Offene Fragen geklärt

Ängste abbauen

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Caroline Wirth und Dr. Armin Ruf vom Caritasverband Kempten-Oberallgäu, sowie Günther Zeller (Leiter des Sozialamtes beim Landratsamt) und Robert Immle (Sachgebietsleiter Soziale Leistungen beim Landratsamt) erweisen sich als kompetente und verständnisvolle Ansprechpartner für die Fragen und Sorgen der Bürger. In der Mitte: Dietmannsrieds Bürgermeister Werner Endres.

Dietmannsried – Im gesamten Landkreis Oberallgäu leben derzeit rund 200 Flüchtlinge in zehn Gemeinden. Prognosen zufolge werden im Lauf des Jahres 200 weitere hinzukommen. Deren Unterbringung ist in erster Linie Aufgabe des Landkreises und der kreisfreien Städte.

Auch in Dietmannsried sollen in Kürze zirka 20 Asylbewerber ein neues Zuhause finden. Als Unterkunft ist ein Dreifamilienhaus in einem Wohngebiet vorgesehen. Eine Tatsache, die in den Augen einiger Nachbarn zu spät publik gemacht wurde, was zu Verunsicherung und mitunter Widerstand geführt hatte. Bei einem öffentlichen Informationsabend konnte die Bevölkerung nun etwaige Sorgen und Bedenken äußern und offene Fragen klären.

In Teilen des Dorfes war die Stimmung in den letzten Tagen hochgekocht. In einem anonymen Brief an den Kreisboten, der mit „Viele Grüße von mehreren Anwohnern“ unterzeichnet ist, heißt es, einige Nachbarn hätte den Hauseigentümer in einer Petition gebeten, „von der Beherbergung von Asylanten Abstand zu nehmen, da das Gebäude in einem reinen Wohngebiet liegt.“ Und weiter: „Wieviel bekommen die Vermieter pro Kopf und Tag? (…) Sind wir künftig privaten Anlegern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? Sind Gettos dann bald auch auf dem Dorf Realität?“

Der gut besuchte gemeinsame Informationsabend der Gemeinde, des Landratsamtes und des Caritasverbandes Kempten-Oberallgäu in der Dietmannsrieder Festhalle dien-te dazu, das von mehreren Seiten beklagte Informationsdefizit auszugleichen. Man wolle die Fragen und Sorgen der Anwohner ernst nehmen und versuchen, Befürchtungen und Ängste abzubauen, so Dr. Armin Ruf vom Caritasverband. Günther Zeller, der Leiter des Sozialamtes beim Landratsamt Oberallgäu, versicherte, in dem Haus mit seinen 280 Quadratmetern Nutzfläche sollen schwerpunktmäßig drei Familien mit Kindern untergebracht werden. Die erste Familie werde voraussichtlich noch vor Pfingsten einziehen. Fragen zu den Herkunftsländern der Menschen sowie zu Anzahl und Alter der Kinder könne er nicht beantworten, „da die Zuteilung sehr kurzfristig erfolgt“. Um Spannungen vorzubeugen, werde man aber auf eine „verträgliche Zusammensetzung“ achten. Die für unsere Verhältnisse beengte Wohnsituation sei durch den Gesetzgeber vorgegeben, aber „wer vier Jahre auf der Flucht war, freut sich schon über ein eigenes Bett, da muss es gar kein eigenes Zimmer sein“, so Ruf.

Vom Staat finanziert

Die Grundausstattung des Hauses erfolgt durch das Landratsamt. Sachspenden von Seiten der Bevölkerung werden konkret auf die tatsächlichen Bedürfnisse abgestimmt, „sonst hat man schnell einen ganzen Wertstoffhof vor der Tür“. Kursierende Gerüchte über einen horrenden Mietpreis entkräftete Zeller mit Nachdruck: Es gelte die ortsübliche Miete „plus ein kleiner Aufschlag, weil das Gebäude schließlich intensiver genutzt wird“. Die Miete samt Nebenkosten wird vom Staat finanziert, ebenso wie Bekleidungsgutscheine sowie ein Barbetrag von rund 280 Euro pro Monat. „Mit dem müssen sie ihr Leben bestreiten“. Keiner der Flüchtlinge freue sich, nichts zu tun, betonte Zeller, „zumal sie in der Regel über eine gewissen Bildungsstand verfügen“, jedoch gelte ein neunmonatiges Beschäftigungsverbot. Belastend sei zudem die Tatsache, dass die Menschen durchschnittlich 8,8 Monate auf die Entscheidung über Ablehnung oder Bewilligung ihres Asylantrags warten müssen. Dennoch seien die neuen Mitbürger erfahrungsgemäß stark daran interessiert, sich in ihrem Unterkunftsland zu integrieren und die Sprache zu erlernen, so Zeller.

Was einige Bürger umtrieb, war die Angst vor nachbarschaftlichen Problemen durch eventuelle Lärmbelästigung. „Dass es mal laut wird, kann unter Deutschen genauso passieren. Das Einfachste ist, die Menschen direkt darauf anzusprechen“, so Rufs Empfehlung. Die teils stark traumatisierten Flüchtlinge hätten ohnehin zumeist keinerlei Interesse, „nächtelang Party zu machen. Vielmehr wollen sie nicht auffallen.“ Sollte es doch einmal Klagen geben, werde es konkrete Ansprechpartner seitens der Gemeinde und unter den ehrenamtlichen Helfern geben.

„Es wird sicherlich nicht ganz ohne Holpern gehen“, räumte Robert Immle, der Sachgebietsleiter Soziale Leistungen beim Landratsamt ein. Die Erfahrung aus den letzten zwei Jahren habe aber gezeigt, dass die dezentrale Unterbringung in den Gemeinden die humanste und sozial verträglichste sei. Die Integration der Menschen sei immer schnell gelungen und die allermeisten Sorgen hätten sich von selbst in Luft aufgelöst. Der enge Kontakt mit fremden Kulturen könne vielmehr eine große Bereicherung für beide Seiten darstellen.

Petra Lechner aus Reicholzried brach schließlich unter großem Applaus eine Lanze für die neuen Mitbürger: Ihr tue es fast weh, wie abwehrend manche Mitbürger dem Ganzen gegenüberstünden. „Der Lärm wird nicht mehr sein, als von anderen Nachbarskindern auch. (...) Ich möchte doch mal alle drum bitten, ein bissle menschlich und christlich zu sein und daran zu denken, dass die Leute auch viel lieber daheim wären, wo sie aber nicht sein können.“

Gemeinderatsmitglied und Arbeitsrichter Dr. Thomas Dill (FW) ergänzte, „die unsägliche Petition tut mir im Herzen weh.“ Er habe in Beruf und Ehrenamt viel mit Asylsuchenden mit oftmals erschütternden Biografien zu tun. „Wenn sie einmal die Lebensgeschichte dieser Frauen aus Afrika oder Ex-Jugoslawien lesen würden, würde ihnen todschlecht werden. Es ist unbedingt notwendig, dass wir im Rahmen unserer ordentlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten hier den Leuten helfen, sie aufnehmen und zwar bitteschön mit offenen Armen.“ Am Ende der Veranstaltung zeigten um die 20 Bürger Interesse, sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge zu engagieren.

Das erste Treffen der Ehrenamtlichen findet am 4. Juni um 19.30 Uhr im Katholischen Pfarrsaal in Dietmannsried statt. Interessenten sind herzlich willkommen.

Sabine Stodal

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