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In Wildpoldsried kommt der Strom aus der Luft

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Von: Lutz Bäucker

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Erkennungszeichen fürs Allgäu: Die bis zu 200 Meter hohen Windräder zwischen Kraftisried und Wildpoldsried prägen seit 20 Jahren die Landschaft.
Erkennungszeichen fürs Allgäu: Die bis zu 200 Meter hohen Windräder zwischen Kraftisried und Wildpoldsried prägen seit 20 Jahren die Landschaft. © Bäucker

Wildpoldsried – Ja, natürlich hört man sie, diese Windräder.

Ein hintergründiges Rauschen weht herüber vom Haarberg, von der Waldkante hoch über der Gemeinde. Bis zu 200 Meter hoch ragen die elf riesigen Rotoren in den schwäbischen Himmel. Die Windräder von Wildpoldsried sowie den Nachbarorten Kraftisried und Unterthingau sind zu einem unübersehbaren Erkennungsmerkmal des Allgäus geworden, man sieht sie von der A7 und der B 12 ebenso wie vom Gipfel des Grünten. Der überwiegenden Mehrheit der rund 2.600 Bürger gefällt das offensichtlich sehr gut. Seit 22 Jahren produziert das Dorf Windstrom und ist inzwischen zu einem Pilgerort für Energiefachleute aus aller Welt geworden.

Bauer Helmut Reiter stellt seine Schubkarre in den Schnee und zeigt in Richtung Waldrand. „Schau‘n Sie, da hinten stehen sie, die sind 800 Meter von meiner Terrasse weg“, sagt er, „die stören mich nicht.“

Er wohnt schon seit seiner Geburt hier, zwischen den Weilern Hutoi und Eufnach, zu Füßen des Wildpoldsrieder Windparks. „Windenergie ist angesagt, wir brauchen sie, keine Kohle, kein Atom mehr, was sollen wir machen?“, fragt Reiter. Er gehört zu den etwa 300 Einwohnern des Dorfes, die sich als Kommanditisten finanziell an den Windrädern beteiligen.

Wendelin Einsiedler, der Nachbar von Reiter, führt die Geschäfte des Windparks. Der Landwirt gilt als der Windpionier im Allgäu, bereits im Jahr 1995 hat er in Wiggensbach ein Windrad gebaut. Inzwischen betreibt er 18 Windparkanlagen in Bayern. „Dass Wind derart viel Energie und Kraft in sich hat, das hat mich schon früh fasziniert“, erzählt Einsiedler. 

„Als in den Neunzigerjahren das Thema Klimawandel aufgekommen ist, hat’s kaum jemand ernst genommen. Ich habe da drüben eben ein Windrad gebaut“ sagt Einsiedler mit einem Lachen. Und bald hat er hinter seinem Hof in Eufnach gemessen, wie stark dort der Wind pfeift: „6,5 Meter pro Sekunde, das ist ordentlich, das reicht.“ Im April 2000 errichtete er „Am wilden Berg“ über Hutoi die beiden ersten Räder, exakt 99,50 Meter hoch, mit je 1.000 Kilowattstunden Leistung.

Neue »Ölscheichs« aus dem Allgäu?

Heute erzeugen elf gigantische Windmühlen 15 Millionen KW-Stunden pro Jahr, genug Strom, um viertausend Haushalte zu versorgen. Und genug, um überschüssige Energie in die Schweiz und nach Würzburg zu verkaufen. „Bei den aktuellen Preisen für Strom könnten wir in Wildpoldsried vielleicht mal die ‚Ölscheichs‘ aus dem Allgäu werden“, sagt Einsiedler grinsend.

Die Dorfbewohner sehen den Hype um ihre Windräder gelassen. „Wir finden die saubere Energie gut“, sagen ein paar junge Leute, die auf dem Sträßchen zwischen Eufnach und Hutoi spazieren gehen. 

Lärmbelästigung? „Kein Thema, wenn die Räder 800 bis 1000 Meter vom Haus weg stehen“, sagt Bauer Reiter, „so viel Abstand sollte aber schon sein.“ Schattenwurf durch die Riesenrotoren? „In dieser Entfernung kein Problem“, meint er, „nur zweimal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, frühmorgens, ein paar Tage lang.“ Tote Vögel – zerhäckselt durch die scharfkantigen Rotorblätter? „Wir haben mehr Rotmilane hier als jemals zuvor“, behauptet Wendelin Einsiedler. „Bei Bedarf können wir den Umgebung mit Kameras überwachen und die Räder abstellen.“ Und Nachbar Reiter ergänzt: „Die Tiere sind cleverer, als wir Menschen annehmen, die stellen sich auf die neuen Verhältnisse ein.“ Und was ist mit der vielzitierten „Verspargelung der Landschaft“? Einsiedler nickt: „Wenn wir die Dinger auf jeden Hügel und auf jede Wiese stellen würden, wäre das nicht nur ein ästhetisches Problem. Aber Windräder machen nur an geeigneten Standorten Sinn.“ Natürlich haben Naturschützer immer ein kritisches Auge auf das, was da auf dem Haarberg passiert, das wissen Einsiedler und seine Kunden.

Jetzt will jeder dabei sein

In Wildpoldsried haben offenbar die meisten Menschen die Stromproduktion mittels Wind akzeptiert. „Ja, wir haben die Bürger immer mitgenommen und alles transparent kommuniziert“, stellt Susi Zengerle fest, die im Rathaus alle Belange des „Windstützpunktes Wildpoldsried“ koordiniert. „Jetzt will jeder dabei sein, das Interesse ist riesengroß“, freut sich Einsiedler. „Jetzt sollten nur die Rahmenbedingungen für den Bau neuer Anlagen entsprechend verändert werden.“

Gespannt verfolgt er das politische Tauziehen zwischen dem neuen Klimaminister Robert Habeck und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. „Wind kostet nix, er hat enormes Potential und mit Windenergie kann uns kein Putin erpressen“, sagt Einsiedler. „Früher musste ich die Menschen davon überzeugen, heute kommen sie von sich aus.“ 

Immer mehr Besucher schauen sich die Räder genauer an, es gibt eine Sechs-Kilometer-Erkundungstour zu den Windriesen, inklusive Info-Pavillon mitten im Wald. Außerdem kann man im Dorf Führungen zum Thema Windenergie buchen.

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