Intellektuelle Herausforderung

„Mit der Erzählung geh ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt. Tiefer als von jeder andren Regung, tiefer als selbst von meiner Angst, bin ich durchtränkt, geätzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns irdischen. Gescheitert das Wagnis, ihrer Eiseskälte unsre kleine Wärme entgegenzusetzen.“ Ohnmacht, Scheitern, Zweifel, prägen den inneren Monolog Kassandras, Tochter des Trojanerkönigs Priamos und Seherin, deren Prophezeiungen niemand Glauben schenken wollte.

Feinfühlig, gedankenverloren, mit nach innen gekehrtem Blick, rezitierte die renommierte Schauspielerin Sibylle Canonica den inneren Monolog der um ihre Autonomie ringenden „Kassandra“ aus dem gleichnamigen Buch von Christa Wolf. In „Canonicas Stimme“ schwangen Ohnmacht, Verstörung und auch Scheitern der trojanischen Königstochter, die sich angesichts der sie umgebenden Ignoranz einer Gesellschaft patriarchaler Gewalt dem Wahnsinn nähert. Sie blickt zurück, analysiert, versucht zu ordnen, zu verstehen – ihre eigene Existenz, den Untergang ihres Volkes, den sie sah und doch nicht verhindern konnte. Ernüchtert erkennt sie das menschenverachtende System, dem das Phantom Helena als Grund zum Morden genügt. „Ein Krieg um ein Phantom geführt, kann nur verloren gehen“, fleht sie ihren Vater, den König Priamos an zu bedenken und lieber zu verhandeln als Krieg zu führen. „Es geht doch um die Ehre unseres Hauses“ bekommt sie entrüstet zu hören. Keine Unterwerfung Allein steht sie da, gescheitert an falschen Göttern, der Verblendung, der Autorität, der Lüge und der Lust am Töten. „Lust und Morden zugleich, wenn es das gibt, ist alles möglich“, sinniert sie, sich an Achills Blick erinnernd, als dieser ihren Bruder Paris tötete. Sie ist eine Außenseiterin in einer Männergesellschaft, der sie sich zu unterwerfen bis zuletzt verweigert. Gelegentlich etwas zu monoton wirkten die ausgesprochenen Gedanken Kassandras im ersten Teil der Lesung – vordergründig. Denn unleugbar gab das Stilmittel der schwach akzentuierten Monotonie, dem ohnehin sehr anspruchsvollen Text, eine tief berührende, fast schon intime Intensität. Lebendiger und stärker nuanciert, gestaltete Canonica die auch inhaltlich aufwühlenderen Erinnerungen an den Trojanischen Krieg. Weniger eine Unterbrechung als vielmehr eine maßgeblich nonverbale Vermittlung des Textes bildeten die musikalischen Intermezzi von Susanne Eyhorn unter anderem mit Querflöte und Frank Steckeler mit Klarinette und Saxophon. Sie gaben den wirren und doch so klaren Gedanken Kassandras, der Trauer des Krieges, seiner Trostlosigkeit wie auch der Kampfeslust eine packende Emotionalität. Madlener mit im Boot Die Auftaktveranstaltung zum heuer abgespeckten APC-Sommer, die eine intellektuelle Auseinandersetzung geradezu zwingend einforderte, war räumlich „fremd“ gegangen. So waren die rund 100 Zuhörer im Hofgartensaal der Kemptener Residenz während der Lesung umgeben von Bildern aus dem Zyklus „Kassandra“ des Malers Jörg Madlener, der dazu von Christa Wolfs Buch inspiriert worden war.

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