"Mensch! Du brauchst Kultur!"

Interview mit der ehemaligen Technischen Leiterin der Allgäuer Festwoche Marianne Lechner

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Für ein Musikfestival mit ca. 100 Bands werden mehr als 2000 Personen gebraucht.

Kempten – Die Bühnenbauarchitektin Marianne Lechner kennt sich aus in der Konzertund Eventveranstaltung.

Sie hat lange Jahre die Allgäuer Festwoche technisch geleitet und spricht darüber, welche Bedeutung die Corona-Pandemie für die Veranstaltungsbranche hat. 

Kreisbote: Frau Lechner, was bedeutet es Menschen, Kultur unmittelbar und gemeinsam zu erleben ?
Marianne Lechner: Die Freude am Live-Event ist ein historisch gewachsenes Kulturgut. Begegnungen mit Tanz, Musik und Schauspiel gibt es schon mindestens seit dem Shakespeare Theater des Mittelalters. Ich denke, das hat sich deshalb entwickelt, weil es ein Bedürfnis der Menschen ist, sich auszutauschen, Interaktion zu erleben. Freude, Tanz, Lachen, aber auch tiefe Emotionen sind ein fünfdimensionales Erlebnis für alle Sinne, das Menschen tief berührt. Aus einem Konzert geht man erfüllt und inspiriert. Nichts, keine Konserve, kann das ersetzen, was das Live-Erlebnis für den Einzelnen bedeutet. 

Kreisbote: Was war Ihre Motivation, sich in jungen Jahren für den Bereich Veranstaltungsarchitektur/-branche zu entscheiden?

Lechner

: Nach meinem Studium der Architektur war dies der Liebe geschuldet. Mein damaliger Ehemann war Musiker und es entwickelte sich in unseren ersten Jahren ein Konzertbüro, legendär war damals das Heising Open Air mit den Toten Hosen als Vorband. Selbstverständlich half ich in meiner Freizeit bei den diversen Konzerten von Nicki, EAV, Status Quo, später Hubert von Goisern, etc. mit. Es wurde eine Bühnenbaufirma wegen Eigenbedarf gegründet. Diese wiederum benötigte eine Konstruktionsabteilung und schließlich eine technische Leitung. So lag es nahe, dass ich meine technischen Talente und Knowhow in diesen Bereich einbrachte. Mit einem der ersten CAD Programme erstellte ich Pläne, Materiallisten und dreidimensionale Aufbauanleitungen für OpenAir Bühnen, aber auch riesige Skirampen, Fernsehstudios, und Spezialkonstruktionen für Industrie-Events. Wir arbeiteten auf Basis eines klassischen Gerüstherstellers. Und so entwickelte ich Hunderte von Sonderteilen, eben alles, was es im Standard-Gerüstbau nicht gab.

Kreisbote: Wie haben Sie vom Shutdown in Deutschland erfahren. Sie befanden sich Ende März im Urlaub auf Sri Lanka. Welche Eindrücke hatten Sie von einem Allgäu im Lockdown-Modus?
Lechner: Ich war ab Ende Februar für einen 14-tägigen Kuraufenthalt in Sri Lanka, um mich für den kommenden Sommer zu stärken. Meine Tochter gab mir noch eine Maske für den Rückflug mit, für mich völlig unverständlich. Nach der ersten Woche erhielt ich von Zuhause die Nachricht, dass meine andere Tochter in häuslicher Quarantäne sei, da sie mit ihren Master Kollegen auf einer Hütte in Tirol gewesen war. Meine Familie legte mir nahe, doch möglichst lange zu bleiben, da in Deutschland alles geschlossen würde. Ich blieb dann insgesamt vier Wochen und kam mit dem vorletzten Flieger aus Sri Lanka zurück. Schon die Ankunft in München auf dem Flughafen war sehr unheimlich. Alles war dunkel, da war niemand und trotzdem brauchten wir 2,5 Stunden bis wir aus dem Flughafen waren. Draußen fand ich ein völlig verändertes Deutschland vor. Da ich aus einem „sicheren“ Land kam, Sri Lanka hatte zu diesem Zeitpunkt keine landesinternen Corona-Fälle, „durfte“ ich am nächsten Tag in die Stadt für ein paar Einkäufe. Aber es war alles zu, kein Wochenmarkt, in der ganzen Stadt keine Menschen. Es war gespenstisch.
Kreisbote: Bis zum 31. Oktober gilt ein Verbot von Großveranstaltungen. Was bedeutet das für die Branche? Lechner: Das ist eine wirklich große Katastrophe. Es sind so viele Menschen betroffen. Die Veranstaltungsbranche hat einen jährlichen Gesamtumsatz von 129 Milliarden Euro, sie ist damit die sechststärkste Branche Deutschlands. Damit liegt sie zwei Plätze vor dem Bauhauptgewerbe, von dem man doch intuitiv glaubt, dass es viel größer sei. Es sind darin ganz viele Einzelschicksale betroffen. Sehr viele sind Soloselbständige, aber auch sehr viele 450 Euro Kräfte. Beide bekommen keine, oder sehr wenig an staatlichen Hilfen. Die finanziellen Ressourcen sind bei den Einzelnen verbraucht. Diese Menschen geraten in finanzielle Nöte, möglicherweise sind sie im Hauptberuf in Kurzarbeit und dazu fällt der Zuverdienst aus. Dramatisch ist es aber auch für die privaten Theater. Auch hier sind die Reserven aufgebraucht, Einkünfte gibt es keine, die Finanzierungen laufen aber weiter. Sie haben aber noch gar keine Perspektive, betriebswirtschaftlich sinnvoll wieder zu öffnen. 

Kreisbote: Was passiert mit den vielen Beschäftigten der Branche, darunter viele Soloselbstständige?
Lechner: Eine Vielzahl wird abwandern in verlässlichere Branchen. Die werden aber auch nicht wieder zurückkehren. Ich möchte an dieser Stelle ein paar Zahlen nennen. Beispiel: Ein Kollege wäre mit einer Ein-Mann Solo Tournee unterwegs. Hinter dieser Produktion verbirgt sich ein Aufwand von 41 Personen Personal, davon 75 Prozent soloselbständig oder auf 450 Euro (achtmal Technik, achtmal Produktion, 25 mal Hallenpersonal). Beispiel: nationaler Künstler (Zehn-Mann-Band) auf Hallentournee. Dahinter stehen 738 Personen ohne Hallengastronomie (44 mal Logistik, 163mal Technik, 41mal Produktion, 490 mal Hauspersonal) Beispiel: Viertägiges Festival für 45.000 Besucher mit 100 Bands. Dahinter stehen 2040 Personen (1260 Technik/Logistik, 235mal Produktion/Catering, 450mal Gastro, 95mal Medien/TV-Technik) Bei jedem dieser Beispiele sieht der Zuschauer in der Regel nur die Künstler vor dem Vorhang. Die dahinter werden nicht gesehen, auch nicht von der Politik. Das ist das aktuelle Dilemma. Kreisbote: Gibt es Lösungen? Wie wäre Ihr Weg raus aus dem Lockdown?
Lechner: Es muss Lösungen geben. Auch unsere Branche ist sehr bemüht, Wege aus der aktuellen Situation zu erarbeiten. In unserem Verband VABEG Event Safety haben wir zusammen mit Virologen einen Wahrscheinlichkeitsrechner für Infektionskrankheiten ausgearbeitet, den wir kostenlos zur Verfügung stellen. Darüber hinaus haben wir ein mittlerweile TÜV zertifiziertes Seminar zur Ausbildung als „Hygienebeauftragten für Veranstaltungen und Versammlungsstätten“ entwickelt. Mit diesem Knowhow können gute Hygienekonzepte erarbeitet werden. Es wendet sich an Verantwortliche für Veranstaltungen und Hausmeister, etc.. Grundsätzlich muss aber auch die Politik ihren Beitrag leisten. Die Politiker müssen unserer Branche zuhören und finanzielle Mittel bereitstellen. Da spreche ich aber nicht nur von der Regierung. Ich fordere jeden Bürgermeister auf, Budgets freizumachen, damit noch defizitäre Veranstaltungen im „Corona-Rahmen“ wieder stattfinden können. Ganz wichtig ist auch, dass das Publikum in uns vertraut, dass unsere Branche alles tut, damit Veranstaltungen auch im Hinblick auf den Infektionsschutz sicher sind. 

Kreisbote: In der Corona-Krise sprechen viele von einer Transformation der Gesellschaft und reden der Digitalisierung – Stichwort 5G, Video-Chats, Telkos u.a.m. – das Wort. Was aber passiert, wenn eine Gesellschaft des unmittelbaren Erlebens von Kultur mit allen Sinnen abschwört?
Lechner: Anfangs waren Live Streamings sehr gefragt. Ich erkenne hier einen nachlassenden Trend, insbesondere auch, weil von den Künstlern zu hören ist, dass sie den direkten Kontakt zum Publikum vermissen und dieser doch ein wesentlicher Bestandteil jeden Entertainments ist. Zwangsläufig werden die Menschen, vor allem in Zeiten des vermehrten Single-Dasein vereinsamen. Psychosen und häusliche Gewalt haben sich in der kurzen Zeit des Lockdowns schon exponentiell vermehrt. Konzerte und Schauspiel versetzen den Einzelnen in eine kreative und illusionäre Welt, die jeden mit seinen ureigensten Emotionen in Verbindung bringt. Fernab vom Alltag findet der Mensch zu seinen Sinnen und zu seinem wahren Ich. Ohne diese Erlebnisse werden die Menschen emotional verarmen. Eine rein virtuelle Welt stelle ich mir sehr trist und elend vor. Für alle, die jemals ein Konzert live erlebt haben, kann ich sagen, dass das Bedürfnis nach Live Erlebnissen auch zu den Grundbedürfnissen gehört. Deshalb appelliere ich an alle Entscheider, die Veranstaltungsbranche in diesen schwierigen Zeiten zu stützen und das Kultursterben zu stoppen.

Jörg Spielberg

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