Opferschutz bei häuslicher Gewalt

In Kempten wird eine neue »Fachberatungsstelle für Täter« aufgebaut

Katharina Simon, Andrea Springborn und Roswitha
 Ziegerer
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Katharina Simon, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten (Mitte) begrüßte Andrea Springborn, Caritas-Verband Kempten-Oberallgäu e.V. (r.) als neues Mitglied in der Arbeitsgruppe „Runder Tisch gegen häusliche Gewalt Kempten“ und verabschiedete Roswitha Ziegerer, Frauenhaus Kempten (l.) in den Ruhestand.

Kempten – Frauen und Kinder sind weltweit Gewalt und insbesondere häuslicher Gewalt ausgesetzt. Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche ergab, das Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten betroffen sind. Es ist kein Problem sozialer Brennpunkte. Die Betroffenen wünschen sich Unterstützung bei einer Fachberatungsstelle, einem Notruf oder im Frauenhaus. Oftmals streben sie keine endgültige Trennung vom gewalttätigen Partner an, auch im Interesse gemeinsamer Kinder, sondern das Ende der Gewalt und ein gemeinsames, gewaltfreies Leben. Gezielte Maßnahmen und Strategien sollen helfen, die Gewalt zwischen Mann und Frau abzubauen. Zum Schutz der Opfer ist deshalb auch bei den Täterinnen und Tätern anzusetzen. Seit Anfang September diesen Jahres werde nun in Kempten eine Fachberatungsstelle für Täter aufgebaut. „Täterarbeit ist auch Opferschutz“, so Katharina Simon, Leiterin der Gleichstellungsstelle.

Zum ersten Mal in diesem Jahr tagte Anfang dieser Woche im großen Sitzungssaal im Rathaus der „Runde Tisch gegen häusliche Gewalt Kempten“. Seit vielen Jahren setzt sich die Arbeitsgruppe für ein regionales Beratungsangebot für Täter ein. So sorgte auch gleich der erste Tagesordnungspunkt für großes Interesse bei den Anwesenden. Der Aufbau einer Fachberatungsstelle für Täter in Kempten. „Es ist ein großer Meilenstein“ begrüßte Simon den Neustart der Beratungseinrichtung. Durch ein Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt, die sogenannte Istanbuler Konvention, stelle die Landesregierung finanzielle Mittel für den Aufbau einer Fachstelle in jedem Bezirk zur Verfügung, erklärte Simon. Die Stelle für den Bezirk Schwaben teile sich Kempten und Augsburg. Andrea Springborn vom Caritasverband Kempten-Oberallgäu e.V. soll die Fachstelle in Kempten aufbauen. „Ein niedrigschwelliges, kostenfreies Angebot, dass für alle Betroffenen zugänglich ist“, so Simon.

„Das Ziel der Täterarbeit ist, das Gewaltverhalten bei den Tätern zu stoppen und eine Verhaltensänderung herbeizuführen“, erklärte Springborn bei der Vorstellung des Programms. „Ein gewaltfreies Leben für Täter und Opfer.“ Die Selbstwahrnehmung und eine Verantwortungsübernahme seien ein wirkungsvoller Opferschutz. „Es geht nicht um Schuld“, ­betonte Springborn. „Die Tat wird verurteilt, nicht der Mensch.“ Die Täter müssten deutlich und zeitnah mit den Konsequenzen konfrontiert werden. Zudem könne die Täterarbeit nicht isoliert gesehen werden, erklärte Simon. Es sei nur gemeinsam mit den beteiligten Mitgliedern aus Polizei, Justiz, Fachstellen und den Frauenunterstützungseinrichtungen möglich.

Im Mittelpunkt der anschließenden Wortbeiträge stand die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern. „Ein enger Austausch zwischen Polizei und Justiz ist notwendig“, betonte Hauptkommissarin Dagmar Bethke. Ein Problem dabei sei, dass der Täter sich freiwillig dazu bereit erklären müsse, an dem Programm teilzunehmen, erwiderte eine anwesende Familienrichterin. „Er muss schriftlich mit einer Gewaltsverzichtserklärung bestätigen, dass er keine Gewalt mehr ausüben wird.“ Roswitha Ziegerer vom Frauenhaus Kempten setzt hohe Erwartungen in die neue „Fachberatungsstelle für Täter“. Es sei intensive Arbeit notwendig, dass sich der Täter mit seiner Gewaltbereitschaft auseinander ­setze.

„Wenn Frauen sich trennen, ändert sich der Täter nicht automatisch“, betonte Ziegerer. Da oftmals Kinder betroffen seien, wäre zudem das Umgangsrecht noch interessant. „Ich bin sehr gespannt.“ Eine Vertreterin des Kinderschutzbundes bestätigte die Aussage zu dem Umgangsrecht als wichtigen Baustein und ergänzte: „Wie kommt man an die Männer ran?“ Es sei schwierig, wenn die Täter sagen, ich habe nichts gemacht. In dem Täter-Programm werde ein Jahr lang in Einzel- und Gruppengesprächen mit den Männern gearbeitet, beschrieb Springborn den Ablauf. Zudem werde mit dem Täter innerhalb von 72 Stunden nach dem Kriseninterventionsmodell Kontakt aufgenommen. Die erste Gruppe mit fünf bis zehn Männern starte in Kempten. „Ein nahes, örtliches Angebot ist nicht entscheidend“, so Kriminalhauptkommissarin Bethke. „Die Männer fahren auch weiter. Wichtig sind Anonymität und ein unkomplizierter Zugang.“ „Es ist eine sehr spannende Zeit, eine neue Beratungsstelle aufzubauen“, befand Simon.

Ein weiteres wichtiges Thema der Veranstaltung war die Entwicklung der Fallzahlen zu häuslicher Gewalt seit dem coronabedingten Lockdown. „Das Thema stand und steht sehr im Fokus“, erklärte Simon. Es gebe zahlreiche präventive Maßnahmen, wie etwa eine bayernweite Aktion mit Hinweisen auf Milchpackungen, vielfältige Plakate, Aushänge und Aufkleber „Zuhause nicht sicher“, „Hilfe bei Gewalt gegen Frauen“, um auf Kontaktmöglichkeiten zu den Beratungsstellen aufmerksam zu machen. Die Gleichstellungsbeauftragte vermutete eine sehr hohe Dunkelziffer. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen zeigten ein ähnliches Bild. Es sei keine Veränderung zum Vorjahr feststellbar. „Die Hilfe wird aufrecht erhalten und modifiziert“, erklärte eine Vertreterin des Jugendamtes Kempten. Daneben sei man in der Jugendhilfe und der Kinderbetreuung gut aufgestellt. Doch der Index der Belastbarkeit werde steigen.

Kontaktbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen seien für viele Familien eine große Herausforderung. Man spüre den Druck und die Existenzängste, mit denen die Menschen seit dem Lockdown zu kämpfen haben, ergänzte Alice Rettensberger, Sozialpsychiatrischer Dienst der Diakonie Kempten. „Es ist wichtig, dass Kinder in die Kita gebracht werden können, wenn die Situation zu Hause schwierig ist“, betonte sie. Zudem gehe es vielen Menschen in diesen besonderen Zeiten besonders schlecht, sie würden depressiv. In ihrer Einrichtung gebe es bedeutend mehr Krisenfälle vor Ort, mehr Neuaufnahmen und mehr Suizidalität, beschrieb die Sozialpädagogin die aktuelle Situation. „Die Menschen haben mehr Zeit zum Nachdenken“, so Petra von Sigriz vom Frauennotruf. „Sie holen sich Hilfe“. Auch Kindergärten und Schulen wünschen Präventionsangebote, berichtete von Sigriz. Ein Hauptthema der Frauen sei zudem sexuelle Gewalt mit steigenden Fallzahlen. „Ich sehe dem kommenden Winter mit Sorge entgegen“, bemerkte Ziegerer. Von bundesweit deutlich gestiegenen Online- und Telefonanfragen berichtete Simon. „Auch beim Weißen Ring ist seit September eine deutliche Zunahme zu erkennen“, ergänzte Irmgard Leicht. „Es ist ein dingliches Anliegen, in Kontakt zu bleiben, um aktiv werden zu können“, resümierte die Gleichstellungsbeauftragte.

Am Ende der Veranstaltung gab es einen Blumenstrauß und ein herzliches Dankeschön für Roswitha Ziegerer vom Frauenhaus Kempten, die nach 37 Jahren engagierter Arbeit gegen viele Widerstände, in den laut Simon „wohlverdienten Ruhestand“ verabschiedet wurde.

Christine Reder

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