmöglichkeiten zu bieten.

„Die Geflüchteten haben viel erlebt, sie sind bereits mehrere Tage unterwegs und waren schon in Auffanglagern in Rumänien und Polen.“ Daher läuft parallel die Vermittlung an Privathaushalte.

Eine Zuflucht, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen

Dankbar ist Baier-Regnery für die Solidarität, die er in allen Bereichen spürt. Auf 140 private Wohnungsangebote kann die Stadt derzeit zurückgreifen (Stand Dienstag). „Das sind 250 gute Schlafplätze – also Zimmer oder Einliegerwohnungen, manche bieten sie für ein paar Tage an, manche für ein paar Wochen, manche sogar etwas länger.“

Für die Gastfamilien sei natürlich auch Thema, dass geimpfte Menschen bei ihnen unterkommen. Bei den Corona-Schnelltests, die das BRK direkt durchführt, wenn die Busse in Kempten ankommen, wurden bereits coronapositive Menschen identifiziert. In diesem Fall folge ein PCR-Test, um niemanden zu infizieren. Für Ungeimpfte gebe es ein Impfangebot.

Vier Wohnungen im Sparkassen-Quartier

Die Stadt ist schon auf der Suche nach längerfristigen Wohnmöglichkeiten. Die einstigen Pläne für die Flüchtlingsdependancen in der Riederau und am Adelharzer Weg sind derzeit außer Kraft, weil der Freistaat prüft, ob er auf dem Gelände der Artillerie-Kaserne Unterbringungsmöglichkeiten für 380 Menschen schaffen kann. Aber die Kaserne bräuchte Zeit, bis sie ertüchtigt wäre, gerade die Mannschaftsgebäude. Die Wasserversorgung sei abgebrochen worden.

Die Vorbereitungen in einem ehemaligen Wohnheim der Lebenshilfe in der Mariaberger Straße laufen dagegen. Hier unterstützten die „Baugenossenschaft“, die „BSG-Allgäu – Bau- u. Siedlungsgenossenschaft“ und die „Sozialbau“ beim Umbau: Brandschutz, Trinkwasserversorgung, Einbau der Küchen, Grundreinigung und E-Check waren unter anderem zu erledigen. Dieses Wochenende können die Wohnungen bezogen werden.

Auch das Kloster Lenzfried wird ertüchtigt. Und kurzfristig habe sich herauskristallisiert sich, dass vier Wohnungen im Sparkassenquartier genutzt werden können. Die leerstehende Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Schwaben in der Mahler-Lochbihler-Straße könnte auch 140 Menschen Platz bieten. Daneben prüfe man noch weitere Perspektivlösungen. Für den Umbau startet die Stadt demnächst einen Aufruf an Handwerkerinnen und Handwerker, ob sie sich für einzelne Liegenschaften engagieren möchten. „Über das normal übliche Verfahren bräuchten wir hier viel zu lange“, erklärt der Referent.

Überall ist Bewegung: Die Helferkreise formieren sich mithilfe der Diakonie. Ein Angebot für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge soll entstehen. Suchdienste gilt es zu etablieren, damit Eltern und Kinder sich finden. Die Asyl- und Migrationsberatung zeigt u.a. die Laufwege auf (asylinkempten.de). Das Amt für Integration organisiert die monetäre Überbrückungshilfe nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Und eine psychosoziale Beratung gibt es ehrenamtlich.

Hohe Taktung in den Ämtern

Der Katastrophenfall ermögliche eine straffe Organisation der Abläufe über die „Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK)“. Das Amt für Integration habe ebenfalls ein starkes Netzwerk. „Die Grundstruktur in den Ämtern war schon vorhanden, diese haben wir nun personell aufgestockt und können viel schlagkräftiger reagieren als 2015“, erklärt Baier-Regnery. Auch die Erfahrung der Mitarbeiter führe dazu, dass die Abläufe schneller zu organisieren sind als damals.

Theoretisch könnte Kempten nun noch weitere Flüchtenden aufnehmen, weil bereits einige aus den Notunterkünften weitervermittelt wurden. „Wir wissen aber nicht, wann wieder mit einer Ankunft zu rechnen ist. Das kann ja sehr kurzfristig sein“, so Baier-Regnery.

Die Menschen, die bereits in Kempten angekommen sind, haben dagegen andere Sorgen. Sie brauchen eine Perspektive und fragen: „Wann beginnt der Deutschkurs? Wann beginnt die Schule? Wann kann mein Kind in die KiTa?“„Ich würde ihnen gerne mehr Antworten geben“, sagt der Referent. Das alles sei in Vorbereitung.

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