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Die Bund Naturschutz-Kreisgruppe Kempten/Oberallgäu liefert Antworten zum Insektensterben im Allgäu

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Die neu gewählte Vorstandschaft (v.l.): Doris Ebenhoch (Beisitzerin), Manuela Kerschnitzki (Schatzmeisterin), Hans Reininger (Beisitzer), Sabine Zulauf (Ersatzdelegierte), Julia Wehnert (Geschäftsführerin), Alfred Karle-Fendt (Beisitzer), Johann Sontheim (Delegierter), Martin Simon (Schriftführer), Barbara Schäffeler (Beisitzerin), Ralf Wiedemann (stellv. Vorsitzender), Carolin Köpping (stellv. Vorsitzende), Thomas Schneid (Delegierter), Andreas Leising (Ersatzdelegierter). © Baum

Landkreis – „Ja“, waren sich die beiden Insektenkundler Alfred Karle-Fendt und Martin Muth hinsichtlich eines Insektenrückgangs im Allgäuer Grünland bei der Jahreshauptversammlung der Bund Naturschutz-Kreisgruppe Kempten/ Oberallgäu am vergangenen Mittwochabend im Kempodium einig.

Doch ganz so einfach und klar lasse sich die Frage nicht beantworten, relativierten die beiden Experten ihre Antwort im Vortrag und erklärten, dass es zwischen der Biomasse und der Artenvielfalt zu differenzieren gelte. Weiter seien die Ergebnisse vom Ort der Messung abhängig – so gebe es beispielsweise bezüglich der Insektenentwicklung in der unberührten alpinen Urlandschaft und den Dorf- und Stadtlandschaften große Unterschiede. Erschwerend komme hinzu, dass in den letzten Jahrzehnten in diesem Bereich viel zu wenig Forschung betrieben wurde und somit kaum Vergleichsdaten vorlägen. 

Der Biologe Martin Muth hatte den Schwerpunkt seiner zwischen April und September 2018 im Unterallgäu durchgeführten Forschung auf das Wirtschaftsgrünland gelegt und verglich die Entwicklung von Biomasse und Artenvielfalt auf intensiv – also stark gedüngten und bis zu sechs Mal im Jahr gemähten – sowie extensiv bewirtschafteten Fettwiesen. Das Ergebnis: Auf einer Vielschnittwiese sind nahezu ausschließlich Kleininsekten wie Blattläuse, Kugelspringer und Fliegen vorzufinden. Diese haben Überlebensstrategien, wie zum Beispiel eine hohe Vermehrungsrate oder eine Entwicklung im Boden, die sie vor der starken Einflussnahme durch den Menschen schützt. Größere Insekten über fünf bis zehn Millimeter sind unter diesen Bedingungen hingegen nicht überlebensfähig. „Doch auch die extensiv genutzten Wiesen scheinen mir deutlich verarmt zu sein, wenn ich mir zum Beispiel die Anzahl der gefundenen Heuschrecken, Gartenlaubkäfer sowie Tag- und Nachtfalter ansehe“, erklärte Muth, der einen extremen Rückgang von Biomasse und Artenvielfalt in den vergangenen 30 Jahren vermutet. 

In konkreten Zahlen lasse sich dies aufgrund der fehlenden Forschung jedoch nicht belegen. Insektenkundler Alfred Karle-Fendt bestätigte diese Tendenzen durch seine Erhebungen im Oberallgäu. „In hochwertigen Lebensräumen ist die Insektenbiomasse um den Faktor 20 bis 100 höher“, so das Fazit des Experten zum Verhältnis von Intensivgrünland zu Streuwiese im Untersuchungsgebiet. „Es ist schwierig zu messen, da ein einzelner großer Käfer so viel Biomasse wie viele kleine Insekten haben kann“, erklärte Karle-Fendt, der im Laufe seiner Präsentation einerseits seine Freude darüber ausdrückte, dass der Problematik durch das erfolgreiche Volksbegehren nun Beachtung geschenkt würde, sich andererseits jedoch verwundert zeigte, warum der Insektenrückgang nicht schon vor einigen Jahrzehnten thematisiert wurde, da das Problem an sich kein neues sei. Als eine kurzfristige Gegenmaßnahme nannte er die Mahd von Böschungen im September anstatt im Mai. Doch auch jeder Gartenbesitzer könne durch das Bereitstellen nährstoffarmer Lebensräume zur Artenvielfalt beitragen, so der Insektenkundler. 

Die Geschäftsführerin der Bund Naturschutz-Kreisgruppe, Julia Wehnert, stellte nach dem Vortrag die berechtigten Forderungen der Landwirte heraus, dass auch die Städte ihren Beitrag leisten müssten und versprach eine positive sowie kritische Begleitung der geplanten städtischen Maßnahmen zur Biodiversitätsförderung in Kempten. Im Anschluss blickte die Geschäftsführerin auf das vergangene Jahr zurück und hob dabei die Rettung des Riedberger Horns hervor. Die Rückgabe der Alpenschutzzone C sei Teil des Koalitionsvertrages von CSU und Freien Wählern, so Wehnert. Sie brachte außerdem die zahlreichen, über das ganze Jahr verteilten, Verfahren und Stellungnahmen seitens der Regionalgruppe zur Sprache und nannte den Amphibienschutz als wiederkehrende Aufgabe im Frühling. „Jedes Jahr erbringen rund 100 Helferinnen und Helfer 1500 ehrenamtliche Stunden, um etwa 20.000 Amphibien zu retten.“ Erwähnung fand auch das Naturerlebniszentrum Allgäu mit rund 900 Veranstaltungen im Jahr, darunter Fortbildungen, Ferienprogramme und Aktionstage. Nachdem eine neue Vorstandschaft gewählt worden war, gab die Geschäftsführerin noch einen Ausblick auf das kommende Jahr. Für 2019 seien unter anderem eine Biberkartierung und das Projekt „Ausgleichsflächen“ als Gegengewicht zu geschaffenen Beeinträchtigungen auf Natur und Landschaft geplant.

Dominik Baum

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